1990: Sand im Getriebe

Zeitgeschichte Die Kirchen wurden in der DDR mal mehr, mal weniger bekämpft. Sie waren der Seismograf sozialer Schieflagen – und eine unverzichtbare Devisenquelle
1990: Sand im Getriebe
1989: Luther kehrt aus dem Weißensee-Exil zurück ins Zentrum Berlins

Foto: Imago Images

Die politischen Strukturen in der DDR waren nie dafür gedacht, Menschen zusammenzuführen, um kritisch über die Geschicke ihres Landes zu diskutieren. Das änderte sich im Herbst 1989, als die Kirchen das Mandat übernahmen, eine kontroverse gesellschaftliche Debatte am Zentralen Runden Tisch zu moderieren, der ab Dezember in Ostberlin tagte. Als Mediatoren traten Oberkirchenrat Martin Ziegler und Pastor Martin Lange, damals Sekretär der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in der DDR, in Erscheinung. Die katholischen Bischöfe, politisch eher abstinent, entsandten den Moraltheologen Karl-Heinz Ducke. In einer aufgeheizten inneren Situation waren die Kirchen berufen, konfrontative Stimmungen möglichst einzudämmen und jede Form von Gewalt zu verhindern. Sie zehrten in dieser Situation davon, während der 1980er Jahre Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen Raum zu Organisation und Selbstfindung gegeben – sich als Dolmetscher in Konflikten mit dem Staat verstanden zu haben.

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Für Unruhe und manchmal auch Protest hatte in der DDR immer nur die evangelische Kirche gesorgt. Ihre besondere Rolle rührte daher, dass sich der SED-Staat de facto auf protestantischem Boden befand. Hier hatte Martin Luthers Reformation 1517 ihren Anfang genommen. Die DDR war bei ihrer Gründung 1949 das einzige Land innerhalb des sich herausbildenden sozialistischen Blocks in Osteuropa, in dem es die regierende kommunistische Partei mit einer evangelischen Mehrheitskirche zu tun bekam. Für Luthers reformierte Kirche hatte die Predigt stets einen viel höheren Stellenwert als im Katholizismus beansprucht.

Erklärte sich daraus u. a. der relativ hohe Anteil evangelischer Pfarrer, die in der am 18. März 1990 gewählten Volkskammer saßen? 22 Abgeordnete hatten eine gültige Ordination: In der Kunst freier Rede waren Pfarrer geübt. Und das gesprochene Wort gehört seit Demosthenes zum unbedingten Rüstzeug eines jeden Politikers. Und egal, wie heute der SED-Staat bewertet wird, sein Territorium war protestantisches Kernland und die Mentalität vieler Menschen dort eine protestantische.

Die evangelischen Kirchen waren der einzige gesellschaftliche Raum, in dem ein von der SED unabhängiger politischer Diskurs geführt werden konnte. Synoden, Kirchentage und Gottesdienste waren die einzigen öffentlichen Veranstaltungen, auf deren Agenda der SED-Staat keinen direkten Einfluss nehmen konnte. Daher sind für den Historiker heute die evangelischen Kirchen, um ein Wort des früheren Magdeburger Bischofs Werner Krusche zu verwenden, ein wichtiger „Seismograf für die Rechte des Einzelnen“ in der DDR. Wie unter einem Brennglas bündelten sich hier die politischen Probleme eines ganzen Landes: Themen wie Mauerbau, Reisebeschränkungen, Umweltschutz, das nukleare Wettrüsten der Militärblöcke in Ost und West, die Herausbildung einer unabhängigen Friedensbewegung. Wenn auch die Staat-Kirche-Beziehungen die Gesamtgeschichte der DDR eher am Rande geprägt haben, so sind doch der Umbruch im Herbst 1989 und die Einheit schwerlich ohne Kenntnis der DDR-Kirchen und ihrer Geschichte zu verstehen.

Der SED-Staat betrieb zu jeder Zeit eine Politik, die darauf zielte, die Kirche in der Gesellschaft zurückzudrängen und als politischen Risikofaktor unter Kontrolle zu bringen. Parallel dazu verfolgten die Partei und das Ministerium für Staatssicherheit (und mit ihnen die Räte der Bezirke und Kreise) eine Bündnispolitik. Wie das Kaderreservoir der Blockparteien sollten auch die Christen zur aktiven Mitarbeit in der sozialistischen Gesellschaft gewonnen werden. Dieses Dilemma – Kampf gegen den Glauben bei gleichzeitiger Werbung um die Glaubenden – hat die Kirchenpolitik der SED seit jeher gekennzeichnet. Die Partei proklamierte für sich selbst ein Wahrheitsmonopol, das mit dem Anspruch der Kirche konkurrierte, auf die letzten Fragen des Menschen Antwort zu geben. Kirche und Religion galten im Denken der DDR-Staatspartei als Restbestand einer bürgerlichen Epoche, der sich eher früher als später erledigt haben sollte. Diesen Prozess galt es zu beschleunigen. In der Konsequenz wurden die Kirchen in der DDR mal mehr, mal weniger bekämpft – administrativ wie ideologisch. Daran war bemerkenswert, dass dieses Bestreben quasi selbst religiöse Züge trug. Versteht man unter Säkularisierung, dass sich eine Gesellschaft von der Religion befreit, so hat es diese in der DDR quasi nicht gegeben.

Immerhin gab es bis zum Schluss Staatsleistungen für die Kirche, 1989 noch einmal 18 Millionen DDR-Mark. Sicher wurden zu Lebzeiten der DDR Christen benachteiligt, hauptsächlich in der Bildung und bei den beruflichen Aufstiegschancen, aber sie wurden bis auf die frühen 1950er Jahre nicht verfolgt, wie das heute bisweilen Journalisten und verbitterte Ex-Bürgerrechtler weismachen wollen.

Dass sich ausgerechnet in der Ära Honecker die Bedingungen für kirchliches Leben spürbar besserten, wunderte schon damals: War doch unter seiner Federführung als FDJ-Chef in den Jahren 1952/53 der systematische Kampf gegen die evangelische Jugend- und Studentenarbeit geführt worden. Etwa 3.000 christliche Schüler und 2.000 Studenten wurden seinerzeit relegiert und verloren ihren Schul- oder Studienplatz. Etwa 70 Theologen und Jugendleiter kamen in Haft, doch unterblieben Schauprozesse. Anfang Juni 1953 sahen sich Parteichef Walter Ulbricht und Ministerpräsident Otto Grotewohl nach Moskau zitiert, um zum Kurswechsel verpflichtet zu werden. Woraufhin die DDR-Regierung die meisten gegen die Kirchen gerichteten Maßnahmen zurücknahm.

Die evangelische Kirche wollte, wie es einmal Manfred Stolpe, ab 1982 Konsistorialpräsident für Berlin-Brandenburg, formulierte, weder „Transmissionsriemen der Partei noch ein trojanisches Pferd der Konterrevolution“ sein. Die acht selbstständigen evangelischen Landeskirchen waren Sand im Getriebe des SED-Staats – aber auch dessen (Ersatz-)Motor: In den Jahren von 1957 bis 1990 wurden über die Konten der westdeutschen evangelischen Kirchen geschätzte 8,5 Milliarden DM in die DDR transferiert – die Kirche war für den DDR-Staat eine wichtige Devisenquelle. Etwa 50 Prozent des kirchlichen Gesamthaushalts im Osten wurden von den Westkirchen finanziert. Dank kirchlicher Transfergeschäfte war die DDR in der Lage, auf dem Weltmarkt einzukaufen. Zudem hätte es ohne kirchliche Vermittlung Häftlingsfreikäufe seitens der BRD in diesem Umfang nicht geben können: Zwischen 1964 und 1990 verdiente die DDR mit dieser Art von Menschenhandel ansehnliche 3,4 Milliarden DM.

Spätere Enthüllungen über die Zusammenarbeit etlicher Kirchenrepräsentanten mit der Staatssicherheit – erinnert sei nur an die Stolpe-Affäre in Brandenburg Anfang der 1990er Jahre – überschatten bis heute das eigentliche historische Verdienst der evangelischen DDR-Kirchen: Sie haben ihre Türen weit geöffnet für die Mühseligen und Beladenen – für Behinderte, Punks, „Gammler“, Homosexuelle, nicht zuletzt für die zum Verlassen der DDR Entschlossenen, die sich in der Regel staatlichen Schikanen ausgesetzt sahen. Ohne zu wissen, wann und ob ein Ausreiseantrag bearbeitet wurde, verloren sie oft ihre angestammte Arbeit, sodass die soziale Existenz bedroht war. Ein nicht geringer Teil dieser Menschen fand im kirchlichen Bereich Zuflucht, arbeitete auf Friedhöfen, in der Diakonie oder in Archiven. Alles in allem steht die evangelische Kirche der DDR für ein historisches Phänomen: eine an Mitgliedern schrumpfende Kirche, deren Einfluss in der Gesellschaft aber mit jedem Jahr zunahm. Im Sinne Dietrich Bonhoeffers war sie eine „Kirche für andere“.

06:00 08.04.2020
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Ausgabe 21/2020

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