Zeit für ein Bye-bye

Die Konsumentin Die Akte 2015 ist fast geschlossen, 2016 schon nah. Der richtige Moment, um Neues zu wagen. Nach zwei Jahren endet diese Shopping-Kolumne. Und es geht trotzdem weiter
Katja Kullmann | Ausgabe 51/2015 5

Ohne das Aktenordnergefühl könnte ich, glaube ich, nicht leben. Rein physisch käme ich sicher irgendwie durch. Aber geistig: Das Dasein würde mir noch unübersichtlicher vorkommen, als es mir ohnehin oft erscheint. Immer im Advent kann ich es kaum erwarten, das gerade noch laufende Jahr innerlich abzuschließen, all die Belege, auch die emotionalen, in ideelle Klarsichthüllen zu packen und gedanklich zwischen zwei Pappdeckel zu heften. „Da ham wa wieda was geschafft, jetzt is’ aufgeräumt!“ So in etwa wäre der psychologische Vorgang zu beschreiben. Nun ist es so weit: Die Akte 2015 ist so gut wie geschlossen.

Dieser zivilisatorische Konsens – die Zeit in Jahre einzuteilen und durchzunummerieren – rührt mich wirklich an. Zwischen dem 31.12., 23.59 Uhr, und dem 1.1., 00.01 Uhr, liegen die kostbarsten Minuten des Jahres. Man kann sich der kollektiven Illusion hingeben, das Schlechte hinter sich zu lassen, um frisch, famos und sportlich nach vorn zu blicken. Neue Runde, neues Glück! Wie man sich die Silvesternacht einrichtet, so wird das nächste Jahr: Davon bin ich überzeugt. Eine Party muss es gar nicht sein. Ich habe Silvester auch schon allein verbracht, und die darauffolgenden Jahre waren nicht die schlechtesten. Meine Einkaufsliste für die nächsten Tage steht jedenfalls fest. Sie enthält drei Kernelemente:

1. Champagner. Kein Sekt, kein Crémant, sondern the real stuff. Ja, ist teuer. Aber wirkt. Vor sieben Jahren, im Winter 2008, war ich zum ersten (und hoffentlich letzten) Mal so gut wie pleite. Aus purem Überlebenstrotz kratzte ich meine letzten Kröten zusammen, kaufte eine Flasche Dom Dingsbums für etwa 40 Paris-Hilton-Euro und kippte den goldenen Stoff herunter, als Stinkefingergeste dem Schicksal gegenüber. Et voilà: Es ging wieder aufwärts.

2. Böller – aber in der Kinderversion. Raketen zünden traue ich mich nicht (auch wenn ich mir das Feuerwerk gern anschaue), sogenannte Kanonenschläge finde ich schlimm, erst recht, wenn ich mir vorstelle, wie die Detonationen für Leute klingen, die aus einem Krieg hierher geflüchtet sind. Aber auch ich habe das hübsch heidnische Bedürfnis, den Ärger des alten Jahres abzufackeln und die Wunder des neuen herbeizubritzeln. So werde ich mir Knatterkreisel und Brummbienen mit dem Vermerk „geeignet ab 12“ besorgen.

3. Je nach Größe der Silvesterrunde ein Bleigießset, für den Wahrsagequatsch im Freundeskreis (gemeinschaftlich gelebter Aberglaube schweißt zusammen!). Oder, wenn man zu zweit ist, eine Schälchen Anchovis, stinkende Sardellen in Öl, frisch von der nächsten Griechen-, Spanier- oder Italienertheke. Fortuna mag das. Hab ich mal gelesen.

Meine Empfindung: 2015 war ein mieses Jahr. Die Schlächter des sogenannten IS hatten ihre großen Auftritte. Parallel dazu rülpsten sich europaweit der Nationalismus und der Rassismus hoch. Immerhin flogen Lügner und Betrüger auf, meist mittelalte manipulative Männer mit Machtkomplex, bei der FIFA und bei VW. Kein Umdenheißenbreiherumreden mehr!

Das gilt auch für diese Kolumne. Es muss ja doch heraus: Dies ist die letzte Folge der Konsumentin. Zwei Jahre habe ich im Dienst der Zeitung Geld ausgegeben. Es hat Spaß gemacht. Nun räume ich – selbst so gewünscht – diese Spalte für jemand anderes, der sich hier künftig über andere Dinge Gedanken machen wird. Aber: Nicht zu früh freuen! Wir werden uns in dieser Zeitung weiterhin begegnen, auch 2016. Nur damit Sie wissen, was auf Sie zukommt.

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06:00 19.12.2015
Geschrieben von

Katja Kullmann

Stellvertretende Chefredakteurin
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Katja Kullmann

Ausgabe 39/2020

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