Katrin Schuster
28.03.2011 | 16:30

Deutsche Serien? Geht doch!

Medientagebuch Ausgerechnet Sat.1 überrascht mit einer brillanten Serie über eine Rechtsanwältin. Wird im Land der Dichter und Denker womöglich doch televisionär gedichtet und gedacht?

Serien? Können doch die Deutschen nicht! So lautet eines der ödesten Statements, das stets mit einem Fingerzeig in Richtung USA und dem zugehörigen Namedropping garniert wird: The Sopranos, Sex and the City, The Wire, Buffy und wie sie alle heißen, die uns tagein, tagaus vorführen, dass im Land der Dichter und Denker tele­visionär fürchterlich wenig gedichtet und gedacht wird und der Exportkönig Deutschland deshalb die Schmach hinnehmen muss, in Sachen TV-Unterhaltung ausschließlich zu importieren. Als Lieferant fungiert unter anderem The CW.

Von diesem Unternehmen und seinen Vorgängerfirmen stammen Serien wie Beverly Hills 90210, Veronica Mars oder die Show America’s Next Top Model. Nicht die allerfeinste Kost, aber mit Perlen dazwischen. Und in diesem Jahr überrascht The CW mit einer echten Weltneuheit, die sich Danni Lowinski nennt. Sensa­tionell an dieser Serie ist nicht die Geschichte, die von einer Anwältin erzählt, die mal Friseurin war, auch sonst recht bodenständig ist und nun in einem Einkaufszentrum ihren Klapptisch aufstellt, um zu Discountpreisen die Kleinen in ihrem Kampf gegen die Großen zu unterstützen. Nein, sensationell an Danni Lowinski ist, dass The CW damit als erstes US-Network eine deutsche Serie adaptiert.

Sexistisch und trotzdem lustig?

Im April 2010 ging die erste Staffel bei Sat1 auf Sendung, eben ist die zweite angelaufen; Anlass für die Süddeutsche Zeitung, „Abbitte für die Schelte zum Start“ zu leisten. Von vielen Kritikern sei Danni Lowinski schlecht besprochen worden; „auch auf der Medienseite dieser Zeitung“ sei „von viel zu kurzen Röcken und sehr platten Gags“ die Rede gewesen, erklärte man, um sogleich hinzuzufügen: Das mit den Röcken stimme zwar, das mit den Gags nehme man aber zurück. Soll heißen: Die Serie ist zwar sexistisch, aber trotzdem lustig? Quatsch.

Danni Lowinski ist eine der schlauesten und unterhaltsamsten Serien, die Deutschland in der jüngsten Zeit gesehen hat. Erzählt wird eine lange Geschichte, die von Familie und sozialen Unterschieden handelt, sowie in jeder Folge eine kurze mit eben denselben Themen. Zwangsheirat, Alleinerziehende, Gentrification, Pharmafirmen, Altenheime, überhaupt Kapitalismus und Religion: Danni Lowinski macht vor nichts Halt. Wo Gerichtsshows nur über sex and crime fantasieren, bringt diese Juristen-Serie unsere Gegenwart tatsächlich auf den Bildschirm, freilich im kleinen Rahmen und gerne ein wenig überdreht. Dass die kurzen Röcke der Hauptfigur vor allem eine soziale Uniform darstellen, kann man eigentlich nicht übersehen, da deren Dar­stellerin Annette Frier wahrlich nicht über Modelmaße verfügt; da sollte man sich lieber mal über den Vorspann der hochgelobten Serie Doctor’s Diary Gedanken machen, in dem der Knopf überm Busen von Dr. Gretchen Haase gar so hübsch platzt.

Doch es liegt nicht nur an Danni Lowinski, dass man wenigstens montags wieder Sat.1 gucken kann. Um 20.15 Uhr läuft eine weitere Serie, die nun ebenfalls in die zweite Staffel ging. Ein Polizist kommt nach 20 Jahren Welt­abwesenheit in den Dienst zurück: Der letzte Bulle greift eine amerikanische Idee auf , und deutscht sie bestens ein. Statt im Knast gewesen zu sein wie Charlie Crews in Life, lag Mick Brisgau im Koma. Die lange Geschichte erzählt, wie der Achtziger-Jahre-Bulle in der Welt der „digitalen Ermittlungsmethoden“, des „Psychogequatsches“ und der selbstbewussten Frauen zurechtkommt. Jede Folge widmet sich in bester Tatort-Manier je einem anderen großen Wort wie Ehe, Familie, Alter ... Anders gesagt: Deutsche Serien? Geht doch!

Katrin Schuster ist feste Autorin des Medientagebuchs