Essen binär

Diagnose Mensch Das Kotelett zwischen Risiko und Garantie: Wenn es um Ernährung geht, kann es nur richtig und falsch geben. Und die Wissenschaft darf sekundieren

Schwarz-Weiß-Malerei ist ein beliebtes wie notwendiges Hobby im ideologischen Dogmatismus, weil sich mit dem Grau zwischen Für und Wider kaum ein populäres Weltbild zeichnen lässt. Das passt ja auch zum computergestützten Zeitgeist, der seineseits bloß mit Einsen und Nullen hantiert, mit wahr und falsch, wie in der Wissenschaft, der überhaupt eine wichtige Rolle zufällt: In Abhängigkeit vom Forschungsziel oder Ergebnis ist sie mal Sekundant von Weiß, mal Handlanger von Schwarz, ein Spiel, das besonders oft in Ernährungswelten gespielt wird. Dort müsste man zwar zuerst über die Prozesse in der industriellen Nahrungsherstellung streiten (gerade über ihre Gesetzesgrundlage, die als Garant für vergangene wie kommende Lebensmittelskandale zu betrachten ist – siehe Freitag 2, 6 und 24/2011), aber das geriete womöglich kompliziert, also beschränkt man sich auf das Lebensmittel an sich. Zum Beispiel auf sein Etikettierung als „Täuschung“ beziehungsweise „Nicht-Täuschung“, oder gleich auf die klassische Unterscheidung zwischen „gesund“ und „ungesund“. Vor dem Hintergrund entfesselter Volksleiden erscheint letzteres immerhin sinnvoll, darüber hinaus ist es schön einfach und nützlich für die Zeichnung gefühliger Weltbilder. Für das Gute steht dabei, was man vermeintlich für „Natur“ hält: Bio, Vollkorn, laktosefrei und der Verzicht auf Fleisch, wobei ja gerade der Vegetarismus seit einiger Zeit ein Comeback erlebt, nicht nur als ethisch einwandfreie Ernährungsweise, sondern auch als besonders „gesunde“, was vor allem mit Belegen zu den „ungesunden“ Wirkungen von Fleisch untermauert wird.

Die Zahl an wissenschaftlichen Stu­dien, die das Risiko für verschiedene Krankheiten im Zusammenhang mit einem Leben ohne Tier auf dem Teller untersucht hat, ist entsprechend unüberschaubar, von Doofheit über Darmkrebs bis Lebenserwartung wurde schon so ziemlich jedes Leiden auf eine mögliche Beteiligung von Steak, Kotelett und Würstchen hin untersucht. Und tatsächlich: Immer wieder zeigen Forscher auf der Grundlage großer Datensätze, dass Fleischesser häufiger krank werden und früher sterben. Immer wieder aber kommen Forscher auf der Grundlage großer Datensätze auch zu dem Ergebnis, dass Menschen, die Fleisch essen, gesundheitlich davon eher profitieren. In den Argumentationen wider die Fleischfresserei tauchen solche Resultate bloß selten auf.

Kürzlich gab es aber wieder gute Nachrichten: Der Verzehr von rotem Fleisch, schreiben Forscher im American Journal of Clinical Nutrition, erhöhe das Risiko, an Diabetes zu erkranken. Schwarz-weiß gelesen macht Fleisch also krank, und tatsächlich zeigt die Meta-Analyse mit insgesamt 440.000 Teilnehmern, dass das Risiko von Menschen, die innerhalb einer Woche eineinhalb Pfund mehr eines beliebigen Rind-, Lamm- oder Schweinefleischs essen als andere Menschen, um 19 Prozent steigt. Wenn die halbe Menge als Wurst gegessen wird, steigt es um 51 Prozent. Klarer geht es kaum, und jetzt muss man auch schnell aufhören, denn der Blick ins Grau der Kleinigkeiten machte ja nur alles wieder kaputt. Das absolute Risiko nämlich steigt von zirka fünf auf überschaubare sechs bzw. 7,5 Prozent, und wie die Forscher weiter hinten ihrem Paper schreiben, muss es da nicht einmal einen kausalen Zusammenhang geben. Weshalb statt Schwarz-Weiß nur die Erkenntnis bleibt, dass es auch beim Fleischessen Abstufungen gibt, und Schwarz eben gar nicht gleich Schwarz ist. Das ist wie draußen im Weltall. Dort hat die Keplersonde gerade einen Planeten entdeckt, der schwärzer ist als schwarze Acrylfarbe. Und trotzdem soll er rötlich schimmern. Wie ein kleines Steak.

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Geschrieben von

Kathrin Zinkant

Dinosaurier auf der Venus

Kathrin Zinkant

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