Ausgezeichnete Literatur?

Preise Eine Jury, die nach marktwirtschaftlichen Kriterien entscheidet, hat sich im selben Moment überflüssig gemacht. Über Glanz und noch mehr Elend bei den deutschen Literaturpreisen

In der Exekutive spielen Jurys hierzulande keine Rolle mehr, in der Kunst dagegen eine umso prominentere. Womit nicht die Geschworenen-Filme gemeint sind, sondern jene Jurys, die über Literatur und Ähnliches zu entscheiden haben. Seit einiger Zeit füllen sie, die eigentlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit agieren sollen, die Spalten der Feuilletons.

Im Jahr 2006 verließen zwei Mitglieder die Jury des Heinrich-Heine-Preises, weil die Stadt Düsseldorf den designierten Preisträger Peter Handke nicht haben wollte; drei Jahre später wurde dem Autor Navid Kermani der Hessische Kulturpreis zwischenzeitlich aberkannt, weil ein katholischer Kardinal Einspruch erhoben hatte. Und so geht das weiter mit den Einmischungen, die die Unabhängigkeit und Kompetenz einer Jury unterminieren, indem sie sie mehr oder weniger lautstark an deren imagefördernde Funktionalität erinnern. In diesem Jahr entschied sich die Jury des Candide-Preises, Peter Handke auszuzeichnen, doch weil der Sponsor um seine Geschäftsbeziehungen fürchtet, zog er die Prämie wieder zurück, weil Handkes Haltung zu Jugoslawien nicht gefällt.

Wäre das alles nicht so elend peinlich, könnte man diese Geschichten als amüsante Soaps genießen.

Marktwirtschaftliche Kriterien

Dass ausgerechnet die autoritäre Bewertung von Literatur zur Schlagzeile taugt, verwundert zunächst wenig in einer Zeit, die sich die Demokratisierung der Kunst auf die Fahnen geschrieben hat. Allein, es ist nie das Publikum, das Einspruch erhebt, sondern es protestieren stets diejenigen, die um den Profit fürchten, den sie sich von dem Einsatz einer Jury versprechen, ja, den sie ganz unverhohlen von ihr erwarten. Und das sind nicht nur die Autoren, denen man die Preissumme meist sehr wohl gönnt. Sogar der Deutsche Buchpreis, ausgelobt vom Deutschen Börsenverein der Buchhändler, der wahrlich nicht in Verdacht steht, dem Betrieb Schlechtes zu wollen, bekommt das in diesem Jahr zu spüren. Am Publikum vorbei lautet die Überschrift eines Branchenberichts, der ein paar Buchhändler zitiert. Einer beschwert sich, die Shortlist enthalte nur „Titel, die weder uns noch unsere Kunden ansprechen.“

Ein anderer zieht üblere Populismus-Register: „Anscheinend will die Mehrheit der Jury dem Leser zeigen, wie intellektuell hochgebildet sie ist, der Leser soll sich der von der Jury mehrheitlich ausgewählten Literatur unterlegen fühlen.“ Dass sich eine Jury, die nach marktwirtschaftlichen Kriterien entscheidet – was auch das Argument einschließt, dieser oder jener ­Autor sei bereits zu berühmt –, im selben Moment überflüssig macht, wollen manchmal nicht einmal deren Mitglieder selbst begreifen: Der Deutsche Buchpreis hat sein Versprechen, „den besten Roman des Jahres“ auszuzeichnen, noch nie in ­seiner Geschichte eingelöst. Wie auch? So ein Unterfangen ist literarischer Unsinn. Aber auch die Hotlist der unabhängigen Verlage (der "Freitag" ist Medien-Partner), die sich gerade die Aufmerksamkeit für das Unkommerzielle zur Aufgabe gemacht hat, zieht sich manchmal auf das Terrain des Populären zurück. Ausgezeichnete Literatur, so scheint es fast, wird von einer Jury nicht gerne ausgezeichnet.

Katrin Schuster sitzt auch in einer Jury: der Jury der Münchner Literaturstipendien

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Geschrieben von

Katrin Schuster

Freie Autorin, u.a. beim Freitag (Literatur, TV, WWW)

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