Lasst uns flattern, Leute!

Printmedien Kein Bein breit dem Blocksatz oder: Wo kommt eigentlich der magische Rhythmus dieser Zeitung her?
Ausgabe 16/2018
Flattern versus Blocksatz
Flattern versus Blocksatz

Foto: Jack Taylor/Getty Images

Zitate wollen flattern. Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, ist das sicher noch gar nicht aufgefallen. Wie toll die flattern. Sie selber, liebe Leserinnen und Leser, sind einfach so hinweggeflattert über die Zitate, wie ein besonders anmutiger Vogel (oder seine Frau). Ganz leicht flatterten die rein, diese Zitate, diese groß gesetzten Textausrisse, die in den Freitag-Artikeln prangen und Sie, liebe Leserinnen und Leser, magisch hineinziehen in den Beitrag. Weil die nämlich so toll geflattert sind. Ein richtig gut geflattertes Zitat, dem erliegt man, ganz unbewusst ergibt man sich dem magischen Rhythmus seiner Flatterung. Kurz – lang – kurz – lang. Oder sogar: Lang – kurz – lang – kurz. Die kurze Zeile hebt die Länge der langen Zeile ehrfurchtsvoll heraus, die lange Zeile bereitet die knackige kurze Zeile vor – ratatatata – bum! Es ist eine Kunst. Es ist eine Lebenseinstellung. „Bauern aus / dem Hochland / fürchten / um den Ruf / der Sorte / Arabica-Kaffee“. Was einfach nur wie eine intensive, spannende Mitteilung aus der Welt des Kaffeeanbaus wirkt, ist in Wahrheit ein Kunstwerk, an dem über Stunden gefeilt wurde.

Ginge auch „Hochlandbauern“? Viel zu lang. Böses Wort. So wie „Verantwortung“ oder „Neoliberalismus“. Darüber werden Sie bei uns niemals lesen, nicht in den Zitaten. Oder wie wäre es mit einem harmlos scheinenden Zusatz-„Die“? „Die Bauern aus / dem Hochland / fürchten“ – jede Zeile kürzer als die vorige, der Weg abwärts in die Depression – statt eines fröhlichen Flatterns! Oder mit „ihrer“: „um den Ruf / ihrer Sorte“, da droht ein nahezu bündiger Abschluss, dafür haben Sie, liebe Lesende, ja nicht bezahlt!

Erst im Flattersatz kommen die Worte zur Geltung, die Worte in den Kurzzeilen emotionalisieren uns, indem sie uns leidtun, so ganz allein steht ihr da! Um die Worte in den Langzeilen haben wir Angst, so weit ragen sie ins Nichts, herrje, wenn diese Zeile mal nicht bald abbricht! Auf die Seite gedreht, zeigt der Flattersatz echte phallische Männlichkeit, die, wie wir wissen, die Welt regiert: Nie sind die Zeilen um Ausgleich bemüht, immer ragt eine krass empor und demütigt die anderen: The winner takes it all. Und kann doch ohne die ganzen Unterprivilegierten nicht sein. Der Flattersatz ist Kapitalismus in Reinkultur. Bemüht man sich um eine hübsche, harmonische Blockform – um den Ruf / ihrer Sorte –, so kommt die gnadenlose Artdirection und malt alles blutrot an. Noch mal neu! Ja, aber ...

Na gut, aye! Blocksatz, pfui! Blocksatz ist Gleichmacherei, Kommunismus, das Ende jeder Entfaltungsmöglichkeit. Er macht die Wörter zu Ziegeln in einer Mauer, beraubt sie ihrer Worthaftigkeit. Flattern bedeutet Freiheit! Wie es im Detail auszusehen hat, da gehen, wie bei jeder Theologie, die Meinungen auseinander, fragst du fünf Typografen, bekommst du sechs Meinungen, aber auch der große Otl Aicher war Fan des Flattersatzes, mehr muss man ja wohl nicht sagen. Geflattert wird alles, was nicht großer Textkorpus ist. Geflattert wird, was berührt. Geflattert werden Zitate, geflattert werden kurze Texte (von Hand! Eine Maschine kann das gar nicht). Geflattert werden auch Überschriften, die über zwei oder drei Zeilen gehen – zu schmal? Egal! Redakteur X steht vor dem noch leeren, knappen Überschriftenkasten, den die Artdirection ihm zugewiesen hat, und er sagt: „Okay, gut, wir haben also drei Zeilen, die alle superkurz sind, wie wäre es mit ‚Ha / Ho / He‘?“ Und so gerne man das unterstützen würde, niemals wird es durchgehen! Denn es flattert so gar nicht. Es blockt.

Klaus Ungerer ist Textchef des Freitag

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