Verpasste Gelegenheiten

Bücherkalender Verdrießlich findet Kristina M Votteler allzu einfühlsame Tonlagen und rührselige Mutter-Sohn-Konstrukte
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Verpasste Gelegenheiten
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von kmv

Flucht, 1945, Familienroman. Julia Franck, Die Mittagsfrau. Ich mag es, in das Leben fremder Menschen einzutauchen - so von der Couch aus. Beim Lesen oder Zusehen bin ich zu allem bereit, was mein Gefühlsspektrum mir so zu bieten hat. Von Lachen bis Weinen - ich stehe parat, mich fesseln, amüsieren, ärgern, belehren, abstoßen, ja mich höchstgradig irritieren zu lassen. All dies gehört für mich zu Unterhaltung.

Eines allerdings darf nicht passieren: dass ich aus der Geschichte herauskatapultiert werde. Vielleicht bin ich auch gar nicht richtig angekommen, in dieses, als Roman deklariertem, Konstrukt um einen ausgesetzten Jungen. Jedenfalls nicht bis das Lesezeichen auf Seite 78 stecken bleibt. An meinem guten Willen allein kann es nicht liegen. Voller Vorfreude fischte ich das Buch aus dem Regal, vier Stunden Zugfahrt lagen vor mir.

Peter ist der Protagonist des Prologs, der ersten 28 Seiten. Die Welt sehen wir durch ihn, den wohl Siebenjährigen. Der Krieg ist an und für sich schon zu Ende. Mit seiner Mutter lebt der Junge allein irgendwo in Ostpommern. Der Vater ist/war Soldat. Peter liest heimlich einen Brief von ihm, in dem dieser mitteilt, sich familiär anderweitig orientiert zu haben. Schule ist nicht mehr oder nur provisorisch und nein, der Lehrer ist kein verkappter Nazi.

Mit der Figur des Kindes werde ich nicht warm. Sie erschließt sich mir nicht, ist blass - und langweilt. Unwillkürlich muss ich an Oskar Matzerath denken, den Verweigerungscharakter aus der Blechtrommel. Auch durch dessen Augen, eine Figur frühreif und scharfsinnig, erleben wir Momente des Ausnahmezustands in Kriegszeiten. Das Grauen fühlbar.

Stattdessen lese ich in Die Mittagsfrau über Peter, im besten Paulo Coelho-Stil, während er beim Aufwachen die Nachbarin singen hört: „Diese Gefühle waren so viel größer als er, und er wollte wachsen, nichts lieber als das.“ Selbstredend istseine Mutter, „die schönste Mutter der Welt“ und, wie könnte es anders vorstellbar sein, - denn dies der Traum aller Söhne: „er wäre gern ihr Vertrauter geworden.“

Diesen einfühlsamen Tonlagen hat selbst die Trostlosigkeit meiner inneren Bilder von Krieg und Verhängnissen nichts entgegenzusetzen. Wie in der Blechtrommel gibt es auch hier drei russische Soldaten. Sie vollziehen – fast bin ich versucht zu sagen, als bindendes Schändungsszenarium - die Vergewaltigung der Mutter auf dem Küchentisch. Peter wird die Beobachtung nicht nur nicht erspart, sondern er muss sie hungrig(!) auf der Treppe sitzend ausharren, bevor er in die Wohnung zurück kann, die anders als beim ersten Mal nicht nach Zigarettenrauch riecht. In der Ecke sitzt zu guter Letzt heulend einer der Russen, nackt und nur mit Helm(!) bekleidet.

Wie menschlich und versöhnlich, meldet sich schwach mein Gerechtigkeitsgefühl und wird schonungslos niedergetrampelt durch die Grübeleien darüber, ob dessen Zusammenbruch wohl vor oder nach Stillung des Triebverlangens über kam, oder weil so gar nichts mehr ging, oder, weil er an seine Geliebte, Mutter, Frau, Schwester und deutschen Soldaten dachte, oder aus einem ganz anderem Grund?

Nach der zweiten Vergewaltigungsreihe packt die Mutter den Sohn, geht mit ihm zum Bahnhof, zwängt sich in den vollen Zug Richtung Westen um bei einem Zwischenstopp - fast schäme ich mich meiner gefühlten Erleichterung -, ohne den, auf einer Bahnhofsbank deponierten Jungen, weiter zu ziehen ...

Die Welt steht uns offen übertitelt retrospektiv die Geschichte zwischen dem ersten und dem zweiten Weltkrieg aus Sicht einer gewissen Helene, Peter's Mutter und schildert ihre Kindheit in Bautzen. Ich erfahre Einzelheiten über die Eltern, sowie die Liebe des Vaters, eines Druckereibesitzer, zu seiner exaltierten Gattin, der Mutter der Mädchen. Die Beziehungzu ihrer Schwester Martha sind besonders ausgestalteten Szenen, die in ihrer Anmutung den Fotografien David Hamiltons entnommen sein könnten oder einfach nur aus der BRAVO von Dr. Sommer stammen. Ungefähr 30 Seiten später, der Mann und Vater ist mittlerweile weg, die Druckerei nahezu pleite, ist mein Langmut erschöpft …

Durch die Lektüre des Epilogs, der an Peters 17. Geburtstags spielt, versuche ich ausreichende Neugierde und Lust zu entwickeln, die mich doch noch durch die bislang übersprungenen 330 Seiten tragen würden.

Peter ist auf dem Hof von Verwandten untergekommen. Ein hartes, karges Dasein bei lieblosen Menschen, was, um Himmels Willen hatte ich denn anderes erwartet? Jedenfalls nach all den Jahren, 10 Jahren um genau zu sein, an seinem 17. Geburtstag, erscheint die Mutter auf der Bildfläche. Sie möchte ihren Sohn zu besuchen, ist anscheinend angemeldet, denn der Onkel erwartet sie. Weder er, der Bruder des Vaters, noch seine Frau, noch Peter selbst finden Helene's Auftauchen besonders prickelnd. Peter beobachtet sie aus seinem Versteck aus der Scheune heraus, zeigt sich nicht, sondern fragt sich, ob ihr Einkaufsnetz ein Geschenk für ihn bereit hält, ob sie dieses wieder mitnehmen wird, oder ob es nicht doch nur Reiseproviant ist - bevor sie vom Onkel wieder zum Bahnhof gebracht wird.

„Vielleicht war der Rücken der Mutter etwas gekrümmt? Ganz leicht nur, so als gräme sie sich. Sie sollte sich grämen, Peter wünschte es sich. Er konnte sich nichts anderes denken, als dass sie sich grämte. Aber das sollte ihm gleichgültig sein, nur eines wollte er ganz sicher: Er wollte sie sein Leben lang nicht mehr sehen.“

Ach, Gottchen, denke ich, und lege das Buch endgültig beiseite, deprimieren kann ich mich selbst einfallsreicher.

10:49 20.12.2014
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Geschrieben von

kmv

kmvotteler, Berlin
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