Und sie bewegt sich doch ganz anders

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Eine Auseinandersetzung mit G.Graßhoffs Artikel vom 19.2.2009

Gerd Graßhoff setzt sich mit dem Jahr der Astronomie auseinander. Er stellt den Bezug auf das Jahr 1609 in Frage und beschreibt die gesundheitlichen und finanziellen Widrigkeiten, denen Galilei und Kepler um diese Zeit ausgesetzt waren: Keplers Pleite - Galileis Irrtum

Zum Epochenbruch um 1600

Dass Galileis Blick in den Himmel von 1609 nun Anlass für ein "Jahr der Astronomie" ist, hat selbstverständlich willkürliche Züge - so wie jedes derartige "Gedenkjahr". So hat auch das genaue Jahr von Darwins Geburt wenig mit seiner Erklärung der Entstehung der Arten zu tun; darüber hinaus sind "runde" Jahrestage den zufälligen Setzungen unseres wirren Kalenders geschuldet. Ob Galilei also 1609 oder 1610 das Fernrohr in den Himmel richtete, in welchem Kalenderjahr Keplers Ideen zu den Planetenbahnen sich veröffentlichungsreif verfestigten, ist ideengeschichtlich sehr interessant, hat aber mit der Bedeutung des Umbruchs in unserem Weltbild ab der Mitte des 16. Jahrhunderts wenig zu tun. Denn nicht nur Astronomie und Physik, auch Philosophie und Ethik sind ohne diesen damaligen Blick in den Sternenhimmel heute nicht mehr denkbar. Es gibt keinen Weg mehr zurück, in die Vorstellungwelt vor 1609 oder 1548 - in diesem Sinn ist seit 1610 jedes Jahr ein "Jahr der Astronomie", so wie seit (ungefähr) 1860 jedes Jahr ein "Darwinjahr" ist.

In den Jahrzehnten um 1600 begannen wir, ein neues, umfassenderes Verständnis für das Verhältnis von Idee und Realität, von Denken und Erfahrungswelt zu entwickeln. Was waren die Etappen in diesem Prozess, der konstitutiv für unser Weltverständnis ist? Erinnerung:

Seit alters her sehen wir, die Bewegungen von Sonne, Planeten und Sternen. Wir sehen ein schönes Universum: in der Mitte ruht die kugelförmige Erde, um uns kreisen die Gestirne. Wir können erklären, warum Rauch nach oben steigt und Schweres nach unten fällt. Die Götter erlauben uns aus unserer physisch-physikalisch-vergänglichen irdischen Wirrnis in den mathematisch verlässlichen Himmel einen Blick in ihre Sphäre. Da wir nicht an Zufälle glauben können, ist alles bedeutsam, alles mathematisch verwoben, alles auf uns bezogen: 7 platonische Körper, 7 Planeten, gleichmäßige Kreisbahnen, Sphärenharmonie!

Aber je genauer wir schauen, desto hässlicher wird das Bild. Immer mehr Unregelmäßigkeiten tauchen auf: Was treibt die Planeten um? Warum ist das Winterhalbjahr kürzer als das Sommerhalbjahr? Warum ist Mars manchmal heller, manchmal dunkler? Unsere Beobachtungen, noch ohne Fernrohr, widersprechen teilweise unseren philosophisch begründeten Annahmen. Wir passen unsere Weltsicht den Beobachtungen an. Aber was will uns Gott damit sagen, dass er über 70 unabhängige Kreisläufe am Himmel geschaffen hat?

Dieses in erster Linie ästhetische Problem stellt sich Kopernikus. Er kann die Planetenbewegungen näherungsweise beschreiben, indem er nur sieben unabhängige Kreisläufe annimmt. Sein Weltbild ist schöner, aber nicht genauer als das alte. Es erklärt nicht die unterschiedliche Länge der Jahreszeiten und auch nicht manche Details der Planetenbahnen. Es schafft erhebliche Probleme, weil in seinem Universum die Erde sich bewegen muss. Eine widersinnige, absurde Vorstellung!

Genau jetzt, 1600, sind wir mit Tycho, Kepler und Galilei mitten in der Auseinandersetzung über den Realitätsbezug einer Theorie, ein Problem, das bis heute antreibende Kraft von Naturwissenschaft und Philosophie ist: Kreist die Erde in Wirklichkeit um die Sonne oder lassen sich die Himmelsbewegungen nur leichter beschreiben, wenn ich die Bewegung der Erde annehme? Leben wir in Wirklichkeit in einem vierdimensionalen Raum-Zeit-Kontinuum oder einem hamiltonschen Phasenraum oder sind dies nur mathematische Formalismen, die einfachere Berechnungen erlauben? Wie real sind Elektron und Up-Quark? Haben sich die Lebewesen auf der Erde über "natürliche Zuchtwahl" in langer Zeit entwickelt oder ist diese Annahme nur ein Erklärungsmodell mit dem wir den Zusammenhang von Fossilien und lebenden Arten elegant beschreiben können?

Neben dem Wirklichkeitsbezug stellt sich die falsche Frage nach dem "Beweis" einer Theorie: Beweise dass die Erde um die Sonne kreist! fragte die Kirche damals. Beweise, dass Darwins Erklärungsmodell stimmt! fragen die Obskuranten heute. Das ist im Kern die Frage, ob und wie weit und in welchen Aspekten unsere Logik und Mathematik (rein im Verstand wohnende A-Priori-Wissenschafen) auf die Realität oder - bescheidener - auf die Welt der Sinneseindrücke passen.

Zu den Personen - am Beispiel Keplers

Selbstverständlich ist die Konzentration auf "Heroen der Geistesgeschichte" grundlegend simplifizierend. In jedem Fall lässt sich nachvollziehen, wie das "Genie" Kenntnisse und Theorien der Mit-Denker seiner Zeit aufnahm und wie klein und doch radikal die Schritte in das neue Denken waren. Alle Galileis, Keplers, Newtons, Darwins oder Einsteins waren zu ihrer jeweiligen Zeit die Zwerge auf den Schultern von Giganten, so bescheiden oder Diva-haft sie privat auch immer waren.

Keplers Vorhaben, Ursachen der Planetenbewegung zu finden, ist illusorisch in einer Zeit, die eine unklare Vorstellung von Masseträgheit und überhaupt keine von Gravitation hatte. Aber seine Absicht, eine neue Harmonie in den Bahnen zu finden ja sein Widerwille gegen seine eigenen Ellipsen sind genauso irrelevant, wie Newtons Widerwille gegen die Gravitation und seine heimlichen Versuche, Physik und Kabbala zu verbinden oder wie Kekulés Traum von der Ourobourosschlange im Zusammenhang mit der Aufdeckung der Struktur des Benzols. Kepler ist gegen alle Vorsätze gezwungen, die Gleichförmigkeit der Bahnbewegung zu opfern, findet aber Trost, indem er in seiner geometrischen Beschreibung eine konstante "Flächengeschwindigkeit" findet.

Der Weg, auf dem ein Forscher eine Idee gewinnt, ist seine "schmutzige Privatangelegenheit". Die Idee selbst beginnt aber in ihrem Bezug auf theoretische Vorstellungen und Beobachtungen/Sinneserfahrungen (um das Wort "Realität" zu vermeiden) ihr Eigenleben. Was zählt ist also, unabhängig von allen Wünschen, Hoffnungen und Absichten, dass Kepler mit der Annahme von Ellipsen als Planetenbahnen einen weiteren wichtigen Schritt weg von einer nur gedanklich-philosophischen Welterklärung hin zu einer Kosmologie ging, die sich in der Auseinandersetzung zwischen theoretischen Annahmen und Beobachtungen entwickelt. Bei aller Faszination für das Leben eines Gelehrten - es ist die Idee, die entscheidend ist. Das scheint mir oft bei einer biographisch orientierten Sichtweise verloren zu gehen.

16:54 21.02.2009
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