Das geht mir echt auf die Liste!

Die Konsumentin Listen können viel Freude machen – aber sie können genauso gut die Nerven strapazieren. Eine Leidensgeschichte
Katja Kullmann | Ausgabe 22/2015 1
Das geht mir echt auf die Liste!
Die sexuellen Phantasien der Kohlmeisen. Listen, die die Welt erklären (und Preise gewinnen)
Foto: Blickwinkel/Imago

L-Wörter beschreiben oft etwas Schönes oder Aufregendes. Zum Beispiel Liebe, Lust, Leidenschaft. Oder Lob, Licht, Lachanfall. Sogar eine TV-Serie war mal nach diesem Buchstaben benannt: The L Word – Wenn Frauen Frauen lieben. Okay, gut, es gibt auch Leid, Lügen und Lakritz (kann ich nicht ausstehen). Und es gibt: die Liste.

Die Liste ist so etwas wie das L in seiner neutralen Form. Denn die Liste kann viel Freude machen – aber sie kann genauso gut die Nerven strapazieren. Checklisten, Pro-/Con- oder To-do-Listen: Oft ist das Verfassen noch ein Vergnügen, ein mentales Durchlüften, nach dem man sich ein winziges bisschen besser fühlt: „Es geht voran! Wenigstens schon mal auf dem Papier.“ Das Abarbeiten kann dann aber zum Schmerz im Arm werden. Blöd ist es auch, wenn man selbst wider Erwarten doch nicht draufsteht, auf der Gäste-, der Gewinner- oder der Passagierliste.

Oder wenn man die eigenhändig verfasste Liste später nicht mehr lesen kann. „3 x Krt.-Pflx!!!“ stand neulich auf meinem Einkaufszettel. Mit drei Ausrufezeichen, und jenes „3 x Krt.-Pflx!!!“ war, neben „Deo“, der einzige Eintrag auf der ganzen Liste. Es war mir wirklich wichtig vorgekommen, als ich es gegen 8.45 Uhr in der Früh geflissentlich notierte. Zehn Stunden später, zum Feierabendeinkauf, irrte ich an den Regalen entlang, den Zettel in der Hand, die Stirn ganz hässlich gekräuselt.

Ich versuchte, mich vom Rot, Gelb und Grün der Obst-und-Gemüse-Auslage auf den rechten Weg leuchten zu lassen, scannte die Putzmittelborde auf ein Zeichen des Wiedererkennens, befragte das Aufbackbrot-Display, ob es sich gemeint fühlen könnte, und hielt in der Milchwarenabteilung kurz inne – ohne jedes Echo. Schließlich schmiss ich eine mittelteure Antifaltencreme mit Turbo-Boost-Effekt in den Wagen (wegen des Stirngekräusels), knallte eine Flasche reduzierten Rotweins hinterher und warf drei („!!!“) Stangen Rhabarber dazu (obwohl ich gar nicht weiß, was man damit macht, Kochen ist nicht so meins). Bis heute habe ich überlebt, ohne „3 × Krt.-Pflx!!!“. Aber wer kann schon sagen, ob diese Sache nicht noch böse zurückschlägt?

Wigald Boning, hauptberuflicher Komiker, ist so fasziniert von Einkaufslisten, dass er irgendwann begann, sie aus Einkaufswagen heraus zu sammeln. 2013 veröffentlichte er ein Buch dazu: Butter, Brot und Läusespray. Was Einkaufszettel über uns verraten. Der Schriftsteller Tex Rubinowitz, der den schönen Aphorismus „Facebook ist ein Wartesaal für Idioten“ prägte und 2014 den Bachmannpreis für Literatur gewann, verfasste ein Werk mit dem Titel Die sexuellen Phantasien der Kohlmeisen. Listen, die die Welt erklären. Und die große alte Dame der Poptheorie, Susan Sontag, tat praktisch nichts anderes, als „Was ich mag / was ich nicht mag“-Listen zusammenzustellen, wofür sie weltberühmt wurde.

Ja, die Liste ist ein Kulturgut. Bestsellerlisten, Musik- und Klickcharts gibt es ja auch noch! Von den Selektorenlisten der Geheimdienste wollen wir hier gar nicht anfangen. Der kanadische Kriminalpsychologe Robert Hare wiederum entwickelte eine Merkmalsliste, anhand derer man Psychopathen erkennt.

Und nachdem ich meine „Was ich alles Tolles weiß“-Liste bis hierhin schon gut abgearbeitet habe, werde ich jetzt Folgendes tun: eine Liste der Dinge erstellen, von denen ich immer zu viel daheim habe. Spülmittelvorräte für die nächste Halbdekade. Nudeln in einem Ausmaß, das einem Landschulheim gut stünde. Und stapelweise Papier, das auf der einen Seite mit irgendwas bedruckt sein mag, auf der anderen Seite aber noch ganz unberührt geblieben ist. Viel zu schade fürs Altpapier! Ich schneide daraus Zettel im Postkartenformat und sammle diese auf meinem Schreibtisch. Um Dinge aufzuschreiben, die ich unbedingt besorgen muss. Bevor sie – flutsch! – vergessen sind. Wo war ich jetzt? Sind Sie noch da? Wer sind Sie überhaupt?

Katja Kullmann schreibt in ihrer Kolumne Die Konsumentin über Lust und Last des Geldausgebens

06:00 30.05.2015
Geschrieben von

Katja Kullmann

Stellvertretende Chefredakteurin
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Katja Kullmann

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