Wie man sich selbst ein Denkmal setzt

Team Todenhöfer Jürgen Todenhöfer schwingt sich mit seiner neuen Partei zum Hoffnungsträger junger Menschen auf. Wo bleibt die Skepsis gegenüber dem alten, weißen Mann?
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Jürgen Todenhöfer ist 80 Jahre alt und schaut auf ein gelungenes Leben zurück: Nach seiner Promotion zum Dr. iur. trat er mit Anfang 30 für die CDU/CSU-Fraktion in den deutschen Bundestag ein, behielt sein Mandat 18 Jahre lang und machte nebenher publizistisch auf sich aufmerksam. Seine zahlreichen Bücher verkaufen sich in hohen Auflagen, angesichts der neuesten Ereignisse um seine Person dürften sie derzeit weiter steigen. Zudem war er 20 Jahre lang Vorstandsmitglied in einem der größten Medienunternehmen Deutschlands, dem Burda-Medienkonzern, zu dem etwa der Focus und die Bunte gehören. Mit der im November 2020 gegründeten Partei Team Todenhöfer schwingt er sich nun zum Hoffnungsträger junger Leute auf, die sich für eine andere Politik einsetzen – und die doch eigentlich aus guten Gründen den alten, erfolgreichen, weißen Männern skeptisch gegenüberstehen.

Nonkonformistisches Image, gemäßigte Positionen

Um dieses Misstrauen aus dem Weg zu räumen, hat es allem Anschein nach weniger gebraucht als zu erwarten gewesen wäre. Offenbar genügt es bereits, nicht wie ein typischer Vertreter des politischen Establishments aufzutreten – wie es z.B. der Jürgen Todenhöfer von früher getan hatte, der Stahlhelm-Jürgen, der gemeinsam mit Alfred Dregger dem Rechtsaußen-Flügel der CDU angehört hatte. Der heutige Todenhöfer ist erklärtermaßen ein anderer. Seine Reportage-Reisen in arabische Krisengebiete haben ihn bekehrt, schon länger spricht er sich öffentlich gegen den deutschen Afghanistan-Einsatz und andere militärische Operationen der NATO-Staaten aus. Gekonnt weiß er sich dabei mit Lederjacke und lässigem Auftreten in Szene zu setzen. Im Rahmen seines neuen politischen Projekts zeigt er sich nun als aus dem Exil zurückgekehrter Polit-Rebell.

Neben der zentralen Forderung nach einem Ende von Auslandseinsätzen der Bundeswehr spricht er sich etwa auch für Bürokratieabbau und Steuersenkungen für die Mittelschicht sowie für überfällige Reformen in verschiedenen Bereichen aus – z.B. in der Bildungs- und Familienpolitik (Inklusion bildungsferner Schichten, mehrjährige Elternzeit). Bei aller Sympathie für seine Vorschläge, bleiben sie doch weit hinter der kompromisslosen Radikalität zurück, die sich Todenhöfer selbst zuschreibt. Denn weder vermitteln seine Aussagen die Absicht, die neoliberale Ära der letzten Jahrzehnte beenden zu wollen, noch scheint es ihm um die wirklichen strukturellen Probleme in Politik und Gesellschaft zu gehen. Eindrücklich bestätigt wurde diese Annahme am 25.01.2021, als im Rahmen einer Pressekonferenz in Berlin das Programm der Partei vorgestellt wurde.

Trotzdem: Er formuliert seine Überzeugungen erfrischend direkt und trägt sie mit dem Charme des unangepassten Widerständlers vor. Das vermittelt den durchaus sympathischen Eindruck eines Menschen, dem es mittlerweile reicht, der von den Machenschaften der Herrschenden genug hat und sich nun selbst das Wort erteilt.

Unter anderem bei den Jüngeren kommt das gut an, insbesondere dem Teil, der sich weltanschaulich zwischen grün, links und liberal verorten (lassen) würde. Denn einerseits ist diese Gruppe der aus politischen Talkshows bekannten Phrasen seit Jahren überdrüssig. Andererseits wollen sie sich auch nicht den Vorwurf einer grundsätzlichen Politikverdrossenheit gefallen lassen, da sie gerade in ökologischen und sozialen Fragen eine immer deutlichere Agenda vor sich sehen. Geschickt greift Todenhöfer ihre Forderungen auf und präsentiert sich als Alliierter im Kampf um mehr Gerechtigkeit und verstärkte politische Teilhabe von unten. Doch sollte eine junge Generation ihre Hoffnung tatsächlich auf jemanden setzen, dem es vor allem um sich selbst geht?

Grundsteinlegung

Team Todenhöfer heißt die neue Partei, ins Leben gerufen am 12.11.2020, dem 80. Geburtstag von Jürgen Todenhöfer. Immerhin, so könnte man sagen, mahnt doch bereits der Titel an, um wen es hier eigentlich geht. Selbst die alliterative Anbindung an den ersten Bestandteil verbirgt nicht, auf welcher Seite die Waagschale der beiden Wörter ‚Team‘ und ‚Todenhöfer‘ von Anfang an gelegen hat. Diese Partei besitzt ein einziges Gesicht. In jeder medialen Darstellung steht ausschließlich Jürgen Todenhöfer im Mittelpunkt. Die Webpräsenz der Partei wirbt mit seiner antimilitaristisch engagierten Erfolgsbiografie, unter seinem Namen werden sämtliche Blogeinträge veröffentlicht. Selbst die großspurige Ankündigung, man werde zur Bundestagswahl „mit der jüngsten Kandidatenliste und mit dem höchsten Frauenanteil“ antreten, wirkt in diesem Licht besehen eher wie eine auszeichnende Qualität des alleinigen Aushängeschilds der Partei, die seine Nähe zu jungen Leuten unterstreichen soll.

In der Tat spricht vieles dafür, dass Jürgen Todenhöfer gerade die Gelegenheit nutzt, sich selbst ein Ehrenmal, seinem Leben ein denkwürdiges Finale zu setzen, einen letzten medial inszenierten Aufschrei, für den er erinnert werden will. Wenn es ihm aufrichtig darum ginge, zukunftsweisende Politik zu machen, die herrschenden politischen Verhältnisse aufzuwühlen oder junge Leute für Politik zu begeistern, würde er andere Mittel und Wege finden. Es gibt Möglichkeiten, etwas Derartiges zu erreichen, ohne sich selbst zur Bühne und zum Mittelpunkt der Diskussion zu machen. Eine Partei, die in nahezu allem auf eine Einzelperson hin ausgerichtet ist, muss sich dem berechtigten Vorwurf ausgesetzt sehen, nichts anderes als eine medienwirksame Selbstinszenierung zu sein. Bisher lässt keine Beobachtung annehmen, dass Todenhöfer und Team bemüht wären, diesen Umstand zu korrigieren. Hier haut gerade jemand ein letztes Mal lautstark auf die Pauke, um sich ins Gedächtnis der Nation einzuschreiben und unvergessen zu bleiben.

Was wird passieren?

Dass ihm dabei vor allem junge Leute auf den Leim gehen und unweigerlich zu Komplizen eines Ego-Projekts machen, ist bedauerlich. Immerhin bleibt zu hoffen, dass sie sich nach der vermut­lich eintretenden Ernüchterung nicht wieder politik- und parteienverdrossen zurückziehen. Wenn ihr Interesse an der aktiven politischen Partizipation erhalten bleibt, hätte das Inter­mezzo Team Todenhöfer wenn auch einen anderen als den beabsichtigten, so doch einen positiv in Rechnung zu stellenden Erfolg gehabt.

Eine weitere wünschenswerte Folge der im Vorfeld der Bundestagswahl 2021 auf den Plan gerufenen Ein-Mann-Partei wäre eine Reaktion seitens der anderen Parteien. Angesichts ihrer selbstbewussten neuen Konkurrenz könnten sie sich genötigt fühlen, Stellung gegen ihn zu beziehen und einen Wahlkampf zu veranstalten, der diese Bezeichnung verdient. Auch wenn diese Hoffnung nicht allzu großgeschrieben werden sollte: Selbst ein zweifelhafter Akteur wie Jürgen Todenhöfer könnte in einem sich politisch immer weiter auseinanderbewegenden Land zu verstärkter Selbstreflektion bei den vermeintlichen Volksparteien führen.

17:45 26.01.2021
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