Ein intelligenter Mann

Tragödie Hochbegabung kann scheitern
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Er saß wieder einmal so da, mit seinen verstümmelten Zähnen und den glasigen Augen. Er war schrecklich schüchtern und frech zugleich, frech hinsichtlich zu Frauen, besonders zu Frauen, die er für attraktiv hielt.
War er auch kein schöner Mann, so hatte er etwas Herausragendes an sich, nämlich seine bestechende Intelligenz, die ihm jedoch beinahe hinderlich war, da er beispielsweise von der Historie des Lebens, so viel wusste, das ein gewöhnlicher Mensch, eine derartige Intellektualität in Gänze nicht mehr verstehen konnte.
Jener Außenseiter also, mit den glasigen Augen und den unschönen Zähnen, dem spärlichen Haarwuchs auf seinem sonst kahlem Haupt, hinterließ bei seinen Mitmenschen einen zwiespältigen Eindruck. Einig waren sie sich jedoch, der Mann wusste zu viel, vielleicht sogar zu viel, so dass er ihnen gefährlich werden könnte, zumindest rein intellektuell.
Sein erhabener Verstand, machte ihn also zwangsläufig zum Außenseiter, zu einem Außenseiter jedoch mit dem Privileg eines reinen Verstandesmenschen, den sein profundes Wissen, komischerweise an den Rand der Gesellschaft drängte.
Er war sicher kein Angeber, eher im Kontakt mit seinen Mitmenschen sehr unsicher und unbeholfen. Und obwohl er vom Intellekt her, den anderen Bewohnern weit überlegen war, schaffte er es nicht, zur Gemeinschaft in seinem Ort zu zählen.
Auch mit seinen Gefühlen, hatte er im Gegensatz zu seinem wachen Verstand, so seine liebe Mühe. Das weibliche Geschlecht, bereitete ihm deshalb eklatante Probleme, war er doch kein Mann, der Frauen in seinem Ort oder sonst wo, direkt ansprechen konnte, um sie in ein Gespräch zu verwickeln, damit er ihre Gunst gewinnen konnte. Ja, dazu war er nicht in der Lage, denn seine krankhafte Schüchternheit spielte ihm diesbezüglich immer wieder Streiche, so das er Frauen, nur auf Distanz begegnen konnte, welchen Umstand er sehr bedauerte.
Sein Außenseitertum tat ihm auf die Dauer natürlich nicht gut! An manchen Tagen fühlte er sich mit unter depressiv und ausgegrenzt von der Gesellschaft, gleichwohl von einer Gesellschaft, die ihre spießige Herkunft nicht verleugnen konnte. Er pfiff auf gesellschaftliche Konventionen, weil er seine eigenen Konventionen hatte, die er mit niemandem teilen wollte und nur für ihn allein bestimmt waren. So lebte er mit seinen Konventionen und die Gesellschaft in seinem Ort, mit den ihrigen, so das es wenig Berührungspunkte diesbezüglich gab.
Dieser Außenseiter, blieb also ein Außenseiter – trotz seines herausragenden Geistes - war er doch als Intellektueller in seinem Ort respektiert, jedoch als Mensch, mochten sie ihn nicht. Er war ihnen auf seine Art unheimlich und unangepasst, so dass er nur für sich leben konnte und die anderen in seinem Ort, in einer Gemeinschaft lebten und ihn, den Paria, deshalb nur selten zu Gesicht bekamen.
So existierte dieser talentierte Mann in den Köpfen der Bewohner bald nicht mehr, so als hätte es ihn niemals gegeben. Nur in der schwachen Erinnerung der Einheimischen des Ortes, erzählte man sich hin – und wieder einmal ein paar Geschichten über diesen talentierten Mann, den eigentlich niemand so recht kannte.

14:12 07.08.2014
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Geschrieben von

Karl Valentin

Schreiber mit einem Schuss Ironie
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