Feilschen

KEHRSEITE "Einen schönen guten Morgen!", rief Schubert gut gelaunt, als er das Sportgeschäft betrat. Er wusste, heute würde sein Tag sein. Endlich einmal so ...

"Einen schönen guten Morgen!", rief Schubert gut gelaunt, als er das Sportgeschäft betrat. Er wusste, heute würde sein Tag sein. Endlich einmal so richtig feilschen, jetzt, wo das Rabattgesetz samt Zugabeverordnung gefallen war. "Was kostet der Hometrainer dort", sagte er zu dem jungen Verkäufer. "348 Mark, unser Superangebot!" - "348 Mark?", rief Schubert mit trainiertem Entsetzen, "der hat doch letzte Woche noch 298 gekostet, dafür bekomme ich bei Sportworld zwei." Der Verkäufer fand den Scherz nicht so lustig, bemühte sich aber sachlich zu bleiben: "Aber nicht in dieser Spitzenqualität, mein Herr!" "Gut, 270 Mark und ich nehme ihn sofort mit", erwiderte Schubert. "Unmöglich!", sagte der Verkäufer, "der Preis ist ohnehin sehr günstig." Haben Sie den auch mit silbernem Rahmen?", fragte Schubert in der Hoffnung auf eine negative Antwort, die ihm einen psychologischen Vorteil in der weiteren Verhandlungsführung verschaffen sollte. "Selbstverständlich", antwortete der Verkäufer trocken. Nun musste Schubert sich etwas neues einfallen lassen.

"Die Kugellager sind in dieser Preisklasse doch sicher aus Titan?" Der Verkäufer war von Schuberts Frage sichtlich überrascht. "Kugellager aus Titan?", starrte er ihn ungläubig an. "Das glaube ich nicht, das heißt ... ich weiß es nicht ... da muss ich den Chef fragen." Die überfallartige Frage war gelungen. Der Verkäufer tuschelte mit dem Chef, der dann auch zögernd auf Schubert zu kam: "Nein, ich denke, aus Titan sind die Kugellager nicht." "Wirklich schade", sagte Schubert mit einer so starken Leidensmiene, dass der Verkäufer ihm spontan ein Glas Wasser anbot, "bei Titan hätte ich den Preis akzeptiert, aber so ..." Sein betrübtes Gesicht ließ den Chef nun aber handeln: "320 Mark sind der äußerste Preis, den ich Ihnen anbieten könnte ..." - "Gut, für 280 nehme ich ihn", konterte Schubert. Sie einigten sich auf 300 Mark.

Als Schubert bezahlt hatte, fiel ihm ein, dass sein Neffe, für den der Hometrainer als Hochzeitsgeschenk bestimmt war, ihn eigens gebeten hatte, auf keinen Fall einen schwarzen Sattel zu nehmen. So sagte er eher beiläufig: "Den schwarzen Sattel kann ich doch umtauschen gegen einen farbigen. Sie haben hier ja welche in blau." Der Chef zögerte zunächst, sagte dann aber überraschend freundlich: "Gerne!" Er ging zum Regal und brachte ihm den leuchtend blauen Sattel: "98 Mark." "Nein ich will ihn nicht kaufen, sondern nur tauschen gegen den schwarzen", entgegnete Schubert, etwas verwirrt. "Das ist schon der Tauschpreis, denn normal kostet der blaue 128 Mark. Ich habe Ihnen 30 Mark für den schwarzen Sattel angerechnet." Schubert erschrak, denn er brauchte den Hometrainer sofort. "Aber warum soll denn der schwarze Sattel 98 Mark weniger wert sein als der blaue?", sagte er fast flehend zu dem Chef des Ladens. "Weil schwarz niemand will!", erwiderte der und lächelte.

Nun kam Schubert ins Schwitzen, die Zeit lief ihm davon. Da erbarmte sich der Chef: "Ich mache Ihnen jetzt ein Angebot. Sie zahlen nur 98 Mark für den blauen Sattel und bekommen den schwarzen von mir als Zugabe, also umsonst - kostenlos!!!" Schubert griff sofort zu. Zufrieden sagte er sich: "Feilschen muss man können!" Als Schubert das Geschäft verlassen hatte, rief der Chef zu seinem Verkäufer: "War doch gut, dass wir den Preis gestern um 50 Mark erhöht haben - und den blauen Ladenhüter sind wir auch los."

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