Geschichte geschieht in den Lücken

Ausstellung In München zeigt der Fotograf Michael Schmidt in seiner Ausstellung im Haus der Kunst Berliner Un-Orte – analog und in Schwarzweiß

Wenn all die Betrachter der Fotografien von Michael Schmidt einmal still verharrten, dann wäre in der Ausstellung Grau als Farbe nur dieses eine Geräusch zu hören: Da wird über Papier gestrichen. Ein Geräusch, das jeder sofort erkennt, auch wenn es mittlerweile fremd in manchen Ohren klingen mag.

Ähnlich fremd vielleicht, wie dieses Werk erscheint: Seit der 1945 geborene Schmidt im Alter von 20 Jahren als Autodidakt mit dem Fotografieren begann, arbeitet er ausschließlich analog und in Schwarzweiß. In der Ausstellung – die bislang größte Michael-Schmidt-Schau, die an die 400 Fotografien fasst – sind einzig die vier Videos in Farbe, in denen je ein Paar Hände mit Bedacht in einem der Fotobände des Berliners blättert, die Seiten vorsichtig umschlägt und sanft die Mitte glatt streicht. Als Sakralisierung darf man das allerdings nicht verstehen, denn die Inszenierung im Abgedunkelten erinnert nur daran, dass Schmidt sich nicht allein als Autor von Bildern, sondern zuerst als deren Komponist begreift. In München reiht und gruppiert er neu, was in seinen Büchern einer anderen sequenziellen und eben räumlichen Logik zu folgen hatte. So streichen seine Hände immer wieder übers Papier.

Zum ersten Mal zu sehen ist in Grau als Farbe die Serie 89/90, die der Fotograf aus seinem Archiv zusammen gestellt hat und die sein großes Thema Berlin ein weiteres Mal aufgreift. Fast immer tragen die einzelnen Bilder nur die Unterschrift o.T., ohne Titel. Auch dass Schmidt eine Serie über die Provinz Irgendwo (2001-2004) getauft hat, ist ernst gemeint; der vermeintlichen Gleichgültigkeit gegenüber exakten Verortungen ist sein Blick für die Texturen der (Stadt-)Landschaft geschuldet.

Den Aufnahmen mangelt es an der typisch fotografischen Ereignishaftigkeit, denn Schmidt fasst die Un-Orte ins Visier, die versifften Wände, kahlen Höfe, normierten Wohnlandschaften, das gerade noch nicht Ruinöse, das vom Heute nur erzählen kann, weil das Gestern als Fehlen sichtbar wird: als Brachfläche zwischen zwei Häusern, als verblassendes Graffito, als Bröckeln im Putz oder Einschussloch im Wellblech. Selbst seine Bilder von Menschen – Porträts möchte man die Serien wie Berlin Wedding. Menschen (1977-78), Ein-heit (1991-94) oder Frauen (1997-99) eigentlich nicht nennen – zeigen in beinahe soziologischer Manier vor allem Körper, an denen das Leben seine Spuren hinterlassen hat; sei es durch eine Narbe am Handgelenk, ein schiefes Grinsen oder eine verschämte Haltung.

Das kommt einem stets bekannt vor und scheint doch zugleich fremd, weil Schmidt das Typische im Besonderen enthüllt. Deshalb heißt man ihn einen sozialkritischen Deutschland-Fotografen und deshalb inszeniert er genau diese Differenz immer wieder anders – nicht nur, wenn er Bilder von Bildern integriert, sondern vor allem, indem er sein Werk neu ordnet und als flächige Mosaike, über mehrere Räume verteilte Netzwerke oder eng gereihte Linien präsentiert, die das literarische Sprechen in Versen, Intertexten oder Sätzen immerhin zitieren. So geschieht die Geschichte bei Michael Schmidt in den Lücken nicht nur zwischen den Häusern und den Menschen, sondern vor allem zwischen den Bildern. Der Fotograf komponiert diese Zwischenräume, aber es ist der Betrachter, der die Spurenübertragung zu lesen hat.

Michael Schmidt Grau als Farbe. Bis 22. August, Haus der Kunst, München. Das Künstlerbuch 89/90 kostet 39,80 Euro

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Geschrieben von

Katrin Schuster

Freie Autorin, u.a. beim Freitag (Literatur, TV, WWW)

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