Bier gewinnt

Europa Simone Schönett lässt die Roma einen eigenen, mobilen Staat gründen
Bier gewinnt
Da und doch nicht da: das Los der Roma seit Langem

Foto: Jonas Opperskalski/Laif

Ein Staat ohne Territorium, wie soll das gehen? Bei Thomas Hobbes war er noch ein Leviathan, ein Staatsungeheuer, das angeblich gebraucht wird, weil es die Menschen davor bewahrt, sich gegenseitig umzubringen. Hegel meinte in selbigem gar die „Wirklichkeit der sittlichen Idee“ zu erkennen. Ebendiese Wirklichkeit bringt für gewöhnlich drei Voraussetzungen mit: ein Staatsgebiet, ein Staatsvolk und – zu guter Letzt – die Staatsgewalt. Im neuen Roman Andere Akkorde von Simone Schönett ist nun alles anders, aber wirklich alles! Doch von vorn: In einer Hamburger Hafenkneipe träumt eine Gruppe Roma-Aktivisten davon, einen eigenen Staat auszurufen, nur eben ohne Land. Es bräuchte etwas, an das sämtliche Roma glauben könnten, von Portugal bis zum Ural. Warum nicht: Keine andere Minderheit steht so für den europäischen Traum wie die geschätzten zwölf Millionen Roma, die seit jeher Grenzen überwunden haben. Auf dem Kontinent sind sie das einzige „Volk“, das noch nie einen Krieg angezettelt hat.

Wissensschrank voller Asche

„Rom“ heißt „Mensch“, darauf kann sich die Runde noch einigen: Roma als Sammelbegriff. Es gibt Aschkali und Lautari und Ursari und so weiter. Eine der Frauen am Tisch, die Schriftstellerin Mattea, ist ihrer Herkunft nach eine Jenische, wie die Autorin. Die „Fahrenden“ sind in der Schweiz als nationale Minderheit anerkannt, ihre Sprache aber kommt aus dem Rotwelsch. Damit gehört Mattea aber nicht zu den „Gadsche“, den Nicht-Roma. Simone Schönett meidet konsequent das Z-Wort und bietet stattdessen einen Crashkurs zur Kultur der Roma, die als „tote Bibliothek“ beschrieben wird, in der die ausgelöschten Leben und das ausgelöschte Wissen Rücken an Rücken stehen und die Leerstellen bilden für das nie in Büchern Festgehaltene; ein „verglommener Wissensschrank voller Asche“, dem nichts mehr zu entnehmen ist und aus dem sich doch jeder bedient.

Spielerisch dekonstruiert Simone Schönett alte Mythen. „Roma stehlen Kinder“, heißt es. „Und Juden vergiften Brunnen.“ Letztere haben seit 1948 einen eigenen Staat. Wenn damit auch der Antisemitismus kein Ende gefunden hat, so doch wenigstens die staatlich organisierte Verfolgung der Juden in Europa – die Diffamierung der Roma ist bis heute bittere Realität. Etwa wenn in Bulgarien im Wahlkampf plötzlich die Forderung auftaucht, aus Roma Seife zu machen; wenn in Serbien Roma-Siedlungen zwangsgeräumt werden, und erst recht, wenn Städte in Österreich Bettelverbote erlassen. Oder auch, wenn in Deutschland längst integrierte Roma in den Kosovo oder nach Serbien abgeschoben werden. Immer wieder heißt es: „Ab ins Lager!“ Im Roman sagt Mattea darauf: „Wo doch so ein Lager unser natürliches Habitat ist und wir uns in der Gemeinschaft, unter Unseresgleichen, ja ganz besonders wohlfühlen. Beim Lagerfeuer, in der Lagerromantik. Bis hin zum Lagerkoller.“ Zu später Stunde dann, nach etlichen Bieren, fällt das erste Mal das Wort von der großen Kumpania, einer alten, beinahe vergessenen Organisationsform, einem Zusammenschluss verschiedener Roma-Gruppen. Darauf trinken sie. „Auf die Kumpania! Auf die große Einigkeit!“

Eines Tages wird aus dem Einfall eine Idee, genau genommen vier Jahre später, als ein Anschlag in Rom die Öffentlichkeit erschüttert. Eine junge Romni und ihr Baby werden ermordet, die Polizei geht von einer Fehde verfeindeter Roma-Clans aus; die Medien wiederholen die Meldung so lange, bis sie zur Wahrheit wird. Im Subtext lesen wir drei Buchstaben: NSU. Opfer werden zu Tätern gestempelt. Unter den Roma in Europa macht sich Entsetzen breit. Kinder sind ihnen heilig, nie würden sie ihre Kinder töten! Pogrome hat es in der Geschichte der Roma viele gegeben, dieser Mord aber bringt die Wende. Nach und nach erwachen immer mehr Roma aus der Lethargie. „Wir müssen uns in Europa in geballter Einigkeit zeigen. Erst dann wird man uns nicht mehr übersehen können.“ Und so nimmt die Idee der großen Kumpania nach und nach Gestalt an. Ein Roma-Parlament wird gewählt. Jede der 17 Gruppen hat sechs Delegierte, drei Frauen, drei Männer, die je eine Generation vertreten: die Jungen, die Mittelalten und die Alten. Es herrscht das Rotationsprinzip. Eine Verfassung wird ausgearbeitet. Eigene Pässe werden gedruckt. Sogar eine eigene Bank soll gegründet werden. Die Juristen im Parlament versuchen an das Prinzip der temporären Exterritorialität anzuknüpfen. Das ist spannend erzählt. 1945 habe zum Beispiel England eine Suite des Claridge-Hotels für einen Tag an Jugoslawien abgetreten, damit Kronprinz Alexander quasi auf heimischem Boden zur Welt kommen konnte.

Irgendwann kippt es

Als der Termin für die Staatsgründung endlich feststeht, machen sich aus ganz Europa die Clans und Familien auf den Weg nach Brüssel. Die Plätze der Innenstadt werden von Hunderttausenden Roma besetzt. Die Polizei zeigt sich heillos überfordert. Sobald ein Flecken geräumt ist, kampieren die nächsten dort. Die Ausrufung eines Staates stellt noch keine Straftat dar. Bei einem großen Fest fordern die Roma von der EU die Anerkennung. „Der mobile demokratische Staat“, erklärt der Sprecher der großen Kumpania, „das ist unser Gedanke, der für ganz Europa zukunftsweisend sein kann … Wir haben gehofft, dass wir im gleichen Frieden leben könnten wie alle anderen europäischen Bürger.“

Brüssel ist belagert. Überall in der Stadt sind die Roma. Und am Abend spielt das weltweit größte Orchester mit Tausenden Roma-Musikern als Open Air Beethovens Neunte Sinfonie: „Alle Menschen werden Brüder!“ Ein großartiger Roman ist das, irgendwann kippt die Geschichte, wird aus der Utopie eine Dystopie – was bleibt, ist ein neues Europa, das uns das richtige Europa mit anderen Augen sehen lässt.

Info

Andere Akkorde Simone Schönett Edition Meerauge 2018, 253 S., 24,90 €

06:00 24.06.2018
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