Solidarität kostet nicht nur Geld

Medientagebuch Bei der "Taz" stehen die Auslandkorrespondenten im Streik. Eine soziale Gerechtigkeit, die ins eigene Portemonnaie greift, scheint den Betroffenen offenbar doch zu teuer

Es gehört zu den leichtesten Übungen eines Medienkritikers, den Inhalt einer Zeitung mit deren Handlungen zu vergleichen. Da gibt es nämlich meist nicht allzu viele Übereinstimmungen: Die eine propagiert die freie Meinungsbildung und führt derweil eine verlogene Kampagne nach der anderen; eine andere spricht sich für eine Frauenquote aus, beschäftigt aber selbst vor allem Männer in Führungspositionen; eine dritte ruft in die Welt hinaus, dass Arbeit sich wieder lohnen müsse, bezahlt aber den eigenen Mitarbeitern nur ein peinliches Sümmchen, das einen nicht einmal zweistelligen Stundenlohn ergibt.

Auch die Auslandskorrespondenten der Taz führen gerade eine Parole aus dieser Zeitung gegen diese Zeitung ins Feld: „Wem zehn, zwanzig oder noch mehr Prozent von Lohn und Gehalt gekürzt werden, der muss auf die Straße gehen“, war im Mai 2010 in einem Taz-Kommentar zu den Streiks in Griechenland zu lesen. Der Satz findet sich nun wieder in einer Presseerklärung, mit der die Auslandskorrespondenten der Taz ihren fünftägigen Streik in der vergangenen Woche erklärten.

Der Grund für den Ausstand: Die von der Taz als „Umstrukturierung“ bezeichnete Neuregelung der Pauschalisten-Gehälter bedeutet für einige altgediente Korrespondenten Einbußen, die bei den bestbezahlten unter ihnen über ein Viertel ihres bisherigen Verdienstes ausmachen. Der Grund für diese Neuregelung: Bislang herrschten Ungleichheiten bei der Bezahlung der Korrespondenten. Wer als Auslandskorrespondent das Glück des frühen Eintritts in den Taz-Kosmos hatte, der verdiente für Taz-Verhältnisse recht gut, mehr sogar als die normalen Redakteure; und gab es in einem Monat weniger Themen und Nachrichten aus der von ihm betreuten Region, bekam er dennoch pauschal die vereinbarten Zeilen bezahlt. Wer später hinzukam – wird da eine zarte Trenn­linie zwischen den Taz-Natives und den Hinzuzüglern gezogen? –, ist meist schlechter dran. Diese Letzteren sind es, für die die Neuregelung eine Besserung ihrer Lebenssituation bedeutet. Fortan sollen alle gleich behandelt werden: Die Pauschale beträgt 735 Euro, das entspricht 500 Zeilen, und jede weitere wird mit 89 Cent entlohnt. Die gute alte Taz-Idee vom richtigen Leben in der richtigen Welt, da ist sie plötzlich wieder.

Die bislang Besserverdienenden wollen davon allerdings nichts hören und haben deshalb einen multimedialen Protest angestoßen, obwohl die zuständigen Redakteure, immerhin ihre Anwälte innerhalb der Redaktion, hinter der Neuerung stehen. Eine soziale Gerechtigkeit, die ins eigene Portemonnaie greift, scheint den Betroffenen ­offenbar doch zu teuer. Man kann sie ja verstehen: Nicht wenige der besser bezahlten Korrespondenten machen die schwierigen (zum Beispiel in Nord­afrika) beziehungsweise kostspieligen (etwa in Paris oder Washington) Jobs. Und die dürften für ein Grundgehalt von 735 Euro selbstredend deutlich schwerer fallen.

Nun erfahren auch die Alteingesessenen noch bitterer, was es heutzutage heißt, sich als Journalist über Wasser halten zu müssen. Eigenmarketing, Klinkenputzen, Moderationsjobs, Zweitverwertung und so weiter. Dass die Taz auf die Exklusivität ihrer Autoren und Berichterstattung dann vielleicht nicht mehr ganz so stolz sein darf wie bisher, muss sie allerdings verkraften können. Vielmehr darf sie nun fürchten, dass ihr Gesicht bald nicht mehr unverwechselbar in die Weltgeschichte guckt und die Korrespondenten das Projekt Taz nicht mehr so eifrig unterstützen wie bislang (wozu den ­Billiglöhnern aus Zeitmangel ohnehin schon immer die Möglichkeit fehlte). Solidarität kostet eben nicht nur Geld.

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Geschrieben von

Katrin Schuster

Freie Autorin, u.a. beim Freitag (Literatur, TV, WWW)

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