Serge, Nana und Jean

Literatur Yasmina Reza schickt in ihrem neuen Roman drei jüdische Geschwister auf eine Gedenkreise nach Auschwitz

Die „routinierte Betroffenheit“ in unserer Gedenkkultur einmal kräftig zu entstauben, dafür plädiert auch der Historiker Per Leo. Wiedervereinigung, Migration und postkoloniale Debatten hätten das Land verändert, schrieb er in seinem Essay Tränen ohne Trauer. Das Gedenken an den Holocaust sei zwanghaft und provinziell. Oder, denkt man, ganz konkret: so gar nichts für junge Leute.

Nie-wieder-Sätze und all die leeren Rituale sind natürlich nicht nur ein deutsches Problem, weiß man – und muss doch lachen, als Yazmina Reza mit ihrem tollen Sinn für Situationskomik in Serge einmal eine Klassenreise schildert. Da bricht die Lehrerin Madame Hainaut in Auschwitz plötzlich in ein hysterisches Lachen aus, weil der Philosophielehrer Cerezo, ein „depressiver Jude“, seit Paris eine Trauermiene verordnet hat. Jetzt auf den Stufen des Krematoriums hat auch die Lehrerin es nicht mehr unter Kontrolle und die ganze Klasse lacht mit. So berichtet es Margot, Nanas Tochter, so haben es ihr die Klassenkameraden berichtet. Margot sei nämlich nicht „auf der Liste“ gewesen, witzelt Nana gegenüber ihrem Bruder Jean.

Ein neidvolles Vorurteil gegenüber Juden ist sicherlich der irgendwie immer leichtfüßig daherkommende Sarkasmus, das Woody-Allen-hafte, der neurotisch-melancholische Witz, wenn es um Krankheit geht, Leid und Tod, und man das gar nicht so richtig merkt, weil der lakonische Ton nur beiläufig ins Herz geht. Kurz: Dieser tragikomische Humor, den man Juden öfter zuschreibt, er ist auch das Markenzeichen der französischen Starautorin Yasmina Reza.

Ihr jüngster Roman Serge ist das Porträt einer jüdischen Familie in Paris, da ist Jean, der mittlere Sohn der Poppers, Nana, die verwöhnte Jüngste, die mit einem linken Spanier verheiratet ist (der notorisch Anlass für Belustigungen gibt) und Serge, fast 60, eine verkrachte Existenz, gerade hat ihn seine Lebensgefährtin rausgeworfen. Jean: „Unsere Eltern sind dahingegangen und haben uns nicht mehr hinterlassen als Fragmente (...), man kann kaum behaupten, dass wir uns für ihre Saga interessiert hätten.“

Mit feindlichem Ernst verlaufen derweil hierzulande die Debatten sogar unter Juden und Jüdinnen immer noch darüber, wer sich überhaupt zu Wort melden darf. Dem Ostberliner Publizisten Max Czollek, der in der Sache ähnlich wie Leo für eine neue „Gegenwartsbewältigung“ streitet, wird das Recht dafür von manchen abgesprochen. Warum? Er sei kein „richtiger Jude“, urteilte der Schriftsteller Maxim Biller, sondern nur ein „Meinungs- und Faschingsjude“ – was ironischerweise antisemitisch klang. Zur Klärung dieser Frage hatte sich sogar der Zentralrat der Juden eingeschaltet (Czollek ist kein richtiger Jude), von dem wiederum einige sagen, dass dieser nicht für alle Juden spricht.

Es riecht nach Sonnencreme

Besagter mehr innerjüdische Streit ist deshalb interessant, weil jüdische Identität auch in Serge verhandelt wird, jedoch ohne die verkrampfte Sorge, Pluralität in all ihrer Albernheit oder stereotyp abzubilden. Zum Beispiel wenn der nicht praktizierende Jude Edward Popper plötzlich wie auf Knopfdruck sentimental wird. „Mit Israel landeten wir sofort in Schwulst und Pathos“, erinnert sich Jean. Wer braucht Israel?, fragte Marta dann. Worauf Edgar erwiderte, dass die Kinder nicht auf ihre Mutter hören sollten, sie sei eine Antisemitin und trage die Schuld, dass sie nicht jüdisch erzogen wurden. Es folgte der übliche Schlagabtausch, erinnert sich der Ich-Erzähler. Warum er nicht „Vorbild“ gewesen sei, hatte Marta gefragt. Edgar: „Wer ist die tragende Säule in einer jüdischen Familie, Marta? Die Frau, die die Kerzen entzündet!“ Spätestens bei den Kerzen, denkt Jean, ging die Mutter lachend hinaus.

Seit Marta gestorben ist, hält kein Ritual mehr die Familie zusammen, Serges Tochter Joséphine hat die Geschwister wohl auch deshalb zu einer Reise nach Auschwitz gedrängt, und weil Serge auf keinen Fall mit Nana und Tochter allein fahren will, ist Jean dabei. Es wird eine unorthodoxe Reise, ein klassischer Roadtrip. Die Leserin sieht hier alle Vorzüge, die Literatur zu bieten hat, ein Film läuft ab, mehr Bilder braucht es nicht, auch kein Theaterstück.

In Auschwitz werden es 25 Grad, verkündet Joséphine, und das mitten im April, worauf sie einen Vortrag über herumfliegendes Plastik in der Atmosphäre hält, und jetzt erkennt das Navi im polnischen Mietwagen den deutschen Namen für „Auschwitz“ nicht. 25 Grad. Jean hegt zwar keinerlei Erwartungen, ist jetzt aber vom Wetter enttäuscht. Es müsste doch kalt und grau sein, stattdessen riecht es überall nach Sonnencreme und auf dem Gelände hat man neue Bäume gepflanzt. Warum?

Bei Serge, dem ältesten Sohn der Poppers, sind die Motive für die Reise unklar. Natürlich der Tochter wegen, zudem ist er abergläubisch, ausschließen kann man, dass er Auschwitz instrumentalisieren würde, die eigene verkrachte Existenz ins Verhältnis zu setzen, um zum Beispiel Demut angesichts all des Grauens zu entwickeln. Er läuft in einem schwarzen Anzug herum, boykottiert die Route, die Joséphine und Nana wie „besessen“ (Serge) abmarschieren, während sie entweder „unfassbar“ oder „schrecklich“ sagen. Denn Nana und Joséphine geben sich alle Mühe, diesen Ausflug produktiv zu machen. Konkurrenz erfährt das Projekt von allen Seiten, da sind die gar nicht so banalen Umweltsorgen, Stress mit dem tunesischen Freund, Nanas Sohn Victor zeigt sich angeblich undankbar gegenüber Onkel Serge, der sich in Abwesenheit nicht für eine Jobvermittlung bedankt. Dabei ist Serge nur in seinem eitlen Männerstolz verletzt. Man lacht viel beim Lesen, es ist Rezas Kunst, dass man darüber ganz melancholisch wird.

Warum überhaupt erinnern? Damit so etwas nie wieder passiert? Man muss doch nur nach Pakistan oder Syrien schauen, kommentiert Serge – oder Jean, die Brüder waren sich immer sehr nah. In dieser leichten menschlichen Komödie ist am Ende zum Glück niemand „ein anderer Mensch“, das wäre allzu sentimental. Und dafür ist Auschwitz nicht da. Jean wird einer bleiben, der gelegentlich über das Scheitern räsoniert. Serge ein alter Homme à Femmes. Nana wird weiter Sinnstiftendes tun. Die Kinder aber repräsentieren eine neue Generation. Mehr Sinn ist nicht zu haben, darin liegt der ganze Trost.

Info

Serge Yasmina Reza Frank Heibert, Hinrich Schmidt-Henkel (Übers.), Hanser 2022, 208 S., 22 €

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