Selbstgespräch

Berliner Abende Was machen wir heute Abend? Wir könnten ins Kino gehen. Sex and the City zum Beispiel. Der Film läuft ganz in der Nähe, seit drei Wochen. Jede Stunde ...

Was machen wir heute Abend? Wir könnten ins Kino gehen. Sex and the City zum Beispiel. Der Film läuft ganz in der Nähe, seit drei Wochen. Jede Stunde in einem der Säle von neuem. Monokultur in Dolby Surround. Das lassen wir lieber. Wir beschließen, uns einfach einen gemütlichen Abend zuhause zu machen.

Nach Hause zu kommen, ist allerdings schwierig. In Kürze beginnt ein Deutschland-Spiel. Ganz Berlin hetzt an die Bildschirme, Ausnahmezustand auf den Straßen, der Verkehr kollabiert. Vor mir ein Wagen, darauf steht: Chill Grill. So ungefähr könnte der Abend laufen.

Dann sind wir da. Es stehen noch zwei Bier im Kühlschrank. Gut, dass ich die gekauft habe. Ich bin immer überrascht und freue mich, wenn ich was richtig gemacht habe. Oder irgendein andrer. Ich gehe nie davon aus. Bin ich frustriert? Oder aus Erfahrung klug? Wir lümmeln uns auf die Couch. Schauen wir mal, wie das Spiel so läuft.

An dieser Stelle muss ich Ihnen etwas gestehen. Ich habe gelogen. Ich sprach von mir im Plural wie früher die Majestäten. Aber nicht wir fuhren nach Hause und sitzen nun vorm Apparat. Sondern ich allein. Ich und mein Bier. Das las sich derart deprimierend, das wollte ich Ihnen nicht zumuten. Dabei ist es gar nicht so schlimm. Nein, wirklich, überhaupt nicht. Immer interpretieren wir in die Sachen viel zu viel rein.

Mein Deutschlehrer war der Ansicht, man kann überhaupt nicht irgendwas irgendwo hinein interpretieren. Man interpretiert, was da ist. Anders ginge es nicht. Auch das Wort gebe es gar nicht. Ich bin anderer Meinung. Man kann das Gras wachsen hören oder eine Nachtigall trapsen. Sich Dinge schönreden und was zurechtbiegen. Erleben wir das nicht jeden Tag? Ich bin zum Beispiel abergläubisch, ich weiß, wovon ich rede.

Oder beim Fußball. Da wird auch mächtig viel reininterpretiert. Es scheint um raffinierte Taktiken und komplexe Vorgänge zu gehen, um Psychologie auf dem Rasen und die Ehre der Nation. Könige der Herzen oder tragische Helden, je nachdem. In Wahrheit wollen die Jungs möglichst viel Geld verdienen und gelegentlich die Murmel ins Tor ballern.

Oder diese andere Messe, die wir zelebrieren. Diese Sache mit Gott. Was ist das denn? Die große Erklärung für alles? Oder ein bisschen Rummelplatz für die Armen, inklusive Zuckerwatte und Geisterbahn? Auch da kann man bekanntlich geteilter Meinung sein. Was hat die gute alte dicke Schrift nicht schon an Auslegung erfahren. Bald erscheinen die Gedankengänge des Hirten Ratzinger in 13 Bänden.

Meine Gedankengänge sind kürzer. Ich bemühe mich, die beiden Grundregeln des Schreibens zu befolgen. Erstens: Du sollst nicht langweilen. Zweitens: Keep it simpel, stupid. Bin ich nun also doof? Oder spinnen die andern? Ich frage mich das oft in letzter Zeit.

Auf der Fahrt nach Hause sah ich eine Katze. Mitten auf der Straße schien sie etwas zu fressen. Als ich näher kam, erkannte ich, dass sie ihr Junges leckte, das einer totgefahren hatte. Lecken hilft, dachte sie. Vom Tod wusste sie nichts. Natürlich, Sie sagen, Katzen denken nicht. Recht haben Sie. Trotzdem schnitt mir das Bild ins Herz, und ich habe es noch immer vor Augen.

Das Spiel übrigens... Naja, Sie wissen ja, wie es ausging.

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