Life is an attitude

Obrigkeitsdenken Wehklagen über staatliche Fürsorge wie ALG II verwechselt Almosen mit historischen Errungenschaften - einzufordernde bürgerliche Rechte und Pflichten auf Augenhöhe.
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Lieber Sympathisant der Entrechteten, vielleicht auch Hartz 4 Empfänger!

Ja, Dich meine ich, Dich der zetert, wie ungerecht die Welt sei und wie mitleidslos. Und Dich, der ohne den Blick zu heben wehklagt, wie schikaniert und entwürdigt sein Leben sei. Und Dich, der in einem Rund-um-schlag, mich mit seinem ‚Wir‘ ungefragt vereinnahmt. Empört bist Du über das Elend mitten in unseren bundesrepublikanischen Städten und Dörfer.

Du erzählst mir von dem/den armen Hartz 4ern und dem/den gnadenlosen Sachbearbeitern im Amt. Ich erkenne bei genauer Betrachtung nur eine Vielzahl unterschiedlicher Bürger und Persönlichkeiten auf beiden Seiten des Schreibtisches. Den bemühten, überforderten, idiotischen Sachbearbeiter/Politiker ebenso, wie die ängstlichen, sich wegduckenden oder sich gelassen gebenden Hartz Vierer, ausgebildet oder ungelernt.

Du verweisst auf 'das gnadenlose System', dem Du Dich unterwerfen sollst. Wie reagierst Du denn, wenn Deine Regeln nicht eingehalten werden? Verabredungen mit fadenscheinigen Gründen oder kommentarlos ignoriert werden? AchtestDu in Deinem Leben nicht auch auf die Balance zwischen Geben und Nehmen? Ach so, sorry, ich vergaß, wir reden über die Gesellschaft des Elends und der Ausbeutung. Die da oben, Du da unten, oder so.

Nehmen wir mal, an Du beziehst Arbeitslosengeld II. Ich gebe Dir recht, mehr als ein Obolus ist es nicht. Eine kleine Münze, die denen von Rechtswegen zusteht, die aus welchen Gründen auch immer die existenziellen Lebenshaltungskosten nicht durch Lohnarbeit ausgleichen.

Geld ist eine Verrechnungseinheit. Dennoch, in der Tat, die Aufschlüsselung dieses behördlich zugeteilten Budgets in einzelne Lebenshaltungsbeträge ist so dämlich, dass sie einer ernsthaften Replik nicht wert ist ist. Na gut, wir leben in einer Gemeinschaft, in der schon die Vorfahren Völkermord akribisch aufschlüsselten. Oder ist das Auseinanderdividieren nur Ausdruck der modernen Zahlengläubigkeit, die denkt, 'Gerechtigkeit' oder 'Erfolg' lasse sich über die Erfassung von statistischen Daten erzielen, statt durch den Blick auf das eigene Vermögen oder eine Grundidee?

Budgets, wie alle Ressourcen sind limitiert. Der Umgang mit ihnen so kreativ oder beschränkt wie die Phantasie des Einzelnen. Die eine kauft sich Stiefel von Boss, was sie den Harz 4 Satz kostet und so lebt sie einen Monat von Reis. Eine andere stellt fest, dass sie mit diesem Budget zufriedenstellend oder mehr schlecht als recht haushalten kann. Der Dritte entwickelt ein Hartz 4 Koch- oder Haushaltsbuch.

Wieder ein anderer kommt gar nicht auf die Idee, dass schlecht bezahlte Arbeit besser sei als keine Arbeit. Und interessanterweise gibt es für ihn kein Jobangebot. Die andere ist eine sogenannte Aufstockerin und fühlt sich persönlich aufgewertet. Sie gehöre ja nicht zu jenen, die sich zu schade seien. Für die fragwürdige Entlohnung ihrer Arbeit fühlt sie sich nicht zuständig. Wer oder was ist sie jetzt? Täter oder Opfer der sozialen Umstände?

Welche Kategorien gelten für die Verwalter des Rechts, die, „ohne Gewissen, da in den Jobcentern“? 95,3 % der Hartz 4 Empfänger in Berlin verhalten sich, laut Bild(!) regelkonform. Für welches Gehalt würdest Du die Seiten wechseln? Sagst Du 'Nein' zu einem relativ sicherer Job, der dich zwänge über 'fragwürdige' Maßnahmen und Forderungen hinwegzusehen, die durchzusetzen ein Sachbearbeiter von Amtswegen verpflichtet ist? Was verlangst Du von einem Familienoberhaupt, dem Mann oder der Frau, mit oder ohne Kind, die, und da hast Du widerum recht, mit einer Schablone für alle Eventualitäten hantieren?

Ja, ich stimme Dir zu, der einzelne Sachbearbeiter nutzt seinen Ermessungsspielraum, der nun mal in jedem Gesetz, jeder Weisung, jedem Vermerk gegeben ist eher selten. Schlimmer noch, ich behaupte, er sieht ihn meist nicht einmal. Täter oder Opfer? Ab wann wird eine Handlung politisch und eine Haltung prinzipiell?

Du nutzt Deinen Möglichkeitsspielraum und behauptest, lamentierst und klagst an. Im Brustton der Überzeugung hältst Du mir entgegen, dass Du mit dem Finger auf fiese Tatsachen zeigst, die zu Recht an den Pranger gehörten. Penibel zählst Du irgendwelche Einzelfälle auf, die irgendwo stattfinden. Genaugenommen verfügen sie über dieselbe Aussagekraft, wie ein noch so verheerender Flugzeugabsturz oder zwei, oder mehr über die Sicherheit des Flugverkehrs. Gegen Deine Statistiken setze ich die meinen.

Was kostet es Dich anzuerkennen, dass Du - immerhin - in einem Staat lebst, indem es - ausbaufähige - politische und staatliche Strukturen gibt, die es dem Einzelnen ermöglichen, dass er Arbeitslosigkeit oder -unfähigkeit oder -unlust nicht in alleiniger finanzieller Verantwortung zu tragen hat?

Vergangenheit der allgegenwärtige Hunger, der Zukunftsgedanken nicht zulässt. Jäger und Sammler, die (ganz)täglich nahrungssuchend/jagend durch die Landschaft streifen, sind wir schon lange nicht mehr.

Auch von den Lebensverhältnissen der (Ur)großeltern hast Du Dich um einiges entfernt. Damals genügte der Mythos von gerechtem Lohn für harte Arbeit um dem Einzelnen die Verantwortung für das eigene Wohlergehen oder Scheitern aufzubürden. Zu Recht profitierst Du von sozialen und kulturellen Errungenschaften, die die Generationen vor uns mühsam erkämpften.

Bestimmt kennst Du, die von sozialdemokratischem Gedankengut getragene, 1905 publizierte 'Lebensgeschichte eines modernen Fabrikarbeiters' von Moritz Th. W. Bromme. Er starb mit 33 Jahren an einem Lungenleiden. Eine von zwei Biographien, die von einem Leben erzählen, als ausschließlich die eigene Arbeit existenzsichernd war . Ja! Ja! Ja, zur Idee des Sozialstaats und der Staatlichen Wohlfahrt!

Du willst etwas ändern? Super, wann fangen wir an? Du klagst und ärgerst dich darüber, wie lange es dauert bis Du einen Bescheid vom Amt erhältst? Willkommen in der Realität. Jetzt hast Du eine Ahnung vom ‚langen Marsch durch die Institutionen‘ oder der Dauer von politischen Änderungen. Du kämpfst um Pfennigbeträge wegen deiner Heizkostenabrechnung oder um die Übernahme irgendwelcher Kosten? Tritt ein in die Welt der politischen Arbeit, in der Abstimmungsprozesse zwischen den unterschiedlichsten Interessengruppen den größten Arbeitsaufwand einnehmen.

Übrigens, der Kampf um gerechtere Bezahlung beginnt beim Verzicht auf das eigene, eine oder andere, ‚Schnäppchen‘.

1st published meta-ebene.de

14:14 22.11.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

kmv

kmvotteler, Berlin
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kmv

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