Das Kamel lacht

Alltag Berliner Abende

Sonst ist hier Wiese. Im Sommer steht das Gras hoch, es wachsen Blumen darin und Kräuter, mitten in der Stadt, von denen kenne ich nicht mal den Namen. Schmetterlinge fliegen, Hunde tollen, es gibt Trampelpfade, auf einem kürze ich immer meinen Heimweg ab, wenn ich vom Bus komme. Eine Tankstelle gibt´s gleich daneben, die einmal MINOL hieß, ein Stück weiter kann man Beach-Volleyball spielen. Dann steht da ein polnisches Ehrenmal. Für eure und unsere Freiheit. Skater haben es fest im Griff, man sieht sie bei ihren Flips und Airs.

Einmal begegnete mir auf meinem Trampelpfad ein alter Mann. Er schimpfte. Früher hätt´s das nicht gegeben. Was, fragte ich? Das Gras, knurrte er und befahl: Das muss kurz! Recht hatte er, früher hätt´s das nicht gegeben. Da standen hier Mietshäuser. Ein geschlossenes Areal zwischen dem Volkspark Friedrichshain und dem angrenzenden Bötzowviertel. Fünfgeschossige Gründerzeitbauten, Vorderhaus, Hinterhaus, enge Höfe. Im Krieg wurde alles zerbombt und der Rest von der Waffen-SS gesprengt, um freies Schussfeld zu haben gegen die anrollenden sowjetischen Panzer. Die Mieter wurden aus den Ruinen getrieben, in denen sie noch hausten, dann zerfiel alles zu Schutt. Die Panzer rollten trotzdem. Zu DDR-Zeiten sollte ein Jugend-Kaufhaus hierher oder ein Jugend-Hotel, ursprünglich sogar mal der Fernsehturm. Über all das wächst nun Gras, wild und schön und hoch, ob es dem Alten passt oder nicht, die Zeiten sind andere. Jetzt kann der Zirkus kommen.

Plötzlich steht ein weiß-roter Zaun da. Ein Junge schiebt einen knatternden Rasenmäher, Wohnwagen parken, an jedem klebt eine Satellitenschüssel. Kamele, Lamas, Pferde treffen ein und ein Wagen mit Heu. Es wird ein Zelt aufgestellt. Tatsächlich: Ein Zirkus bezieht Quartier. Von meinem Schreibtisch aus, quer über die Straße, kann ich es sehen. Die Straßenbahn fährt vorbei und der Bus, dichter Verkehr den ganzen Tag, die Tiere gucken zu. Abends leuchtet überm Zelt in Glühlampenschrift das Wort Circus. Am Zaun steht ein Mann und raucht. Sein Kinn und die Wangen sind weiß geschminkt, er muss der Clown sein.

Ich kaufe mir eine Karte. Die Verkäuferin sitzt hinter einer undurchsichtigen, zerkratzten Plastikscheibe, zum Glück sind ein paar Löcher darin, dass die Frau Luft bekommt. Der Zirkus ist klein, die Vorstellung ausverkauft. Neben mir sitzt eine Russin mit ihrer Tochter. Zum letzten Mal war ich im Zirkus in St. Petersburg, als es noch Leningrad hieß. Dort gab es ein riesiges Zelt, ein großes Foyer, ein Programmheft, ein kleines Live-Orchester spielte, alle aßen das berühmte Moskauer Eis.

Hier ist es um vieles kleiner. Miss Natascha zeigt eine Nummer am Vertikalseil, später hat sie plötzlich einen anderen Namen und jongliert ein Feuerrad. Es gibt eine ellenlange Clownsnummer, Artistinnen, Pferde und Ponys, und die sechsjährige Cindy Michelle muss auch mitarbeiten, sie lässt Hula-Hoop-Reifen kreisen. In der Pause verkaufen die Artistinnen Cola und Bier, der Clown Bratwürste. Die Musikanlage setzt manchmal aus, der Stimmung tut es keinen Abbruch. Als es weiter geht, tritt ein Kamel auf, ein großes schönes Tier. Es ist nicht ganz klar, was es eigentlich kann, außer im Kreis zu gehen. Aber das Publikum applaudiert natürlich trotzdem. Da zeigt es seine Zähne. Es hat die wichtigste Lektion längst gelernt: immer lächeln!

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