„Brüssel ist ein Labor“

Interview Europa ist langweilig? Einen Europa-Roman will keiner lesen? Nein. Robert Menasse beweist das Gegenteil
„Brüssel ist ein Labor“
Durch Brüssel weht ein alteuropäischer Geist

Foto: Romy Arroyo Fernandez/Zuma/Imago

Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse steht mit seinem Roman Die Hauptstadt auf der Shortlist und wird als Deutscher-Buchpreis-Träger gehandelt. Zum Interview treffen wir uns aber weder in Brüssel, wo der Roman spielt, noch in Wien, wo Menasse lebt, sondern in Berlin.

der Freitag: Herr Menasse, Sie waren während der Terroranschläge 2016 in Brüssel. Einerseits hat man – obszön gesagt – Material, andererseits wird das Romanprojekt dadurch ja noch existenzieller, oder?

Robert Menasse: Wissen Sie etwas Schauerliches? Als ich den Roman komponiert habe, war klar, dass am Ende der Anschlag ist. Es klingt so schauerlich, wenn ich das sage, aber den Anschlag habe ich geplant – und dann ist er wirklich passiert.

Und am Anfang des Romans läuft ein Schwein durch Brüssel.

Das Schwein ist eine Universalmetapher: Vom Glücksschwein bis zur Drecksau. Jeder will Schwein haben, da steht es für Glück. Die Judensau für Ausgrenzung. Das Sparschwein ist das Wappentier des Kleinbürgers, der Schweinebraten das Lieblingsessen vieler, aber das unreine Tier schlechthin für eine andere Kultur. Es ist für Menschen ein Schimpfwort, wird aber in Kinderbüchern putzig vermenschlicht, vom Schweinchen Babe bis zum Schweinchen Schlau. Und es ist im Roman vielleicht auch das, was Adorno den Rätselrest genannt hätte. Das zu interpretieren überlasse ich dann Ihnen.

Sie haben 2012 einen Essay geschrieben, in dem die Brüsseler Bürokratie überraschend gut wegkommt. Dort arbeiten polyglotte Menschen und Idealisten. Ist mit dem Essay die Idee für Ihren Roman entstanden, gleichsam als Korrektiv?

Umgekehrt, die Romanidee stand am Anfang. Aber nach einiger Zeit in Brüssel habe ich gemerkt, dass ich beim Schreiben in einen essayistischen Ton verfalle. Ich dachte, das ist kein Roman, das ist zu thesenhaft. Ich beschloss, da schreibe ich eben erst den Essay, dann ist der aus dem Kopf.

Und nun hat man da so schillernde Figuren wie Kai-Uwe Frigge. Muss man sich den als SPD-Mann vorstellen?

Ich habe über ihn viel nachgedacht, aber jetzt, wo Sie mich das fragen, fällt mir auf, ich habe ihn politisch nicht zugeordnet. Aber es ist höchst wahrscheinlich, dass er Sozialdemokrat ist, ja. Auf jeden Fall ist er ein Hanseat, in diesem ganzen Habitus.

Apropos: Martin Schulz zeigt zurzeit ja wenig von seiner Kernkompetenz, Europa, dafür deutschtümelt er …

Mich überrascht es sehr, dass er sein größtes Asset nicht stärker ausspielt. Ich habe Martin Schulz in Brüssel kennengelernt, und sehr dafür bewundert, mit welchem Engagement er die Rolle und die Kompetenzen des Europäischen Parlamentes ausgeweitet hat. Ich glaube, er konnte gar nicht anders, als in die Nationalismusfalle zu tappen, weil das automatisch allen passiert, die sich nationalen Wahlen stellen.

Zur Person

Robert Menasse wurde 1954 in Wien geboren. Mit einer Arbeit zum „Typus des Außenseiters im Literaturbetrieb“ promovierte er 1980 zum Dr. phil. Menasse hat zahlreiche Romane, Stücke und Essays veröffentlicht. Zuletzt viele Publikationen über Europa

Foto: Rafaella Proell

Sie beschreiben die Arbeit der Behörde mit viel Liebe fürs absurde Detail. Dieses Brennverhalten bei Angora-Unterwäsche, gibt es das?

Ja, es gibt solch eine Richtlinie.

Ihr Blick auf Brüssel scheint mir noch aus einem anderen Grund liebevoll: Es steht für das alte Europa, das Europa der Friedhöfe, der Säufer-Kneipen, das Joseph-Roth-Europa. Würden Sie dem zustimmen?

Ja. Ich habe dem Roman ein Gemüt mitgeben wollen. Das hat damit zu tun, dass Brüssel heutzutage gewissermaßen ein Labor ist, wie die Habsburgermonarchie vor den beiden Weltkriegen. Die war ein multiethnisches, vielsprachiges Gebilde mit gemeinsamer Verwaltung, einem gemeinsamen Markt, einer gemeinsamen Währung, dem Gulden. Es gab eine Staatlichkeit, ohne den Anspruch, eine Nation zu werden. Die Nationalisten haben das Gebilde zerstört. Ich sage es brutal – die verschissenen Nationen produzierten autoritäre Systeme, Bürgerkriege, Misere, Trümmerhaufen. Die Laborsituation zeigt sich heute wieder in Brüssel. Brüssel ist die Hauptstadt eines Landes, das keine Nationsidee hat. Gleichzeitig ist Brüssel eine Stadt mit drei Amtssprachen, dann kommen noch die 60, 70 Sprachen dazu, durch Migration, Arbeitsmigration ...

Ein idealer Melting Pot …

… ja, und auf eine groteske Weise so kompliziert konstruiert, widersprüchlich, wie auch die ganze EU. Brüssel hat 19 Bürgermeister. Was wir Brüssel nennen, ist eine Region – Brüssel ist ja nur das Zentrum. Durch Brüssel weht aber ein alteuropäischer Geist, der wirklich etwas Joseph-Roth-haftes hat, das ist mir erst nach und nach aufgefallen. Da ist eine starke Wehmut und Schwermut in den Gängen der europäischen Kommission, in den Arbeitszimmern, weil die Menschen dort sehen, dass so gut wie alle Bemühungen irgendwann gegen eine Betonwand fahren.

Wie das „Jubilee Project“ – mit dem sich das Projekt Europa auf seine Wurzeln im Holocaust besinnen soll. Es endet buchstäblich in einem absurden Besuch in Auschwitz.

Was im Vernichtungslager Auschwitz passiert ist, kann kein Künstler beschreiben. Das müssen die erzählen, die es überlebt haben, und diese Erzählungen müssen aufbewahrt und immer wieder abgerufen werden. Man kann aber die Musealisierung und die Tragik-Komik, die dort stattfindet, erzählen. Das beginnt damit, dass man aus dem Hotel herauskommt, vor dem ein Bus steht, auf dem steht „Auschwitz Best Price“. Ich bin damals im Januar nach Auschwitz gefahren, es war bitterkalt und ich sehr warm angezogen. Ich habe mich gefragt, wie ein Mensch bei der Kälte dort auch nur eine Woche überleben konnte, wenn er nicht gleich ins Gas gehen musste. Und als ich dann aus der Gaskammer und dem Krematorium wieder ins Freie kam, war ich in einer Stimmung, dass ich geglaubt habe, wahnsinnig zu werden.

Wie der Referent Susmann bei seinem Besuch im Roman …

Die Wände im Krematorium sind ja alle schwarz. In dem Moment, als ich mit dem Finger darüber strich, wurde mir bewusst, dass das der Ruß der verbrannten Leichen war, den ich da auf meiner Fingerkuppe hatte. Ich habe mir den Ruß an die Hose gewischt, bin raus und habe mir eine Zigarette angezündet. Dann kam ein uniformierter Mensch auf mich zu, baute sich streng vor mir auf und sagte, dass in Auschwitz Rauchverbot herrsche. Verstehen Sie? Wie absurd das alles ist.

Ja. Es gibt in Ihrem Roman viele traurige Männer, finden Sie nicht auch?

Diese Trauer hat verschiedene Gründe. Die griechische Zypriotin Fenia ist auch in gewisser Weise schwermütig. Die Figur des Professor Erhart ist ein Vertreter der Generation Kohl und Mitterrand. Man kann sehr viel kritisieren an ihrer Politik, aber es gab keine Zweifel: Sie wussten, worum es in Europa geht.

Vielleicht braucht es einen Hauptstadt-Fußball, wo man Multikulturalität mit Resten von Nationalismus charmant zusammenbringen kann? Sie erzählen ja die schöne Geschichte von der Internationale …

Das habe ich mit zwölf Jahren selbst erlebt. Und wollte es immer einmal verwenden. 1966 spielte Internazionale Mailand in Wien gegen Real Madrid. Das war das Europacup-Finale. Mein Vater bekam als ehemaliger österreichischer National-Fußballer Ehrenkarten. Ich war ganz aufgeregt, denn Ferenc Puskás, einer der besten Fußballer der Welt, spielte damals bei Real. Was ich nicht begriffen hatte, war, dass sie der Kapelle statt der Noten für die Hymne für Mailand irrtümlich diejenigen für die kommunistische Internationale gegeben haben. Mein Vater ist bleich geworden. Es gab ein Raunen und Rufen. Mein Vater hat mir die Situation dann erklärt. Sie ist mir unvergesslich. Ferenc Puskás spielte an diesem Tag grottenschlecht. Real Madrid verlor 3:1. Und später habe ich mich gefragt, ob es sein kann, dass Puskás – der aus dem stalinistischen Ungarn nach dem Aufstand flüchtete – die kommunistische Internationale so paralysierte.

06:00 26.09.2017
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