„Ende oder Wende“ – neu betrachtet

Futur III Erhard Epplers Buch "Ende oder Wende" gehört zu den wichtigsten Büchern der Nachkriegszeit. Was vor 40 Jahren gesagt wurde, ist auch heute noch von brennender Aktualität.
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Unter diesem Motto möchte ich die in meinem Beitrag "FuturIII - die vermasselte Zukunft" begonnene Thematik fortsetzen: unbequeme Wahrheiten, die seit langem bekannt sind und bis heute auf breiter Front verdrängt werden.

In die erste Hälfte der siebziger Jahre fällt eine historische Zäsur, deren Tiefe erst in einigem Abstand sichtbar werden wird. Die Menschheit ist auf Grenzen gestoßen, von denen sie zumindest in den zwei Jahrhunderten zuvor nichts wusste oder wissen wollte.

Mit diesen Worten beginnt das vor vierzig Jahren erschienene Buch „Ende oder Wende. Von der Machbarkeit des Notwendigen“ von Erhard Eppler.[i]

Es ist das hoffnungsvolle Jahr 1975, das Jahr der KSZE-Schlussakte von Helsinki, das Jahr, in dem der Vietnamkrieg und die Franco-Diktatur in Spanien beendet werden. Aber es ziehen neue Sorgenwolken auf, zuerst in den USA, wenig später auch in Europa und den anderen frühindustrialisierten Ländern. Das Wirtschaftswachstum der Nachkriegsjahre scheint an seine Grenzen gelangt zu sein. Und nicht nur das, der zunehmende Wohlstand hat Probleme aufgeworfen, vor denen die Gesellschaft lieber die Augen verschließen möchte. Namhafte Gelehrte hatten jene Fehlentwicklungen bereits angeprangert; ihre Sprache war jedoch nicht immer die des Volkes. - Eppler redet Klartext.

Am Rande sei bemerkt, dass Erhard Eppler in der öffentlichen Wahrnehmung lange nicht den Stellenwert hat, der diesem streitbaren Vordenker zukommt. Wenn man von Erich Fromm in einer Reihe mit den bedeutendsten humanistischen Denkern genannt wird, und das in relativ jungen Jahren, dann ist das mehr als eine Auszeichnung.[1]

Wachstum und Wohlstand

Wer das Buch heute zur Hand nimmt, wird recht bald ungläubig nach dem Impressum suchen, um das Erscheinungsjahr zu überprüfen. Und um hinterher die Frage zu stellen: was hat sich eigentlich geändert in diesen vierzig Jahren? Versuchen wir eine Antwort zu finden.

Eppler beginnt mit einigen prognostischen Überlegungen, die an die Studien von Meadows und Mesarovic/Pestel anknüpfen (Berichte an den Club of Rome 1972 und 1974). Sie sollen hier nicht im Einzelnen analysiert werden; vieles, insbesondere demographische Entwicklungen, haben sich bestätigt, anderes, wie etwa die Reichweite der Rohstoffe, musste revidiert werden. Was uns interessiert, sind Epplers Projektionen dieser Szenarien auf die verschiedenen Bereiche und Problemfelder der Gesellschaft, insbesondere seine Sicht auf die Politik, die sich schwer damit tut, den neuen Herausforderungen zu begegnen.

Von den Wachstumsgläubigen wird gern eingewendet, dass sich alle apokalyptischen Prophezeiungen dieser Zeit nicht bewahrheitet hätten. – Es ist richtig, dass weder der Umfang der Rohstoffvorkommen noch die technischen Entwicklungsmöglichkeiten vor vierzig Jahren richtig eingeschätzt werden konnten, somit ein zeitlicher Rahmen der Prognosen schwer abzustecken war. Falsch waren sie dennoch nicht. Dass es gelang, die ökologischen Tragfähigkeitsgrenzen der Erde bislang relativ unbeschadet zu überschreiten, kann kein Grund zur Entwarnung sein, denn täglich werden die fatalen Entwicklungen sichtbarer. Alles in allem hat sich an der Situation, die Erhard Eppler beschreibt, seit damals wenig geändert, und wenn, dann in vielen Fällen zum Negativen:

»Aber auch die Ferienreise nach Bangkok oder Nairobi wird die Ausnahme bleiben: Solcher Massentourismus scheitert am Ener­giemangel und an den Energiekosten, und wäre dem nicht so, wer wollte - gegen den Widerstand der Anwohner - einige Dutzend neuer Flugplätze dafür schaffen? Und selbst wenn es schließlich gelänge, unsere Republik in Flugplätze, Parkplätze, Müllplätze und allenfalls Golfplätze einzuteilen, so würden die Meteorologen Einspruch erheben, weil schon die heute fliegen­den Düsenmaschinen die Atmosphäre auf eine für das Klima gefährliche Weise verschmutzen.« (S. 24)

Man mag dies als mangelnde Phantasie oder fehlenden Fortschrittsglauben bezeichnen; ich sehe in dieser Prognose eher die Zuversicht, dass die Menschen so vernünftig sein werden, Umwelt und Ressourcen nicht weiter zu plündern, nur um ihrer Reiselust zu frönen. Mit diesem Optimismus lag Erhard Eppler allerdings gehörig daneben.

Die Krise der Politik

Dabei hätte er es ahnen müssen, denn die Ursachen werden von ihm selbst ja ausführlich beschrieben:

»Entwicklungsplaner unterstellen gern, dass das Vernünftige, ist es erst erkannt, auch getan werde. Dem ist natürlich nicht so. Regierungen verwenden immer den größeren Teil ihrer Energie darauf, sich an der Macht zu halten. ( S. 16)

Von seinen Weggefährten im politischen Lager hört man oft, Erhard Eppler sei mit den meisten seiner Ideen zu früh gewesen, weil die Zeit noch nicht reif dafür war. Ich sehe das nicht so. Ein Vordenker muss früh dran sein; wäre er seiner Zeit nicht voraus, wäre er kein Vordenker. Das Problem liegt in der Art, wie die Zeitgenossen mit diesen neuen Ideen umgehen. Meist ist es nämlich deren ignorante Arroganz, die das Schicksal der Vordenker, als Rufer in der Wüste zu enden, besiegelt. Der „Realpolitiker“ verweist gern auf seine Verantwortung für das Hier und Jetzt und auf sein scharfes Gespür für das Machbare. So ähnlich wie der Gastwirt, der „gutbürgerliche Küche“ anbietet; er mag sein Handwerk verstehen, doch ihm fehlen die Phantasie und jedweder Mut, nach Neuem, Interessantem, nach Alternativen zu suchen. Das was er tut, ist alternativlos.

Erhard Epplers Ideen scheiterten am gegenwartsfixierten Denken der Politiker, stellvertretend durch seinen Parteigenossen und damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt, der ihn als „unser Ajatollah aus Stuttgart“ verspottete. Für ihn waren Visionen ein Grund, um zum Arzt zu gehen. Dabei stand Eppler ja mit beiden Beinen im politischen Leben und konnte sehr wohl einordnen, was real ist und wo die Grenzen der Vision liegen.

»Natürlich ist dies auch eine Frage nach der Regierbarkeit von Staaten unseres Typs. Aber solange wir ein angemesseneres Sy­stem nicht anbieten können, steht der Politiker immer vor fol­genden Fragen:

- Gibt es eine Möglichkeit, das mittel- und langfristig Nötige dem Bürger so nahezubringen, dass es auch das kurzfristig Verständliche und Akzeptable werden kann?

- Mit wie vielen längerfristigen Aufgaben darf man den Bürger konfrontieren, ohne dass er kopfscheu sein Heil in der Reak­tion sucht?

- Wie viel an Risiko für die kurzfristige politische Legitimation muss der Politiker auf sich nehmen, wenn er seiner längerfristi­gen Verantwortung einigermaßen gerecht werden soll? « (S.74)

Das alles gipfelt in der Kernfrage:

»Wollen wir eine Politik, die vorhandenes Bewusstsein spiegelt, oder wollen wir durch politisches Handeln Bewusstseinsveränderungen vorantreiben?« (S. 76)

Heute blickt Eppler mit der gleichen Skepsis auf das politische Lager und – mit resignativer Bewunderung – auf Angela Merkel, die er als komplette Antipode zu seinem eigenen Politiker-Ethos sieht: »Ich war sechs Jahre lang für Entwicklungspolitik zuständig. Und bin vor 39 Jahren zurückgetreten. Und mich plagt dieses Thema bis heute. Angela Merkel war Umweltministerin. Von dem Tag an, an dem sie dies nicht mehr war, hat sie das Thema nicht mehr gekümmert. Als Umweltministerin hat sie sich an einer Ökosteuer versucht. Als Rot-Grün die Ökosteuer einführte und sie Oppositionsführerin war, hat sie die als K.-o.-Steuer verspottet. Es ging ihr nur um Karriere, nicht um den Inhalt. Das ist bis heute so geblieben.«[ii]

Und bis heute steht für Erhard Eppler die Forderung nach einem Politiker, »der uns zu sagen versucht, wie, ginge es nach ihm, unsere Gesellschaft in zwanzig oder dreißig Jahren aussehen sollte«.[iii]

»Progressiv werden Menschen immer nur sein, wenn sie sich zutrauen, mit der Zukunft fertig zu werden, etwas aus ihr zu machen. Nostalgisch oder gar reaktionär werden sie reagieren, wenn sie das Gefühl haben, niemand wisse mehr, wie die Zu­kunft zu meistern sei.« (S. 32)

Hieraus entwickelt sich ein neuer Fragestrang. Will die Politik überhaupt den progressiven Menschen? Oder will sie bewusst die Zukunft im Dunklen lassen, um ständig Raum für Angstszenarien zu haben, durch die der Status quo als etwas Erhaltenswertes erscheint. Letztendlich also die Frage nach der Standortbestimmung der Politik selbst: ist sie progressiv oder konservativ. Ein besonderes Verdienst Erhard Epplers ist hierbei die Herausarbeitung des Unterschiedes zwischen Wert- und Strukturkonservatismus.

»Die eine zielt auf Strukturen: Zu bewahren sei unter allen Umständen und ohne Abstriche das ökonomische System mit seinen Machtstrukturen, zu erhalten seien die Einkommenshierarchien, auch wo sie auf skurrile Weise verzerrt sind, die Eigentumsordnung, auch wo sie dem Gemein­wohl im Wege steht, zu bewahren seien Normen des Strafrechts, auch wo sie ihren Zweck verfehlen, Formen des Welthandels, auch wo sie das nackte Leben ganzer Völker gefährden, nationale Ansprüche, auch wo die Geschichte längst darüber hinwegge­gangen ist, institutionelle Autorität, auch wo sie sich längst selbst verschlissen hat. Hier geht es offenkundig um die Konservierung von Machtpo­sitionen, von Privilegien, von Herrschaft.« (S. 34)

Dem gegenüber steht – und dies ist ein klarerer Unterschied als der zwischen konservativ und progressiv – ein Wertkonservatismus,

»dem es weniger um Strukturen als um Werte geht, der beharrt auf dem unaufhebbaren Wert des einzel­nen Menschen, was immer er leiste, der Freiheit versteht als Chance und Aufruf zu solidarischer Verantwortung, der nach Gerechtigkeit sucht, wohl wissend, dass sie nie zu erreichen ist, der Frieden riskiert, auch wo er Opfer kostet. […] Vor allem aber geht es ihm heute um die Bewahrung unserer natürlichen Lebensgrundlagen.« (S. 35)

Den Strukturkonservatismus sieht Eppler als das eigentliche Problem der damaligen Zeit. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Lebensstandard oder Lebensqualität

Verglichen mit anderen Werken zur Wachstumskritik, die in dieser Zeit entstanden und sich lediglich der Vertiefung der Meadows-Szenarien widmeten, gehen Epplers Betrachtungen deutlich weiter. Ihm kommt es darauf an zu zeigen, dass ein Weiter so nicht nur nicht möglich, sondern auch nicht wünschenswert ist. Er bringt - als erster im deutschsprachigen Raum - den Begriff der Lebensqualität in die Debatte, in Abgrenzung zu dem ausschließlich als Wohlstandsindikator dienenden Begriff des Lebensstandards, dessen Steigerung immer an Wachstum gebunden ist. Lebensqualität steht für Eppler als die bestimmende Zielgröße, an der sich die Wirtschaft und insbesondere das Wirtschaftswachstum zu orientieren haben. Das erfordert eine Umkehr der bisherigen (und überwiegend noch heutigen) Denkweise:

»Abge­sehen davon, dass wir Wachstum im bisher üblichen Umfang ohnehin nicht mehr haben dürften, ist die wirkliche Frage, ob wirWachstum anstreben wollen, um nachher überrascht festzustel­len, was dies – positiv wie negativ – für unsere Lebensqualität austrägt, oder ob wir Lebensqualität wollen und von daher entscheiden, welche Art von Wachstum – oder Nichtwachstum – wir dazu brauchen.« (S. 56)

Damit ist er seiner Zeit weit voraus. (In der Ära Brandt spielt diese Diskussion noch eine gewisse Rolle, mit Helmut Schmidt wird sie beendet.) Eppler ging es insbesondere darum zu zeigen, dass Wachstum nicht nur deshalb an seine Grenzen gerät, weil Natur und Ressourcen überlastet werden, sondern weil der Wohlstand auch immer stärkere Belastungen für die Menschen selbst mit sich bringt.

»Die Zigarette des einen ist doch der Kopfschmerz des anderen, das Auto des einen die Atemnot des anderen, der Motormäher des einen die Nervensäge des anderen. Schon weil dem so ist, können Lebens­standard und Lebensqualität nicht parallel laufen. Und sie tun dies umso weniger, je höher der Konsum ist.« (S.49)

Inwieweit aber muss und darf aus diesen Gründen in die persönlichen Freiheitsrechte eingegriffen werden? Als liberalem Denker war ihm natürlich klar, dass die Einflussnahme des Staates hinter der Selbstbestimmung des Bürgers zurückstehen muss. Entlässt das aber den Staat aus seiner ethischen Verantwortung?

»Keine Regierung und kein Gesetz kann dem einzel­nen verbieten, seine Gesundheit zu ruinieren. Aber der Staat muss all denen optimale Angebote machen, die dies nicht im Sinn haben. Kurz: Politisches Handeln zielt auf die Qualität der Lebensbe­dingungen, nicht auf die Qualität des einzelnen Lebens. Es vernebelt die wirklichen Fragestellungen, wenn der Eindruck erweckt wird, hier sollten den Menschen ihre Lebenschancen verabreicht, zugeteilt werden. Es geht darum, dass sie mit ihrer Freiheit etwas anfangen können, dass die formale Freiheit der Entscheidung zu einer realen Freiheit der Wahl zwischen ver­schiedenen Möglichkeiten humaner Verwirklichung wird.« (S.53)

Bis heute sind wir nicht so weit, dass Wachstumsdenken der Vergangenheit angehört, und dass es dazu kommt, ist vorerst nicht absehbar. Dagegen stehen zu mächtige Interessen und ein nationalstaatlicher Filz, der unentwirrbar scheint. »Wachstum als Ziel führt zum Primat der Ökonomie über eine Politik, deren Pflicht es ist, die wirtschaftlich Mächtigen bei Laune zu halten. Das ist heute noch schwieriger als vor dreißig, vierzig Jahren, weil die Finanzmärkte und die Ratingagenturen die Richtlinien der Politik bestimmen.«[iv]

»Wer Wachstum zum Ziel macht, muss auf die Märkte setzen. Wer klären will, was wachsen oder schrumpfen soll, muss Politik wagen. Wir brauchen einen öffentlichen Diskurs über Felder des Wachstums und der Schrumpfung[v]

Freiheit, Gleichheit, Solidarität

Für Erhard Eppler setzen alle politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen, die den neuen Herausforderungen begegnen wollen, eine vorherige Einigung auf Grundwerte voraus. Ihm genügt es nicht, ein wohlfeiles Bekenntnis zu Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität auszusprechen. Vielmehr muss sich die politische Position des Einzelnen in der Interpretation dieser Begriffe ausdrücken, in der Wichtung der Grundwerte und in ihrem Verhältnis zueinander. Dies betrifft vor allem den Umgang mit einander oft gegenläufigen Freiheits- und Gleichheitsbestrebungen.

»Ob man Freiheit und Gerechtigkeit als Gegensätze sieht, von denen eines nur auf Kosten des anderen zu haben sei, oder als Zielset­zungen, die einander stützen, macht heute den Unterschied zwi­schen rechts und links aus.« S.57

Diese – fast am Rande getroffene – These ist ein bemerkenswerter Beitrag zur uralten Begriffsdiskussion über Rechts und Links. Hier ist nicht der Platz dafür, aber es lohnt sich, den Gedanken weiter zu verfolgen.

Wirkliche Freiheit ist für Erhard Eppler die Wahlmöglichkeit zwischen Alternativen. Doch diese „Freiheit zu“ ist gebunden an „Freiheit von“, und hierin liegt Epplers tiefes Gerechtigkeitsverständnis begründet.

»Wenn ein Junge Hilfsarbeiter werden muss, weil die Eltern den Lohn des Fünfzehnjährigen nicht entbehren können, so hilft ihm die verbürgte Freiheit der Berufswahl wenig. Manches Kind, das in einer entlegenen Gegend aufwächst, kann faktisch eben nicht zwischen verschiedenen Bildungsangeboten wählen. […] Freiheit von Hunger, von Angst um die nackte Existenz, von Furcht vor Alter oder Arbeitslosigkeit, Freiheit von Bevormun­dung sind simple Voraussetzungen für jede Selbstverwirklichung in Freiheit und durch Freiheit. Freiheit von etwas ist das notwendige Vorspiel zur Freiheit zu etwas.« (S.58)

Etwas unwillig greift er in die Gleichheitsdebatte ein, weil die immer auf ideologischem Feld ausgetragen wird. Seit der Aufklärung sehen sich die Verfechter größerer Gleichheit mit demagogischen Argumenten konfrontiert.

»Der Wille zur absoluten Gleichheit ist eine ideologische Vogel­scheuche, die immer wieder einmal zur Warnung aufgestellt wird, wenn es um die Privilegien weniger geht. Absolute Gleich­heit gäbe es - glücklicherweise - auch dann nicht, wenn wir sie wollten. Aber es gibt die gleichwertige Chance humaner Ver­wirklichung.« (S.59)

Die Gerechtigkeit, die aus der Klammer Freiheit & Gleichheit erwachsen sollte, charakterisiert er mit Worten, die heute unverändert Gültigkeit haben.

»Wenn schon das Wachstum nicht mehr dafür sorgen kann, dass jeder einmal drankommt, muss erst einmal der Nachholbedarf da gedeckt werden, wo er - aus welchen Gründen auch immer - entstanden ist. Abgesehen davon, dass dies ökonomisch vernünf­tig ist, ist es politisch notwendig.« (S. 80)

Was jüngere Forschungen, u.a. von Wilkinson u. Pickett oder Piketty, auch empirisch belegen, erkannte Erhard Eppler schon zu einer Zeit, als die Dimension heutiger Einkommensunterschiede noch gar nicht vorstellbar war:

»Wenn in dem rauheren Klima der kommenden Jahre etwas die Marktwirtschaft diskreditieren kann, dann ihre Unfähigkeit, of­fenkundig unsinnige Einkommensdifferenzen zu beseitigen.« (S.81)

Es gibt wohl kein Feld, auf dem sich die von Eppler skizzierten Missverhältnisse in den darauffolgenden Jahren so sehr verschärft haben.

Auch dem dritten Element des Dreigestirns „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ widmet sich der Autor, wobei für ihn Solidarität die zeitgemäßere begriffliche Entsprechung ist. Vor allem wehrt er sich gegen das mildtätige Element im Solidaritätsbegriff. Für ihn bedeutet Solidarität, soziale Disbalancen nicht zu mildern, sondern gegen ihr Entstehen anzukämpfen.

»Meint Solidarität den Unfallwagen, der rasch und hygienisch einwandfrei jeden abschleppt, der unter die Räder unserer Konkurrenzgesellschaft gekommen ist? Oder verlangt Solidarität den Versuch, die Strukturen unserer Gesell­schaft so zu verändern, dass weniger Menschen unter diese Räder kommen?« (S.65)

»Hier entscheidet sich auch, ob wir eine Gesellschaft werden, in der eine schrumpfende Mehrheit von Gehetzten damit beschäf­tigt ist, die wachsende Minderheit derer durchzubringen, die nicht mehr mithalten können, oder ob wir jedem die Chance geben wollen, seinen Beitrag zu leisten, etwas Nützliches für die Gesellschaft zu tun.« (S.66)

Nichts passiert: Bildung

Eng verbunden mit dieser Problematik ist die Bildung, denn sie könnte das zentrale Instrument zur Herstellung von Chancengleichheit sein. Die Probleme konnten in diesem Buch nur gestreift werden; Zeitgenossen, wie Ivan Illich, haben sich eingehender mit dem Thema befasst. Deshalb an dieser Stelle nur eine Folge von Zitaten, die Epplers Position zeigen und die belegen, dass sich seither nichts, aber rein gar nichts zum Besseren gewendet hat.

»Um ein beliebtes Missverständnis gleich auszuscheiden: Hier wird nicht gegen Leistung argumentiert. Ein gesundes Kind will etwas leisten, es will an seiner Leistung wachsen. Nur: Wir verwechseln Leistung mit Erfolg, und Erfolg wird in unserer Gesellschaft meist in Mark und Pfennig gemessen, oder doch in der Anwartschaft darauf.« (S. 128)

»Aus solchen Einsichten ergeben sich als Zielvorstellungen:

- Die Schule muss vom Druck eines perfektionierten Berech­tigungswesens entlastet werden. Den Entscheidungen der Schule muss der Charakter des Endgültigen, Unwiderruflichen genommen werden.

- Wenn weder die Schule noch die Hochschule den jungen Men­schen mit dem Wissen ausstatten können, das er in seinem Arbeitsleben braucht, ist es unsinnig, ihn mit Stofffülle zu über­fordern.

- Die Chance zur periodischen Weiterbildung im Laufe eines Arbeitslebens ist für den einzelnen und die Gesellschaft wichti­ger als eine ununterbrochene Ausbildung von fünfzehn oder zwanzig Jahren, die ohnehin nur wenigen zugute kommen kann.

- Erziehung zu solidarischem Handeln und demokratischer Mit­verantwortung muss denselben Rang haben wie die Vermitt­lung von Wissen.

- Die Schule muss sich zur Familie hin, die Familie zur Schule hin öffnen.« (S. 129)

»Wir tun gut daran, von Bildungsreformen keine Wunder zu erwarten, zumal Bildungssysteme den Erfordernissen der Zeit immer hinterherhinken. Aber wir brauchen eine Perspektive, um die Resignation zu überwinden, die sich wie Mehltau über die Bildungspolitik gelegt hat. Wir brauchen eine Perspektive, die vielen vernünftigen Einzelmaßnahmen ein Ziel setzt: ein flexibles Bildungssystem, das, fehlerhaft wie alle Bildungssysteme, den Erfordernissen der Zukunft besser entspricht als das beste­hende.« (S.133)

Zu stark oder zu schwach? - der Staat

Was sich wie ein roter Faden durch alle Schriften Erhard Epplers zieht, ist die paradoxe Erscheinung, dass der Staat dort zu schwach ist, wo er stark sein sollte, und dass er andererseits Kraft und Fülle zeigt, wo die Menschen sich durchaus selbst zu helfen wüssten. Während er sich in „Ende oder Wende“ mehr dem zu starken Staat widmet, wechselt seine Sichtweise später, als er die aus der Globalisierung erwachsende Gefahr der Schwächung des Staates erkennt. »Ich bin seit etwa zehn Jahren zu der Überzeugung gekommen, dass die große Gefahr des 20. Jahrhunderts die überbordende Macht des Staates war; und dass die große Gefahr des 21. Jahrhunderts der handlungsunfähige, hilflose, erpressbare Staat ist.«[vi] Der Staat müsse mehr sein, als »die Bratpfanne, in der Ökonomen ihre Schnitzel braten und gleichzeitig darüber reflektieren können, wie und wo sie zu einer billigeren Pfanne kommen.«[vii]

Die später in „Auslaufmodell Staat“ ausführlich dargestellten Gefahren, die aus einem schwachen Staat erwachsen, klingen hier schon an:

»Je schwächer nationale Regierungen nach innen werden, desto starrer werden sie nach außen. Die Schwäche des Nationalstaats führt nicht zum Aufbau internationaler Entscheidungsstrukturen, sondern zum rück­sichtslosen Gegeneinander nationaler Interessen und damit mög­licherweise auch zur Krise internationaler Institutionen.« (S.21)

Das kommt uns doch sehr vertraut vor! Ebenso seine Warnung vor zunehmendem Terror, dessen Ursachen er schon damals klar sieht:

»Wenn die Zahl der jugendlichen Arbeitslosen in der Dritten Welt in demselben Tempo weiter ansteigt wie in den letzten Jahren, dürften wir einen Terrorismus erleben, der die Liberalität unse­res demokratischen Rechtsstaates rasch unterspült. Es ist durch­aus möglich, dass wir die Realität von Weltinnenpolitik in der Form eines Weltbürgerkrieges erfahren. (S. 134)

Es ist diese dialektische Denkart, die im öffentlichen Diskurs heutiger Tage fehlt, ebenso wie die Bereitschaft, nach den einfachen Ursachen zu suchen, einfache und klare Zusammenhänge herzustellen, ohne sie zu simplifizieren. Man tut sich eben leichter mit Populismus. Assoziationen zu den Politikern unserer Tage drängen sich auf, wenn der Autor feststellt:

»Solange der Appell an nationalen Egoismus und provinzielle Beschränktheit Mehrheiten verheißt - und dies ist normalerweise der Fall -, wird es in der Regel auch Politiker geben, die diesen bequemen Weg zur Macht zu gehen versuchen. Und wenn auch nur die Gefahr besteht, dass einer dies tut, ist für die anderen die Versuchung groß, ihm zuvorzukommen.« (S.72)

Was daraus erwächst, sehen wir heute in der Zunahme völkischer Bewegungen mit demagogisch auftretenden Führern.

Um der Schwächung des Staates in seinem Verhältnis zur Wirtschaft sowie einer sich verselbständigenden Bürokratie ein wirksames Korrektiv entgegensetzen zu können, baut Erhard Eppler auf eine starke Zivilgesellschaft, auf die Menschen, in deren Köpfen sich die Einsicht in das Notwendige festigen würde.

»Man wende nicht ein, hier sei ein allzu optimistisches Menschenbild im Spiel. Hier geht es nur um die Einsicht, dass auch und gerade autoritäre Herrschaftseliten sich mehr auf die Zukunft ihrer Herrschaft als auf die Zukunft der Menschheit zu konzentrieren pflegen. Wie immer man die Chan­cen humanen Überlebens einschätzen mag: Wo Demokratie de­montiert wird, werden sie geringer, wo Demokratie lebendiger, dichter, spannender wird, werden sie größer.« (S. 153)

Die Literatur von damals zeigt, dass die Zeiträume, in denen Bewusstseinswandel stattfindet, früher viel optimistischer beurteilt wurden.

»Es gibt un­zählige Menschen, die das Gefühl haben, ihr Lebensstil entspre­che nicht mehr den Notwendigkeiten unserer Zeit. Jetzt begin­nen sie sich zu sammeln und zu Wort zu melden.« (S. 154)

Dieses Sammeln mag in Teilbereichen stattgefunden haben, aber bis heute nicht in dem Maße, dass man es als Ausdruck eines breiten Umdenkens werten könnte.

Im Vorwort schreibt Erhard Eppler:

»Wer dieses Buch - genau wie der Autor - in vieler Hinsicht unvollkommen findet, ist aufgefordert, mehr und Besseres zur Schließung der Lücken zu tun, aus denen uns und unseren Kin­dern Gefahr droht.«

Uns bleibt festzustellen: die Lücken sind nicht geschlossen, den Kindern drohte Gefahr, doch sie wurden darunter erwachsen, haben selbst Kinder und sehen nun diese von Gefahr umgeben. So könnte sich die Frage stellen, ob es nicht ein ewiger Kreislauf ist, der immer neue Gefahren vor der Menschheit auftürmt und sie mit deren Beseitigung beschäftigt hält. Ob es vielleicht in der Natur des Menschen liegt, überall Gefahren zu sehen, statt sich mutig auf neue Herausforderungen einzulassen?

Altbundespräsident Gustav Heinemann schrieb als Kommentar zu diesem Buch:

»Ist das Notwendige machbar? Der Widerstand derer, die Machtpositionen und Privilegien bedroht sehen, wird erbittert sein.«[viii]

*** Dies ist eine Kurzfassung des Aufsatzes „Ende oder Wende. Erhard Eppler über die Machbarkeit des Notwendigen“. Den vollständigen Text finden Sie hier.

Anmerkung

[1] Zitat Erich Fromm: »Esist zwar unmöglich, hier alle radikalen Humanisten seit Marx anzuführen, einige Beispiele ihres Denkens seien jedoch im folgenden angeführt: Thoreau, Emerson, Albert Schweitzer, Ernst Bloch, Ivan Illich; die jugoslawischen Philosophen des »Praxis«-Kreises, darunter M. Marcovic, G. Petrovic, S. Stojanovic, R. Supek, P. Vranicki; der Nationalökonom E. F. Schumacher; der Politiker Erhard Eppler... «

(„Haben oder Sein“ 1976)

Quellen

[i] Seitenzahlen der Zitate beziehen sich auf die Taschenbuchausgabe dtv München

[ii] Erhard Eppler „Ich habe nie viel von Moral geredet“ www.taz.de 23.05.2013

[iii] Erhard Eppler „Privatisierung der politischen Moral?“ Frankfurt: Suhrkamp 2000

[iv] Erhard Eppler „Ein Vierteljahrhundert wurde verschlafen“ www.stuttgarter-zeitung.de 25.11.2011

[v] Erhard Eppler „Politik muss umsteuern“ www.denkwerkzukunft.de 11.08.2010

[vi] Erhard Eppler „Ich kann kein Brot wegwerfen“ Süddeutsche.de 17.05.2010

[vii] Erhard Eppler „Auslaufmodell Staat?“ Frankfurt: Suhrkamp 2005

[viii] Gustav Heinemann „Strategie des Überlebens“ DER SPIEGEL 21/1975

15:41 25.02.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Klaus Fürst

Es ist die unüberwindliche Irrationalität, die dem Menschen den Ausgang aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit versperrt.
Klaus Fürst

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