Klaus Raab
08.11.2010 | 16:15 11

Sixt adelt den Protest

Kampagnenkritik Wer politisch etwas zu melden hat, wird irgendwann in einer Werbekampagne des Autovermieters benutzt. So ging es Merkel und Schröder – und nun der Castor-Protestbewegung

Im Wendland kommen sehr viele Menschen zusammen, um gemeinsam – tendenziell lager-, generationen- und milieuübergreifend – gegen die Castor-Transporte zu protestieren. Wie nennt man es im Fachjargon der Werbung, wenn sehr viele Menschen, die nicht unbedingt viel gemeinsam haben müssen, auf einem Fleck zusammenkommen? Man nennt das: riesige Zielgruppe.

So betrachtet liegt die Idee des Autovermietungsunternehmens Sixt nahe: Es warb dieser Tage vor Ort mit Transparenten, beschrifteten Pullovern und Flugblättern bei den Castor-Protesten für seine Transporter-Sparte – mit dem Slogan: "Stoppt teure Transporte! Mietet Van von Sixt!" Auf einem Handzettel, der hinter Scheibenwischer gesteckt wurde, stand: "LKW statt AKW!" Medienaufmerksamkeit gibt es sogar gratis.

"Das hat es in der deutschen Werbegeschichte noch nicht gegeben: Werbung bei einer Protestveranstaltung", heißt es im Firmenblog. "In einer beispiellosen Guerilla-Aktion haben sich dazu kurzerhand einige Anhänger der Pullacher' 'Van'-Sparte unter die Castor-Gegner gemischt um dort ihre, als Castor-Protest getarnte, Botschaft zu platzieren."

Die Aktion ist auf den ersten Blick empörend: Ein Autovermieter nutzt die große Bühne des Protests, der irgendwann einmal zur Energiewende führen soll, um für sich zu werben. Man muss Sixt für den Mut bewundern – man kann sich mit solch einer Aktion in Web-2.0-Zeiten ja auch schnell so viele Gegner machen, dass das Image kippt: Vom Autovermieter mit den frechen Politiker-Kampagnen (wie dieser mit Ulla Schmidt, dieser mit Ursula von der Leyen, dieser mit Angela Merkel oder dieser mit Gerhard Schröder) kann das Unternehmen auch zum Autovermieter mit dem guten Draht zur Energielobby werden. Kann – muss nicht. Aber gegebenfalls sollte man wohl viel Spaß bei der Schadensbegrenzung wünschen.

Bemerkenswert an der Guerillakampagne, gesellschaftlich betrachtet, ist jedoch vor allem die Adelung des zivilen Ungehorsams: Der wird nun offenbar tatsächlich wahrgenommen als relevante Äußerung im gesellschaftlichen Diskurs. Wer politisch etwas zu melden hat in diesem Land, muss damit rechnen, früher oder später von Sixt benutzt zu werden, und die Protestierenden bekommen nun also, nachdem sie viele Jahre lang als Splittergruppe abgetan und links liegen gelassen werden konnten, dieselbe Aufmerksamkeit wie die Politiker in den anderen Sixt-Kampagnen. Man kann die jüngste Kampagne daher auch als Nebenwirkung des Erfolgs der Castor-Proteste verstehen: Sie werden ernstgenommen.

Kommentare (11)

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belle-hopes 08.11.2010 | 18:22

das fand ich mal sehr interessant; mit dem titel hatten sie mich, herr raab, aber, wenn es eine adelung gibt, dann nicht durch sixt, das ist mir wichtig. die protestler adeln sich selber durch die gute sache, klingt nach pathos, ich weiß. ansonsten gilt: werbung macht der der werbung braucht. lg

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belle-hopes 08.11.2010 | 18:22

das fand ich mal sehr interessant; mit dem titel hatten sie mich, herr raab, aber, wenn es eine adelung gibt, dann nicht durch sixt, das ist mir wichtig. die protestler adeln sich selber durch die gute sache, klingt nach pathos, ich weiß. ansonsten gilt: werbung macht der der werbung braucht. lg

Klaus Raab 09.11.2010 | 15:48

Hallo, ich verstehe schon, wenn jemand die Aktion unanständig findet und sich über Sixt aufregt - aber die Wirkung der Aktion für Sixt ist ja nur das eine. Das andere ist, dass es auch etwas über den Protest aussagt, wenn Sixt dort wirbt. Es spricht für die gesellschaftliche Relevanz. Wenn ich also sage, dass Sixt den Protest adele, will ich nicht sagen, dass das von Sixt so intendiert ist - das glaube ich kaum. Aber man wird doch nur provoziert, wenn man ernstgenommen wird, insofern kommt doch nichts anderes am Ende heraus als: Es tut sich wirklich was im Wendland. Oder?

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Ehemaliger Nutzer 10.11.2010 | 00:40

Was sind das überhaupt für Deppen die solche Demobanner freiwillig auf einer Umweltschutz (Anti-Atom) Demonstration nehmen? Wurden die wenigstens dafür verprügelt oder ist das Foto auf einem Provinzparkplatz von Sixt gemacht worden?

Eigentlich werden Instrumentalisierungen, gerade solcher Art (nehmt lieber LKWs für Transporte), durch die Teilnehmer sofort unterbunden. Sei es durch Ausschluss dieser Teilnehmer oder Bannerzerstörung.

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Ehemaliger Nutzer 10.11.2010 | 00:46

Hab gerade das Video gesehen, also Mitarbeiter von Sixt. Naja einen Coup hat das Häuflein der Sieben Aufrechten nun nicht gerade gelandet.

Allerdings die Kommerzialisierung hält doch seit Jahren Einzug in politischen Aktivitäten. Kucken Sie sich mal die DGB-Würstchen-Bierstände-und Luftballon-"Demos" an, nur damit der dicke Peter nicht vom Fleisch fällt bei der langen Zeit an der frischen Luft. Da sind dann sämtliche Berliner Brauereien vertreten usw.

B.V. 10.11.2010 | 13:46

Eine sehr gelungene und witzige Aktion von SIXT, irgendwie gab sie der Sache den richtigen Pep. Ich hoffe, das bald die Baumärkte folgen werden (vielleicht beim nächsten Transport und der nächsten Ritualdemo dagegen), ja und Mediamarkt und Saturn fehlen eigentlich auch: Alice Cooper fliegt auf dem Castor ins Weltall zu seiner Weltraumbar, das wär´s doch :-)))