Sarah Barracuda im Medienteich

USA John McCain hält sich im Präsidenten-Rennen und "Gustav" hilft ihm

Barack Obama wartet erst einmal ab: Vielleicht war McCains Entscheidung für die Rechtsaußenläuferin Sarah Palin ein genialer Zug oder zumindest ein wahltaktisch kluger, trotz der "elitären" Ansicht, die Frau habe zu wenig Erfahrung fürs Weiße Haus. McCain wahlkämpft zweigleisig: Er will die skeptische rechtschristliche Basis zufrieden stellen, um gleichzeitig nach "Wandel" hungernden Wählern vorzuführen, dass der alte Mann etwas Neues auftischen kann, und Obama, dem unbekannten Wesen, nicht zu trauen sei. Bisher kann McCain zufrieden sein: Er ist noch im Rennen in einem Wahljahr, in dem die Demokraten angesichts der weit verbreiteten Unzufriedenheit mit Bush Kleinholz machen müssten aus den Republikanern.

Palin, frühere Dorfbürgermeisterin und gegenwärtige Gouverneurin von Alaska, passt zu McCains Strategie. Im Wahlkampf, wie er von den Republikanern geführt wird, geht es mehr um Image als um Fakten. Der Bundesstaat im hohen Norden hat etwas Wild-Romantisches, obwohl Alaska am Tropf der Ölindustrie hängt und finanziell abhängig ist von Subventionen aus Washington. Die junge Frau mit der modischen Brille macht sich einfach gut auf dem Bildschirm. Sarah Palin ist eine interessante Story. Sie fährt Snowmobil, ist Jägerin und hat fünf Kinder mit Namen, die sie wohl nicht in einem Namensbuch gefunden hat: Track, Bristol, Willow, Piper Indy und Trig. Der Nachrichtenkonsument weiß inzwischen, dass Palin Mooseburger isst.

Der konservativ christliche Nachrichtenkonsument weiß außerdem, dass Palin Schwangerschaftsabbruch verbieten würde und sich für Erziehung zur sexuellen Enthaltsamkeit ausspricht, und dass ihre "Church on the Rock" in Wasilla (Alaska) verkündet, die Bibel sei Wort für Wort wahr. Vor ein paar Monaten wurde Palin in einem Fernsehinterview zum Thema "mögliche Vizepräsidentin" gefragt. Palin fragte zurück: Man möge ihr doch erklären, was "genau" ein Vizepräsident tue. Obama scheint trotzdem beschlossen zu haben, Palin nicht zu unterschätzen. Und das Argument, Palin sei nicht erfahren genug, würde in vielen Wählerohren nicht überzeugend klingen, käme es vom relativ jungen Obama.

In Alaska hat sich Palin gegen das Partei­establishment durchgekämpft. Auf ihrer Wikipedia-Seite (die dem Rundfunksender NPR zufolge kurz vor ihrer Ernennung "mysteriös" aufgebessert wurde), heißt es, Sarah sei in der Schule wegen ihres toughen Basketballspiels als "Sarah Barracuda" bekannt gewesen. Ihr Ansichten decken sich nicht immer mit denen McCains. So bezweifelt Palin, dass menschliche Aktivität am Klimawandel schuld ist (McCain räumt das ein), und sie möchte in Alaskas Naturschutzgebieten nach Öl bohren. McCain ist dagegen. 1996 hatte Palin Berichten zufolge den republikanischen Präsidentschaftskandidaten Pat Buchanan unterstützt, der alle damals kandidierenden Bewerber von rechts überholen wollte. (Buchanan ist Isolationist und vertritt die Auffassung, die USA sollten die UNO verlassen.)

Derweil hat der relativ glimpflich verlaufene Hurrikan Gustav den Republikanischen Parteitag gestört, und an das Desaster von Katrina vor drei Jahren erinnert, besonders an das Foto von McCain und George W. Bush bei einer Geburtstagsfeier am ersten Tag der Katastrophe. McCain kann sich jetzt nicht beschweren über Gustav: Er kann Patrio­tismus beweisen, die Nation und die vom Wirbelsturm betroffenen Menschen in Louisiana und Mississippi seien wichtiger als der Parteitag. Mittlerweile deutet sich freilich an, dass Sarah Palin im Medienteich nicht immer Barracuda sein wird: Wie Haie, die Blut gerochen haben, fielen die TV-Sender über die Nachricht her, Palins 17-jährige Tochter sei schwanger. Und das Gerücht, Palins Ehemann sei schon einmal wegen Trunkenheit am Steuer festgenommen worden, beschäftigte gleichfalls die Medien, auch wenn das alles nichts mit Palins Kandidatur zu tun.

Aber in einem Image-Wahlkampf zählen diese Grenzen nicht. Obwohl Obama die Reporter aufforderte, die Finger zu lassen von Familienangelegenheiten.

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