Klimaschutz? Doch nicht jetzt: Fracking gilt plötzlich als Zukunfts-Technologie

Flüssiggas Europas Nachfrage nach Flüssiggas sorgt für einen unerwarteten Boom in den USA. Auch chinesische Unternehmen haben in letzter Zeit langfristige Abkommen für LNG-Lieferungen unterzeichnet
Ölförderung bei Guthrie in Oklahoma: Biden hatte die Vergabe von Lizenzen zunächst ausgesetzt, nun darf wieder gebohrt werden
Ölförderung bei Guthrie in Oklahoma: Biden hatte die Vergabe von Lizenzen zunächst ausgesetzt, nun darf wieder gebohrt werden

Foto: Nick Oxford/Reuters

Es ist noch einmal ein riesiges Unterfangen nach all den Jahren des Vertrauens auf fossile Energie. Wegen des Ukraine-Krieges sollen Exporte von Flüssiggas aus den USA die Europäische Union von Importen aus Russland befreien. Das jedenfalls sieht die von Joe Biden und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verkündete „Erklärung zur Sicherheit der europäischen Energieversorgung“ vor.

Nur fällt es schwer, Rhetorik und Wunsch mit der Realität der US-Erdgaswirtschaft unter einen Hut zu bringen. Probleme gibt es bei den Kapazitäten für Flüssiggas, das „Liquefied Natural Gas“ (LNG). Vor allem Kosten- und Finanzierungsfragen bleiben offen. Die auch in den USA umstrittene Fördermethode des „Fracking“ jedenfalls wird „rehabilitiert“. Für den größten Flüssiggasproduzenten Cheniere Energy im texanischen Houston und den Rest der Gasindustrie sind das gute Nachrichten. Die russische Invasion beflügelt die fossilen Interessen in den USA. Das Wirtschaftsmagazin Fortune zitierte eine Analystin der Beratungsfirma Rystad Energy, „die Chance für das amerikanische Flüssiggas“, das sei einer der „wenigen positiven Punkte“ dieser tragischen Situation in der Ukraine. Die USA seien bestens vorbereitet, „europäischen und anderen Nationen zu helfen, ihren Energiebedarf zu decken, verspricht ebenfalls in Fortune Mike Sommers, Präsident des Interessenverbandes American Petroleum Institute. Das käme nicht von ungefähr. Mit der Technologie des Hydraulic Fracturing (Fracking) und mit horizontalen Bohrungen hätten die USA neue Erdgasquellen erschlossen und seien weltweit zum „Energiedynamo“ geworden, erläutert Sommers. Fracking sei eine „mächtige Waffe gegen Russland“, heißt es in einem Kommentar bei bloomberg.com.

Die Industrie erhofft Begünstigungen, was besonders für den Bundesstaat Pennsylvania gilt, wo im Schiefergestein massiv gefrackt wird. Die Invasion der Ukraine habe republikanische Politiker zu Forderungen bewogen, Umweltregeln zu lockern, schreibt die regionale Zeitung Bay Journal. Industrievertreter appellieren an Biden, den Energietransfer nach Europa als „Äquivalent zur Berliner Luftbrücke oder zum Marshallplan“ nach dem Zweiten Weltkrieg zu behandeln. Für den klimapolitisch exponierten Biden ist Fracking eine komplexe Sache wegen potenzieller Schäden durch verseuchtes Grundwasser und das Freisetzen von Methangas. Im Wahlkampf 2020 hatte sich der demokratische Anwärter skeptisch geäußert zur Technologie, aber Forderungen nach einem Fracking-Verbot zurückgewiesen. Donald Trump warnte, Biden werde verbieten und Arbeitsplätze gefährden. „I love fracking“, versicherte Trump gegen Ende des Wahlkampfes in Pennsylvania. Er verlor den Staat knapp. Laut einer Umfrage im Sender CBS war Pennsylvanias Bevölkerung gespalten beim Thema Fracking. Biden hat nach seinem Amtsantritt die Vergabe neuer Lizenzen für Gas- und Ölbohrungen auf nationalstaatlichem Land vorübergehend ausgesetzt. Inzwischen werden sie wieder erteilt.

Keine Kapazität für mehr Gas

Beinahe die Hälfte der Haushalte in den USA heizt mit Gas. Verbraucher waren bereits vor dem Biden/von der Leyen-Deal besorgt über einen wachsenden Gasexport, der in den USA die Preise in die Höhe treibt. Anfang Februar hatten sich zehn demokratische Senatorinnen und Senatoren, darunter die einstige linke Präsidentenbewerberin Elizabeth Warren, an Energieministerin Jennifer Granholm gewandt. Bei zunehmenden Gasausfuhren seien steigende Heizkosten zu befürchten für amerikanische Familien. Granholm müsse erwägen, Genehmigungen für Gasexportterminals vorläufig auf Eis zu legen. Die Sache mit den Kapazitäten ist komplex. Der Fachdienst Energywire hat Anfang März einen Realitätscheck vorgelegt. Kurzfristig habe die US-Industrie keine Kapazitäten, um „viel mehr Gas nach Europa zu schicken“. Terminals in den USA „liefern so ziemlich alles, was sie haben“. Alles Weitere hänge von Europa ab. Kunden dort müssten langfristige Lieferverträge unterzeichnen, zitierte der Dienst den Direktor des Center for Liquified Natural Gas. Gebe es keine solchen Abkommen, würden in den USA keine Exportterminals gebaut. Das Unternehmen Cheniere Energy teilt auf seiner Website mit, rund 85 Prozent seiner Kapazitäten erfüllten derzeit „langfristige Take-or-Pay-Verträge“.

Das zum Transport auf unter minus 160 Grad Celsius gekühlte und verflüssigte Erdgas ist auf umfassende Infrastruktur angewiesen. Gegenwärtig sind in den USA sieben Exportterminals in Betrieb, die regulierende Behörde, die Federal Energy Regulatory Commission, hat gut ein Dutzend weitere bewilligt, aber häufig scheitern Bauprojekte an unsicherer Finanzierung. Fossile Energie galt nicht als zukunftsweisende Quelle, das soll sich nun verändert haben. Das Wirtschaftsmagazin Barron’s räumte ein, die Biden/von der Leyen-Erklärung sei nur ein Entwurf, signalisiere aber „Vertrauen auf US-Gas und könnte zusätzliche Investitionen in der Industrie inspirieren“. Zu erwarten ist ein heftiger internationaler Konkurrenzkampf. Laut Energieministerium in Washington liefern US-Firmen an vierzig Nationen. Chinesische Unternehmen hätten in letzter Zeit langfristige Abkommen für LNG-Lieferungen unterzeichnet, so der Informationsdienst oilprice.com Anfang April. Das ist schön für die realen Nachfolger des skrupellosen texanischen Öl-Clans der Ewings in der TV-Serie Dallas der 1980er Jahre und problematisch für die Kundschaft in Deutschland.

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