Dichter-Dialog

Randgänge Hör-Bar

Fast neun Jahre ist diese Aufnahme alt: Am 2. November 1999 - kurz nach Peter Rühmkorfs und kurz vor Hans Magnus Enzensbergers jeweils 70. Geburtstag - lud der NDR die beiden Jubilare zu einer gemeinsamen Lesung nach Hannover. Der eine ein nicht nur lyrisch höchst gebildeter Vers-Ästhet und gewiefter Reimdramödiant, wie er eben nur seinen eigenen Büchern steht; der andere einer, der die Poesie stets gerne von ihrem anderen Ende aufzäumte und die Politik deshalb vielleicht ein wenig konkreter zur Sprache brachte. Von einer "nahezu vollkommenen Unvermischlichkeit der Temperamente" sprach auch Rühmkorf, im positiven Sinne versteht sich. Und die tut sich selbstverständlich auch bei dieser Lesung kund, natürlich ebenfalls im positiven Sinne. Die beiden lesen zunächst eigene Gedichte übers Dichten - so wird nicht nur in den Worten, sondern auch in den Stimmen der jeweilige Rahmen des poetischen Spiegelbilds kenntlich: Wo Enzensberger der Nüchternheit den Vorzug gibt, wirft sich Rühmkorf mit Verve in sein klangliches Element. "Er würde es sicher lieber leiser hören, aber ich muss manches einfach lostuten", sagt letzterer folglich, als es zum Stimmentausch kommt, der eine je das Werk des anderen zu rezitieren hat, und er sich Enzensbergers Landessprache von 1960 vornimmt.

Dass dies ein hervorragender Abend war, hätte man mithin auch ohne das enthusiastische Publikum in Hintergrund vernommen. Doch ist das selbstredend nicht die einzige Ursache jener Melancholie, die diesen Dichter-Dialog von Anfang an grundiert. Peter Rühmkorf starb am 8. Juni dieses Jahres, der "Weltmitschreiber mit Protokollpflicht" ist verstummt, seine Lust am verrückten Gleichklang niemals mehr live zu erleben. Als umso kostbareres Geschenk ist die Aufzeichnung dieses Hannoveraner Abends zu hüten und zu hören.

Wer Lyrik schreibt, ist verrückt! Rühmkorf und Enzensberger live, 2 CDs, ca. 102 Min., Hoffmann und Campe, Hamburg 2008, 22,95 EUR

Lyrik-Block

Nicht ins akustische Archiv gehören, sondern selbst eines sein will Lauter Lyrik, der Hör-Conrady. Fast 1.400 Seiten hat die gedruckte Ausgabe der Sammlung deutscher Poesie von den Anfängen bis zur Gegenwart, der Große Conrady von Karl Otto Conrady; etwa 2.500 Gedichte finden sich darin. Rund 1.100 davon liegen nun auf 21 CDs und zwei MP3-CDs vor: ein einschüchternder Lyrik-Block, eine unübersehbare Aufforderung in rot und weiß, eine nicht enden wollende Liste von Namen und Titeln, ein schlichtweg wahnsinniges Ding. Jedenfalls nichts, was man vom Anfang bis zum Ende einfach durchhören könnte - so erhellend in diesem steten Nacheinander - ausgehend von Du bist mîn eines unbekannten Verfasser und aufhörend mit Begriff von Anne Cotten - die Literaturgeschichte auch zum Vorschein tritt. Hin und her, vor und zurück, kreuz und quer ist freilich die viel glücklichere Methode. Von Britting über Grünbein zu Brentano, von Busch zu Droste-Hülshoff und über Krausser wieder zurück zu Walther von der Vogelweide zum Beispiel. Oder den Sprechern auf ihren Wegen durch die Zeiten folgen: mit Christian Brückner durchs Mittelalter, mit Donata Höffner dessen flüsternde Töne entdecken, dem Erzähler Matthias Habich lauschen, die intime Szenerie mit Corinna Kirchhof teilen, Jürgen Holtz die große Bühne geben und mit Sophie Rois den Vers erleben. Womit natürlich nur ein Bruchteil der Autoren und ein Teil der Sprecher genannt wären. Mit ähnlichen Problemen hat der Hör-Conrady vermutlich selbst zu kämpfen: Natürlich denkt man hier und da, es fehle doch dies und das - vergisst jedoch sogleich alle kritischen Einwände, sobald man auf Play drückt und Fremdes nah klingt, Altbekanntes unerhört ungewohnt ertönt, Stimmen lächeln, Worte lebendig werden und die Lyrik also ihre viel beschworene Oralität nicht nur zurück erstattet bekommt, sondern ganz neu darin erblüht.

Lauter Lyrik - Der Hör-Conrady: Die grosse Sammlung deutscher Gedichte" target="_blank">Lauter Lyrik. Der Hör-Conrady. Herausgegeben von Karl Otto Conrady, 21 CDs und 2 MP3-CDs, ca. 1.500 Min., Patmos, Düsseldorf 2008, 99,95 EUR

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Geschrieben von

Katrin Schuster

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