Die Bengels können Koreanisch!

Post aus Fernost I Unser Autor Karsten Krampitz ist mit dem Künstler Ulf Wrede in Korea unterwegs für die Wiedervereinigung. Teil 1 seines Reiseberichts

Neun Stunden Flug von Amsterdam nach Seoul, neun Stunden Enge – alle Knochen tun weh. An Bord haben wir noch ein Frühstück bekommen und kurz nach dem Ausstieg ging die Sonne unter. Ein ganzer Tag fehlt mir. Dann dauert es Stunden bis wir das Gepäck haben und durch den Zoll sind. Die Schilder können wir nicht lesen, wenn überhaupt sprechen die Leute nur ein sehr schlechtes Englisch. Offenbar ist Seoul die Weihnachts-Hauptstadt: alles leuchtet und blinkt und klingelt. Die völlige Reizüberflutung in der Fremde. Alles sauber, alles clean. Vor allem die Toiletten. Nur die Beschilderung an der Klotür ist etwas verwirrend. Es ist verboten, sich auf die Klobrille zu stellen resp. zu hocken. Wer kommt denn auf solche Ideen? Und überhaupt, warum laufen die Kids hier mit Mundschutz rum? Ist das ein Manga-Fetisch? Wir irren noch immer durch den Airport, auf der Suche nach der richtigen Bushaltestelle finden (Linie 6004). Wir müssen nach Gwangmyeong und von dort mit dem „Express Train“ und über 300 km/h nach Busan.

Kurzer Snack zwischendurch, die Wurst am Stiel. Alles in allem noch einmal sechs Stunden. Vor dem Bahnhof in Busan werden wir in Empfang genommen von Prof. Dr. Kim Seung-Ho, den wir uns viel älter vorgestellt haben. Unser Mailwechsel war ja doch etwas altbacken. Grüße von Else Gabriel werden ausgerichtet, Professorin an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Ihre Idee war es, dass diesmal Ulf und ich die Referate an der Dong-A University halten, im Rahmen der Vortragsreihe „Wert der Menschheit in der Gegenwartskunst“. Da sind wir die Experten: Ich werde über Poesie und Propaganda sprechen, die deutsche Teilung mit der koreanischen vergleichen. Und Ulf referiert über die Geschichte der Videokunst und die Unterschiede in Ost und West.

Aber erstmal checken wir ein im Asti-Hotel und gehen Essen. Wir sind da, aber noch nicht angekommen. Mein erster Jetlag. Hundemüde bin ich. Aber auch hungrig. Irgendwie scheint Busan das Hamburg Südkoreas zu sein. Eine Hafenstadt, wo man angeblich bei gutem Wetter Japan sehen kann. Alles ein bisschen kleiner, aber auch lauter als in Seoul, aber doch mit Flair. Das Restaurant in Nähe des Asti ist ganz charmant, aber wir verstehen eben nichts. Professor Kim bestellt für uns: Kukpap, also gekochtes Schweinefleisch mit jeder Menge Beilagen, Suppen usw.

Welche Beziehung ich persönlich zu Korea habe, fragt er. – Ich weiß noch: Ein Junge aus meiner Schulklasse hatte einmal nordkoreanische Propagandaheftchen mitgebracht. Keine Ahnung, wo er die Schmöker herhatte. Sein Vater war im DDR-Außenministerium angestellt. Offenbar lagen die Hefte dort herum. Bunte kitschige Bilder mit glücklichen Kindern und in der Mitte ein Mann in feldgrüner Uniform, den alle anhimmeln. Wir Kinder konnten die Schriftzeichen nicht lesen, haben uns damit aber dennoch in die Straßenbahn gesetzt und so getan als verstünden wir Koreanisch. Die Leute um uns haben gestaunt. Noch mehr haben sie gestaunt als mein Freund in seinem Propagandaheft ganze Zeilen mit dem Kugelschreiber unterstrich. Die Leute drängten sich um uns. So etwas gibt’s doch nicht! die Bengels können Koreanisch?! Woraufhin mein Schulfreund einen Kommentar an den Rand schrieb, gut sichtbar für die gaffenden Mitreisenden: „Siehe Lenin!“

Korea kann so lustig sein.

Karsten Krampitz ist Historiker und Schriftsteller. Er veröffentlichte unter anderem das Buch1976. Die DDR in der Krise.

Ulf Wrede, Jahrgang 68, ist diplomierter Jazzpianist und Bildender Künstler mit zahlreichen Ausstellungen und Stipendien im In- und Ausland, zusammen mit Else Gabriel als Künstlerduo (e.) Twin Gabriel. Seit 2000 betreibt er mit seiner Firma Creme „Video-Archäologie“ im Kunstsektor

17:30 21.12.2018
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