Märchenbrunnen

Berliner Abende Kolumne

Es ist Mitte Januar und wir haben Frühling in Berlin. Einen verregneten Frühling. Wasser steht auf dem Flachdach des Wartehäuschens und tropft von allen Seiten auf mich herab. Ich warte auf meinen Bus. Wäre das Dach über mir aus Glas, könnte ich in wässrigen Wolken Krähen schwimmen sehen.

Eine Mutter zerrt ihr Kind über die Straße, blickt sich suchend um, nimmt mich ins Visier. Über die Pfütze vor meinen Füßen kreuzt ein Laubblatt vom letzten Herbst. Wo denn die Friedrichstraße sei? Hier nicht. Aber wir sind extra mit dem Bus hergefahren, wo sind wir denn? Am Friedrichshain. Dann haben wir uns wohl verirrt, Friedrichshain, Friedrichstraße. Sie bemüht sich nach Kräften um gute Laune und die Sympathie ihrer Tochter. Oder um meine? Das Blatt weht von der Pfütze fort, das Kind steht steif und trotzig. Ich raffe mich auf und gebe den Stadtführer. Hier ist der Eingang zum Volkspark Friedrichshain, das da drüben ist der Märchenbrunnen. Der Märchenbrunnen?! Mutti ist begeistert. Willst du dir den ansehen? Das Kind tropft von seiner Kapuze herab und interessiert sich einen Dreck für den ollen Brunnen. Recht hat es. Kein Wasser im Bassin außer Regen, kein Frosch speit irgendeine Fontäne und die Sandsteinfiguren am Beckenrand sind unsichtbar. Man hat sie in lauter Bretterhäuschen eingesargt. In sehr stabile, komfortable Bretterhäuschen, mit Metallstreben an allen Seiten und jeweils einem kleinen Spitzdach obenauf. Geschützt vor Frost und Vandalismus. Wie die Humboldts vor der Universität. Mancherorts hausen Familien in schlechteren Hütten.

Würden Sie uns eventuell den Brunnen zeigen?

Also gehen wir da hin. Ich bin ein bisschen ratlos, was ich sagen soll. Es sieht alles so trostlos aus. Neulich haben sie oben auf der Kolonnade den Hirschen neue Geweihe aufgesetzt, erzähle ich, drei Arbeiter von einem Steiger aus. Und das Sandmännchen, kann ich mich erinnern, war auch schon mal hier unterwegs. Das ist aber lange her. Sandmännchen, ruft Mutti. Das Kind nickt und gähnt. Wenn das Sandmännchen im Bett ist, nachts, ist der Märchenbrunnen vor allem berühmt für sein schwules Treiben. Das erzähle ich aber nicht. Was wollten Sie denn auf der Friedrichstraße? Ein neues Handy kaufen. Sie lächelt. Tja, sage ich, das gibt´s hier nicht.

Also da drüben ist Aschenputtel. Und daneben Hans im Glück. Sicher bin ich mir aber nicht, die Särge sehen alle gleich aus. Maßarbeit von überqualifizierten Hartz-IV-Empfängern. Und da ist Rotkäppchen. Rotkäppchen! Ich habe auf den richtigen Knopf gedrückt. Das Mädchen läuft und drückt sein Ohr gegen das nasse Holz. Wir laufen hinterher. Rotkäppchen steht in der Kiste drin und streichelt dem Wolf das Fell, erkläre ich. Aber das Kind hört nur noch, was ihm Rotkäppchen zuflüstert. Der "Kleine Prinz" fällt mir ein. Zeichne mir ein Schaf, verlangt er immer wieder von dem Piloten. Ist nie zufrieden. Endlich malt ihm der Pilot entnervt eine Kiste. Da, sagt er. Da drin ist dein Schaf. Und der Kleine ist glücklich. Genau so hatte er´s sich vorgestellt.

Heike Heinelt, stellt sich die Frau vor. Streckt mir ihre Hand entgegen. Wenn wir uns in einer romantischen Komödie befänden, gäb´s jetzt eine Überblendung, die Sonne schiene, die Märchenfiguren stünden befreit und die Frösche spieen Fontänen. So aber bleiben wir im Regen stehen, ich sage: Aha, angenehm. Und das Kind lauscht.

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