Thälmann im Herbst

Berliner Abende Ich bin zu früh und warte auf einen Freund. Wir wollen in das kleine ­Theater unterm Dach am Thälmannpark. Also vertreibe ich mir die Zeit und ...

Ich bin zu früh und warte auf einen Freund. Wir wollen in das kleine ­Theater unterm Dach am Thälmannpark. Also vertreibe ich mir die Zeit und durchstreife das angrenzende Wohngebiet. Mein MP3-Player spielt Carlos Gardel. Los Inmortales del Tango. Das Laub leuchtet auf nassen Wegen. Ein abgestürzter Drachen hängt in den Ästen. Es ist ein paar Tage vor Halloween. Einige Kinder haben schon ihre Gruselkostüme angezogen. Die Gesichter stecken hinter grünen Monsterfratzen, und unter schwarzem, wehendem Tuch verschwinden ihre Köpfe wie einst die von Fotografen. Sie toben um das Thälmann-Denkmal, quietschen und schreien. Gespenster am toten Mann. Von breiten Schultern, vor wallender Fahne blickt "Teddy" über die Freifläche vor ihm, rüber zur Greifswalder Straße, die laut und schmutzig ist wie stets. Seit mehr als 20 Jahren guckt er so, unbeirrt, und ballt seine Bronzefaust. Damals war´s Kitsch. Heute ist es Trotz? In das Thälmann-Gesicht ist dem Bildhauer Kerbel, wie in all seine großen Köpfe, ein Schuss Lenin hineingeraten. Das sollte sicher was bedeuten. Oder er konnte es nicht besser.

In der Kleinstadt, aus der ich komme, gab´s auch so einen Untoten, einen richtigen Lenin, schlank, aufrecht, aus rotem Stein. Er stand im Stadtpark, hielt einen Arm ausgestreckt, und weil die Tauben auf ihn schissen, wurde er regelmäßig geputzt. Lenin weist uns den Weg in die Zukunft, erklärte meine Heimatkundelehrerin. Alle Schüler nickten. Dabei wussten wir es besser. Lenins Rechte wies auf das Einfamilienhaus vom Nervenarzt Kittler, der ein reicher Mann war.

Der ist da nun weg, der Russe. Was aus Dr. Kittler geworden ist, weiß ich nicht. Thälmann hier steht noch. Und wird von hohen Scheinwerfern mit Licht überschüttet. Wann verhüllt den mal einer, denke ich, so wie letztens den Chemnitzer Marx?

Ein stiller Mann tritt jetzt auf. In einem sauberen, gebügelten Hemd kommt er aus den Büschen. Er hat eine Sporttasche dabei, stapft von Papierkorb zu Papierkorb und sucht nach leeren Flaschen. Die Gespenster laufen davon, mit lautem Gejohle. Thälmann guckt zu. Von einer zurückliegenden Farbattacke her läuft ihm etwas Nasses aus dem linken Auge. Auf dem Sockel haben Home Thief, Twin Spark und Spacehamster ihre Künstlernamen hinterlassen. In meinen Ohren singt Carlos Gardel sein Lied Volver, das man aus Pedro Almodóvars Film kennt. Eine Krähe pickt ein weggeworfenes Butterbrötchen aus glänzendem Stanniolpapier. Darüber meckert eine Elster. Beim Schnitzel-König gegenüber soll es die größten Schnitzel Berlins geben. Und in der Eckkneipe ein paar Häuser weiter sind heute Eisbein und Skat angesagt, Voranmeldung erwünscht. Die Videothek hat auch noch auf. Im Schaufenster leuchtet eine Kette Kürbislämpchen, und man hat die Plakate und Pappaufsteller in künstliche Spinnweben eingenetzt. Der Film Night of the Living Dead ist im Angebot.

Der Abend geht hinüber in die Nacht. Mit einem Schlag färbt sich der Himmel rot, ein kurz loderndes Feuer. Ich gehe zum Theater. Der Himmel glüht, fast möchte ich sagen, leidenschaftlich. Und ich denke: Was für ein Abschied für einen ganz gewöhnlichen Tag, was für ein Untergang.

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