Den Kuschelsender in seinem Quatsch hält weder Ochs noch Esel auf

TV-Kritik "Die Grenze" auf Sat.1 ist einfach nur peinlich. Am allerpeinlichsten wirken die Einspieler aus der Familie des Senders

Alles beginnt mit einem Joghurt, der uns „eine schöne Zeit mit dem Sat.1-TV-Event“ wünscht. Und als erstes fällt dann auf, um was für peinliche, weil so dreiste wie entblößende Eigenwerbung Die Grenze darstellt. Dauernd wird in diesem Film ferngesehen, das Höchste der Gefühle bedeutet es, den Satz „Schau mal: Wir sind im Fernsehen!“ aussprechen zu dürfen. Und wenn wir im Fernsehen sind, dann sind wir das selbstverständlich auf N24, dem hauseigenen Nachrichtensender der ProSiebenSat.1 Media AG, der man diesen Sarkasmus, N24 als Fiction-News-Sender und seine Nachrichtensprecher als Fiction-News-Sprecher zu outen, gar nicht zugetraut hätte.

Allerdings ist er bestens dafür qualifiziert, wie eine Studie im vorvergangenen Jahr festgestellt hat: N24 verknüpfe gerne, hieß es da, „Technik mit Abenteuer und Militär, Zeitgeschichte mit Katastrophen und Krieg […], um dem Zuschauer über das Faktische hinaus Spannung zu bieten“.

Zeitungen werden in diesem Film dagegen keine gelesen, und von poltischen Programmen ist noch weniger die Rede. Die Linken wollen „ihre“ DDR wieder und die Rechten – ach, ja: die sind immer schon die Bösen, das weiß man als guter deutscher Fernsehzuschauer eh, weshalb Die Grenze sie ausschließlich anhand ihrer Propaganda meint enttarnen zu können und zudem – als genügte das noch nicht – als quasi-religiöse Sekte inszeniert. Was auf gut deutsch heißt: Nicht deren Inhalte sind das Problem, sondern dass sie nicht die Wahrheit darüber sagen. „Ideale formt man aus Ideen“, stellt die BMW-Werbung in der Pause fest.

Wo aber stecken sie denn, diese Ideen, wenn nicht in der politischen Erzählung? In der privaten, klar. Und die tischt uns die altbekannten Ideale von der heiligen biologischen Familie auf: Vor acht Jahren ist Rolf einfach abgehauen, ohne seiner damaligen Freundin Nadine Bescheid zu sagen. Die hat nun einen neuen Freund, den ihr Vater allerdings unmännlich findet, sowie eine – aufgemerkt! – achtjährige Tochter. Weshalb der neue Freund aus dem Weg geschafft werden muss, was bereits der erste Teil von Die Grenze erledigt, indem er ihn als Rechten entlarvt, woraufhin Nadine ihn nicht mehr mag. „Haben Sie auch manchmal Verdauungsprobleme?“ fragt die Werbung irgendwann zwischendrin und empfiehlt Dulcolax.

Im zweiten Teil werden wir heute wohl zu sehen bekommen, wie und dass sich die Genealogie gerechterweise ein weiteres Mal durchsetzt und deshalb wieder Ordnung herrscht in Deutschland. Links steht dann der männliche Rolf, rechts die lockige Nadine (oder umgekehrt), in der Mitte die süße Tochter der beiden. Und Papa lächelt stolz dazu, wie es sich gehört.

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Geschrieben von

Katrin Schuster

Freie Autorin, u.a. beim Freitag (Literatur, TV, WWW)

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