„Ein harter Beruf“

Interview Auch der beste Lehrer kann soziale Ungleichheiten nicht wegerziehen, sagt Jürgen Kaube
„Ein harter Beruf“
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Montage: der Freitag, Material: Getty Images

In seinem Buch mit dem Titel Ist die Schule zu blöd zu für unsere Kinder? (Rowohlt) plädiert der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Jürgen Kaube, dafür, dass Schulen mehr Freiheit haben sollten. Warum sollte man an der Nordsee genauso unterrichten wie in den Alpen?

Der Max-Weber-Biograf findet auch, dass auf Lehrern heute zu viele Erwartungen lasten. Das Studium sollte sich wieder stärker an die Fachwissenschaften angliedern. Am besten wäre, wenn sich Bildungspolitik wenig einmischte. Dass die digitale Schule die Zukunft ist, hält er für einen großen Irrtum.

der Freitag: Herr Kaube, glauben Sie wirklich nicht daran, dass Schule ein System ist, das Chancenungleichheit hervorbringt?

Jürgen Kaube: Nun ja, es gibt natürlich Chancenungleichheit im Bereich der Bildung. Aber sie kommt stärker aus der Gesellschaft, der Familie, dem Wohnmilieu, als aus der Schule. Es ist nicht so, dass Kinder mit denselben Voraussetzungen starten, und dann macht erst die Schule sie ungleich. Die Schule wiederum steht unter paradoxen Anforderungen. Sie soll Chancenausgleich befördern, und sie will die Individualität stärken. Individuell heißt ja aber ungleich. Die Schule ist ja geradezu da, um Unterschiede zu fördern und die richtige Antwort gegenüber der falschen vorzuziehen. Man könnte natürlich auch allen dasselbe Zertifikat geben. Dann aber entscheidet die nächste Stufe im Bildungsgang über Ungleichheit.

Zertifikate, die etwas wert sind, werden dann später erworben. Für viel Geld.

Wenn alle Abitur haben, kommt es zu Aufnahmeprüfungen der Hochschulen. Die Möglichkeiten, sich darauf vorzubereiten, sind aber wieder ungleich verteilt. In Frankreich und in den USA investieren die Eltern sehr stark in Vorbereitungskurse und in die Auswahl der Schule. Ich glaube, man verhebt sich, wenn man glaubt, Schule könnte etwas so Hartnäckiges wie soziale Ungleichheit wegerziehen. Auch wenn dann oft das Argument zu hören ist, dass das anderen Ländern besser gelänge.

Finnland. Der Pisa-Gewinner im Schock-Jahr 2000!

In einer Studie kam heraus, dass Algerien das am meisten Gleichheit produzierende Schulsystem hat. In Algerien ist das der Preis einer immensen Leistungsschwäche. Ich kann ja Gleichheit herstellen, indem ich einfach die Standards senke. Die Finnen sollen Gleichheit mit Leistungsstärke kombiniert haben, sagen aber auch, dass die Schüler bei ihnen so gleich rauskommen aus der Schule, weil sie relativ gleich reingekommen sind. Weil es insgesamt mehr gesellschaftliche Gleichheit gibt.

Ich bin katholisch aufgewachsen. Auf einem Bauernhof. Das Abitur war eine unwahrscheinliche Option. Des Realschulrektors Dünkel hätte die „Bildungskarriere“ fast verhindert.

So etwas würde ich nie bestreiten. Früher mussten Mädchen, heute vielleicht Migranten viel mehr leisten, damit Lehrer finden, das Kind soll die nächste Stufe erklimmen. Das ist in der Tat ein empörender Zustand. Hinzu kommt ein schichtbestimmtes Verhalten, Risikovermeidung vielleicht in Ihrer Familie, bildungsbürgerliches Selbstverständnis in der anderen Familie. Die Frage ist, wie eine Bildungspolitik das vermeiden will.

Die Kategorie „Arbeiterkind“ ist Ihnen zu pauschal?

Jedes einzelne Bildungsgeschehen ist doch ein individuelles. Da geht aber in die Statistik zum Beispiel der Bildungsreproduktion von Oberschichten ein Verfassungsrichter ein, aber auch ein Fußballspieler. Da wird der Sohn des studierten Bauingenieurs vielleicht Koch. Es gibt Arbeitereltern mit Ambitionen und solche ohne, Migrantenkinder mit und ohne Unterstützung durch die Familie. Und wenn ein Arbeiterkind es zum Studium geschafft hat, sind seine Kinder nicht Arbeiterenkel, sondern Akademikerkinder, es verschwindet also mit einer Generation die Herkunftsbezeichnung.

Stichwort Akademisierung. Kriegt man keine Lehrstelle mehr ohne Abitur?

Wenn man 40 Prozent eines Jahrgangs zum Abitur führt, bewerben sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Abiturienten um attraktive Lehrstellen. Die machen damit aber keinen biografischen Fehler. Warum sollte man jemandem, der Schreiner werden will, raten, BWL oder Jura zu studieren? Es gibt auch Anwälte ohne Mandanten. Wir leben in einer Suggestion. Studieren bedeutet nicht automatisch Aufstieg. Das sind zu enge Vorstellungen von Biografie.

Die Schule schaut hypernervös in die Zukunft. Das färbt auf den Lehrer ab. Er scheint das schwächste Glied in der Kette.

Lehrer können sich schon wehren, wenn sie es wollen. Der Lehrplan ist im Prinzip auch nur ein Text, der über den Schulen abgeworfen wird. Gerade was die Kompetenzen angeht, ist völlig unklar, was das heißen soll im Einzelnen, diese Hunderte von Fähigkeiten, die Schüler erwerben sollen, von der Grundschule an. Da verdoppelt man eigentlich, was sie tun, und hängt das Wort Kompetenz hintendran. Lesekompetenz, Abstimmungskompetenz, Unterstreichkompetenz. Das ist eine Art Gewissensberuhigung für Bildungsbürokratien. Dabei ist schon viel gewonnen, wenn Unterricht überhaupt stattfindet, wenn er kognitiv interessant ist, wenn die Größe der Klasse es der Lehrkraft erlaubt, den Einzelnen im Blick zu haben. Dass es einen Lehrplan oder ein Prüfungsgeschehen gibt, das einen diagnostischen Sinn hat und nicht „Lernen für die Prüfung“ auslöst. Etwas anderes ist die Frage, was eigentlich unterrichtet wird. Da haben die Schulen zu wenig Gestaltungsfreiheit.

Inwiefern?

Der Lehrer kann oft keine eigenen Schwerpunkte setzen. Er wird auch nicht dazu aufgefordert. Es gibt wenig Anreize für Fantasie. Die Römer haben mehr Stunden als die Griechen, die Mesopotamier kommen im Lehrplan vielerorts gar nicht vor. Aber warum? Warum wird die Zahl der Kiemenblättchen beim Fisch abgefragt? Weshalb werden in den Fremdsprachen Vokabeln geübt, in Deutsch aber nicht? Im Sachunterricht kommt Hessen dran, obwohl die Kinder aus Frankfurt so selten in Kassel wie in München sind. Ich kann mir viel mehr vorstellen als Unterricht entlang von Schulbüchern oder Arbeitsblattsammlungen.

Sie beschreiben den Lehrer als unsicheren Menschen …

Die Lehrer werden an Universitäten ja nicht besonders aufmerksam behandelt. Durch die vielen Erwartungen, die an sie gerichtet werden, kommen sie leicht in eine Situation der Defensive. Gegenüber den Eltern, der Schuldirektion, auch gegenüber den Schülern. Dann geht es oft nur noch ums Überleben – dass man den Stoff irgendwie durch- und den Tag rumbringt. Das ist eine unglückliche Situation. Man will ja, dass die Kinder schlauer rauskommen, als sie reingegangen sind – und nicht nur weil sie älter geworden sind.

Was müsste sich ändern in der Lehrerausbildung?

Eine Lehrerbildung, die schon das Studium interessanter macht, sich wieder stärker an die Fachwissenschaften angliedert und relativ früh mit Praxis verbindet. Angehende Lehrer unterschätzen oft, was es bedeutet, Lehrer zu sein. Da nützt mir ja Reformpädagogik, Teil 14, gar nichts, wenn die Schüler laut sind – was macht man da? Schweigt man, brüllt man, fängt man an zu diskutieren? Das sind ganz pragmatische Fragen.

Tatsächlich müsste der Lehrer Rebell sein, will er so manchen Reform-Unsinn ignorieren …

Ich hatte gerade ein Gespräch mit der ehemaligen Schuldirektorin einer Montessori-Schule. Sie verwies mich auf die Formulierung der „Rand-Legalität“, die oft nötig sei, um gut zu unterrichten. Das ist natürlich schade, wenn man beim Lehrer auf Mut zur Abweichung und zum Dissens setzt. Insofern stört die Bildungspolitik viel, weil sie den Unterricht unfrei macht.

Und stattdessen mit Reformen ständig alles ummodelt ...?

Gerade beim Elementarunterricht. Das klingt vielleicht nostalgisch, aber das bin ich ja gar nicht. Doch warum sollte man eine Art, das Lesen zu unterrichten, ändern, obwohl sie eigentlich gut funktioniert hat? Das Gleiche gilt für die Rechtschreibreform.

Sie finden, Deutsch sollte wie eine Fremdsprache unterrichtet werden …

Mir ist aufgefallen, dass man im Deutschunterricht Worte nur noch als Vehikel des Spracherwerbs selbst nimmt. Es geht kaum noch um ihre Bedeutung. Ein Unterricht, wo erklärt wird, was das Wort „arglos“ bedeutet oder „obschon“, der findet gar nicht statt.

Zur Person

Jürgen Kaube, 1962 in Worms geboren, studierte Philosophie, Germanistik, Kunstgeschichte und Wirtschaftswissenschaften. Seit 2014 ist er Herausgeber der FAZ und verantwortet das Feuilleton der Zeitung. Er ist verheiratet, hat zwei Töchter und einen Stiefsohn

Das klingt ja auch wie Zeitverschwendung.

Aber das ist doch sozial selektiv! Der Wortschatz macht ja viel aus. Die deutsche Sprache gut verwenden hieße, dass ich „trotzdem“ und „obwohl“ unterscheiden kann. Oder, dass ich nicht jeden Satz mit „weil“ anfangen muss.

Wissensvermittlung wirkt heute so uninspiriert. Das will man zu Hause ausgleichen ...

Die Familien haben natürlich einen Anteil am schulischen Gelingen. Aber in wie vielen Familien steht die Schule im Zentrum? Außerdem kann man noch so viel tun, die Kinder machen das Ihre daraus. Sie sind zugleich neugierig und leicht zu langweilen. Und wenn sie etwas partout nicht können, muss man damit auch leben.

Ist die Idee von der intrinsischen Motivation bei Kindern überschätzt?

Das Kind als reines Potenzial zu sehen, das nur entwickelt werden muss, halte ich für falsch. Man stellt sich da zu selten Kinder vor, die Stunden vorm Computer sitzen, um irgendwas abzuschießen. Oder solche, die von den Smartphones kaum noch zu trennen sind, auf denen sie aber nicht etwas recherchieren, sondern sich unterhalten. Hannah Arendt sagte einmal, wenn Eltern und Lehrer sich als Autorität aus der Erziehung zurückzögen, unterlägen die Kinder einer viel schlimmeren Autorität, nämlich der Autorität der Mitschüler. Heute würden wir sagen: des Marktes und der Moden.

Wie soll man Kinder von der Welt abschotten? Sollte man?

Man sollte jedenfalls nicht einfach Zehnjährigen das Konzept der „Nachhaltigkeit“ unterrichten, nur, weil es die Eltern oder die Bildungsministerien wichtig finden. Denn zu seinem Verständnis, ist Wissen erforderlich, das Zehnjährige noch gar nicht haben können. Dasselbe gilt für „Toleranz“ oder „Migration“. Alles wichtige Werte, wichtige Fragen, aber man beginnt doch nicht mit dem Komplizierten, nur weil es wertvoll ist.

Aber wenn Schule nicht langweilen will …?

Dann müsste man sagen, wenn uns jetzt der Klimawandel so wichtig ist, dass wir schon Zehnjährige damit behelligen wollen, damit sie urteilsfähig werden, wo selbst die Erwachsenen es meist nicht sind, dann müsste etwas anderes zurückgestellt werden. Es hieße dann zu fragen, was ist das überhaupt: Klima, Wetter. Man müsste sich sehr viel mehr Zeit nehmen für solche Themen und sie nicht nur abhaken. Natürlich kann man einem Kind sagen, CO₂ und Plastik sind böse, aber es geht ja um Bildung, nicht nur darum, dass man Reflexe antrainiert.

Was wäre ein idealer Unterricht?

Einfach ein Elementarunterricht. Lesen, Schreiben, Rechnen ist die Grundlage von alldem. Danach Weltkenntnis der verschiedensten Gebiete, von denen ich keines privilegieren würde. Das macht exemplarisches Lernen, das in die Tiefe geht, erforderlich. Ich würde mir mehr Freiheit wünschen für die Lehrer, denn sie sollen ja auch etwas unterrichten, was sie selber gut kennen, das zu lehren ihnen Freude macht und das sie auch vertreten können.

Sie wünschen sich auch mehr Autonomie für die Schulen. Nur für die Eliten?

Nein. Ich glaube nur, jedes System kann sich nur aus einer Historie heraus entwickeln. Warum sollen alle Hauptschulen, Realschulen, Gesamtschulen einander stark ähneln? Warum soll man an der Nordsee genauso unterrichten wie in den Alpen?

Wer in einem armen Stadtteil aufwächst, hat aber doch immer Pech.

Natürlich prägt das, aber warum soll eine Schule in einem schwierigen Stadtteil selber eine schwierige Schule sein. Die Schulen müssten mehr ein spezifisches Wir-Gefühl entwickeln dürfen, und das mit gutem Gewissen. Es braucht dafür bildungspolitische Unterstützung, die aber mehr darin bestehen sollte, dass sie sich raushält. Das Wichtige ist, dass Schulleitung und Lehrkräfte adäquat auf die Situation vor Ort reagieren können. Die ist eben schon drei Straßen weiter eine andere. Es müssen stabile Leute sein. Es ist ein richtig harter Beruf.

Wenn man ihn nicht als Lerncoach-Job versteht.

Der erfolgreiche Unterricht ist doch einer mit einer Lehrperson, die die Sache kennt und die Situation im Griff hat. Die Vorstellung, Schüler eigneten sich am besten selber alles an, ist eine irrige. Sie setzt ein Schüler- oder Kinderbild voraus, das nicht realistisch ist.

Sie sagen, die Milliarden für die digitale Schule sollte man besser ins Personal stecken.

Ja. Nichts gegen ein Fach Informatik. Programmieren ist eine feine Sache, kognitiv anspruchsvoll. Aber einfach Maschinen über den Schulen abwerfen? Die Vorstellung, der Umgang mit den Geräten selbst erzeuge den Lernfortschritt, halte ich für einen Werbespruch. Und die Vorstellung, dass man in der Schule kritisch das Internet nutzt, tja, ich weiß nicht. Mein Eindruck ist, dass diesseits von Tutorials die Schüler das Internet mehr zu Unterhaltungszwecken nutzen. Smartphones sind Ablenkungsmaschinen, die Schule sollte Konzentration fördern. Da ist der isolierte Text ohne Links das überlegene Lernmaterial.

Aber der Digitalisierung gehört doch die Zukunft?

Die Zukunft in älteren Jahrzehnten war Maschinenbau. Haben wir deswegen Maschinenbau unterrichtet? Nein, wir haben Physik unterrichtet – und darauf sprang auch nur eine Minderheit an.

Übertragen Erwachsene ihren Fetisch fürs Digitale auf die Kinder?

Die Erwachsenen, die das alles planen, sind selbst keine „digital natives“ gewesen, selbst die Genies des Internets nicht, Steve Jobs und Bill Gates. Die sind alle analog aufgewachsen. Ich verstehe die Industrie. Ich verstehe die Politik, die denkt, wir geben einfach Geld für technische Lösungen aus, dann wird es schon. Aber ich kann die Erwartungen nicht teilen.

Sollte die Schule analog bleiben?

Es ist nichts gegen die Lektüre von Wikipedia-Artikeln zu sagen. Nur erfolgt diese Lektüre nach ganz ähnlichen Kriterien und stößt auf ganz ähnliche Schwierigkeiten wie die Lektüre von Texten überhaupt. Oder, wenn man sich alle zehn Sekunden einen Partner auf Parship sucht: Sollten wir jetzt unterrichten, was der Haken daran ist? Ist es beispielsweise wirklich so, dass Leute die sich ähnlich sind, am besten zueinanderpassen? Das könnte man mindestens so gut anhand eines Romans aus dem 19. oder 20. Jahrhundert besprechen.

Sind Tablets der verzweifelte Versuch, Kinder bei der Stange zu halten?

Das Internet ist für die Kinder ein Ort des Konsums. Das ist ein großes Problem. Sie spielen darauf, sie chatten. Die Lehrer können aber nicht ständig kontrollieren, ob die richtige Website geöffnet wurde.

Herr Kaube, warum sind Sie eigentlich nicht selbst Lehrer geworden?

Ich glaube, wenn man neun, eigentlich 13 Jahre auf die Schule ging, wäre die sofortige Rückkehr zu ihr erst mal eine unwahrscheinliche Entscheidung. Jedenfalls bei mir.

Sind Sie als Vater an der Schule Ihrer Kinder als Lehrerschreck verschrien, weil Sie Schule so hinterfragen?

Ich kann das nicht sagen, denn ich bin da nicht oft.

Ach so ...? Es gibt aber doch immer genügend Anlässe?

Ich war einmal stellvertretender Elternsprecher in einer Klasse, aber sehr stellvertretend und nur ein Schuljahr lang. Mir scheint, die eigentliche Aufgabe für Eltern liegt darin, mit den eigenen Kindern im Gespräch zu bleiben, auch im Gespräch über die Schule, über das, was dort gelehrt und verlangt wird. Und über den Rest der Welt.

06:00 02.07.2019
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