Auktoriale Verkehrskontrolle

Glosse Wenn Medien Liebe machen: Mit seinem Roman „Die letzten schönen Tage“ entdeckt Helmut Krausser den Charakter des digitalen Datenaustauschs als Liebesvermittler

Wie Medien Liebe machen, kann man am besten nachlesen in Gottfried Kellers Die missbrauchten Liebesbriefe. Die Novelle gehört zum Seldwyla-Zyklus und berichtet von dem Gemischtwarenhändler Viggi Störteler, der so gern ein Dichter wäre und seine Frau Gritli deshalb unbedingt zur Muse befördern will. Während einer Geschäftsreise schreibt er pathetische Episteln nach Hause – inklusive Beipackzettel, die Gritli erklären, wie sie zu antworten habe, damit der Briefwechsel später auch zur Publikation taugt. Gritli leitet diese Aufgabe aus eigenem Unvermögen zur hehren Federführung allerdings an den Dorflehrer weiter und schickt dessen Antworten an ihren Mann – nicht ohne je die Anrede und die übrigen Indizien für das Geschlecht des Absenders umzuschreiben.

Weshalb schließlich zwei Männer einander Liebesbriefe schreiben, unwissentlich zwar, jedoch nicht folgenlos: Gritli, das buchstäbliche Medium dieser homoerotischen Kommunikation, wird von ihres Mannes Worten in keiner Weise betört, dafür aber von denen des Lehrers Wilhelm – eben weil sie nur ihr und keinem potenziellen Publikum gelten. Wer Helmut Kraussers neuen Roman Die letzten schönen Tage liest, kommt kaum umhin, sich an Die missbrauchten Liebesbriefe zu erinnern. Denn Krausser führt darin ebenfalls vor, wie Medien Liebe machen. Auch in diesem Roman schreiben, vielmehr: mailen, zwei Männer über eine (in dem Fall unbeteiligte und ahnungslose) Frau hinweg, der eine unter falschem Namen.

Den Rahmen von Die letzten schönen Tage bildet ein Gesellschaftsbild, wie schon Keller eines an den Anfang seiner Sammlung stellte. Bei Krausser steht die Erotik explizit im Mittelpunkt: Am Anfang liest man ein paar kurze Episoden, eine über ein elfjähriges Mädchen, das von zwei pubertierenden Jungen bedrängt wird, und eine über zwei pensionierte Lehrerinnen, die während eines gemeinsamen Urlaubs an dem Versuch scheitern, ihre Homosexualität doch noch zu leben.

Liebe zur Literatur

Erst im Laufe des Romans knüpft Krausser einzelne Verbindungen dieser Szenen zu der Binnenerzählung, einer Dreiecksgeschichte bestehend aus Kati, Serge und David, die sich stetig und dramatisch zuspitzt. Dass Krausser auch die Chronologie ein wenig durcheinander wirft, lässt den Leser unmittelbar an den sozialen Täuschungen und Enttäuschungen teilhaben.

So wie Keller Mitte des 19. Jahrhunderts die subjektbildenden Maßnahmen des aufkommenden Briefverkehrs und damit womöglich der Literatur als solcher auslotete, so entdeckt Krausser nun den digitalen Nachrichtenverkehr als Identitätsverräter. SMS, Mails, Skype: Die Medien sind bei Krausser Mittel des Verbergens und der Lüge, die der Paranoia genauso zu Diensten stehen wie der Erotik der Zwischenmenschlichkeit. Auch der Roman selbst zieht seine Spannung aus den Perspektiven: Sowohl Serge als auch Kati als auch David treten als Ich-Erzähler ihres Tagebuchs auf – als habe der Autor auch in dieser so intimen wie narzisstischen Kommunikation geschnüffelt. In die Rolle des auktorialen Datenverkehrsüberwachers begab sich jüngst auch der US-Schriftsteller Gary Shteyngart mit seinem Roman Super Sad True Love Story, der in aller Munde ist – obwohl er so weit hinter den eigenen Ansprüchen zurückbleibt, dass man sich nicht vor dem autoritären Staat und der Zukunft fürchtet, die Shteyngart als sexualisiertes Panorama entwirft, sondern sich allein von der omnipräsenten Werbung für diesen Roman verfolgt fühlt. Bei Helmut Krausser dagegen: Da ist wirklich Liebe zur Literatur im Spiel.

Die letzten schönen Tage Helmut Krausser DuMont 2011, 223 S., 19,99

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Ihre Freitag-Redaktion

11:15 29.08.2011
Geschrieben von

Katrin Schuster

Freie Autorin, u.a. beim Freitag (Literatur, TV, WWW)
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