Jahrhundertverbrechen: Lindbergh-Entführung war 1932 ein Medienspektakel

Zeitgeschichte Das Kind des US-Fliegeridols Charles Lindbergh wird entführt. Als man das Lösegeld bei dem Schreiner Bruno Richard Hauptmann findet, scheint der Täter überführt zu sein
Eine Holzleiter soll Bruno Richard Hauptmann überführt haben
Eine Holzleiter soll Bruno Richard Hauptmann überführt haben

Foto: NY Daily News Archive/Getty Images

Das verbindliche letzte Kapitel der Tragödie wird wohl nie geschrieben werden. Zeitungen nannten die Entführung und den Mord 1932 das „Verbrechen des Jahrhunderts“. Der Strafprozess im Staat New Jersey, der mit einem Todesurteil zu Ende ging, war ein Medienspektakel. Das Unternehmen Pathé News war hautnah dran für die Kinowochenschauen. Im Mittelpunkt standen der Angeklagte namens Bruno Richard Hauptmann, ein Tischler aus dem sächsischen Kamenz, und Amerikas Superstar, Charles Lindbergh. Dieser hatte 1927 den ersten Solo-Nonstop-Flug nach Europa vollbracht, in gut 33 Stunden von New York nach Paris.

Hauptmann, so der Vorwurf, soll das zwanzig Monate alte Kind von Charles und Anne Morrow Lindbergh, einer Pilotin und Schriftstellerin, entführt und umgebracht haben. Anna Hauptmann, die Frau des mutmaßlichen Täters, behauptete bis zu ihrem Tod 1994, ihr Ehemann sei unschuldig; er sei in der fraglichen Nacht bei ihr gewesen. Charles Lindberghs Ruhmespodest schwankte, nachdem der angehimmelte „Lindy“ 1938 von Reichsmarschall Hermann Göring das Großkreuz des Deutschen Adlerordens erhielt. Lindbergh lehnte einen Krieg gegen Nazi-Deutschland ab, der gewollt sei von Großbritannien, den Juden und der Regierung von US-Präsident Franklin D. Roosevelt.

Am 13. Mai 1932 lauteten die Schlagzeilen: Lindy-Baby ermordet aufgefunden! Ein Lastwagenfahrer hatte die verweste Leiche des kleinen Charles unweit der Lindbergh-Villa in Hopewell (New Jersey) gefunden. Pathé News zeigte das Gebüsch an einer einsamen Landstraße. Er werde alles Menschenmögliche unternehmen, um die „Kidnapper und Mörder zu verhaften“, versicherte der Polizeichef von New Jersey, Norman Schwarzkopf (dessen gleichnamiger Sohn Jahrzehnte später, Anfang 1991, die „Operation Wüstensturm“ gegen den Irak kommandieren sollte). Der damalige Präsident Herbert Hoover versprach unermüdliche Ermittlungen. Der US-Kongress erweiterte die Befugnisse des FBI. Bis zu dem Punkt sind sich alle Chronisten über die Entführung einig: Der kleine Charlie, ein blonder Lockenkopf, verschwand am 1. März 1932 aus seinem Bett im zweiten Stock seines Elternhauses.

Man habe im Kinderzimmer einen Erpresserbrief gefunden, sagte Charles Williamson, der Polizeichef von Hopewell, gegenüber Pathé. Doch er habe diesen nicht gleich öffnen wollen, um auf die Kriminaltechniker zu warten. Die Fakten wurden schnell kompliziert. Am Tatort wurde eine Holzleiter gefunden. Der Erpresserbrief voller Rechtschreibfehler forderte 50.000 Dollar. Fernschreiben informierten Polizeiwachen und die Presse. Rundfunksender verbreiteten Eilmeldungen. Bald seien Hunderte Reporter und Fotografen auf dem Gelände der Lindberg-Villa zugange gewesen, schrieb 1976 Anthony Scaduto in seinem Buch Scapegoat (Sündenbock), das die offizielle Version von Hauptmann als dem Entführer in Zweifel zog.

Lindbergh-Entführung: Inhaftierter Gangsterboss Al Capone bot Hilfe an

Im Rundfunksender NBC versprachen die Lindberghs den Entführern (bzw. dem Entführer) Stillschweigen, wenn sie Charlie zurückbekämen. Es folgten ein gutes Dutzend Erpresserbriefe, und es gab Mittelsmänner, die den Lindberghs zur Seite standen, darunter William Donovan, Rechtsanwalt und späterer Chef der CIA-Vorgängerbehörde OSS. Selbst der inhaftierte Gangsterboss Al Capone bot seine Hilfe an. Käme er frei, könne er „echt helfen“, zitierte ihn Associated Press (AP). Anfang April übergab ein Mittelsmann einem vermeintlichen Kidnapper 50.000 Dollar. Der kleine Charlie blieb verschwunden.

Die Ermittlungen kamen nicht weiter. Der Fall war pausenlos in den Nachrichten, er bot Ablenkung von der Wirtschaftskrise, die Millionen in Arbeitslosigkeit und Hunger stürzte. Unter anderem wurde auch die bei Anne Lindberghs Mutter beschäftigte Violet Sharpe befragt, die vor dem dritten Verhör mit Zyanid Selbstmord beging, ein eindeutiger Hinweis auf ihre Schuld, wie ein Polizeibeamter den Medien mitteilte. Sharpe habe nichts mit der Sache zu tun, befand das FBI.

Bruno Richard Hauptmann verdiente nicht schlecht als Schreiner in New York City, investierte ein bisschen auf dem Aktienmarkt und konnte sich einen 1930er Dodge leisten. Am 19. September 1934 nahm die New Yorker Polizei Hauptmann fest. Sie war auf ihn gekommen wegen einer Zehn-Dollar-Note vom Lösegeld, dessen Nummern vor der Übergabe notiert worden waren. Ein misstrauischer Tankwart hatte auf einer Banknote Hauptmanns Kennzeichen 4U-13-14-NY notiert. Bei Hauptmann zu Hause wurden mehr als 10.000 Dollar vom Lösegeld gefunden. Der Fall schien geklärt.

Hauptmanns Prozess begann am 3. Januar 1935 in dem knapp 3.000 Einwohner zählenden Ort Flemington in New Jersey. Fotos von damals und die Pathé News zeigen einen vollgepackten Gerichtssaal, in dem eine Zirkusatmosphäre zu herrschen schien. Hunderte Reporter waren da, Händler verkauften Charles-Lindbergh-Fotos und Miniaturen von der bewussten Leiter. Ein Zeitung zahlte für Hauptmanns Verteidiger als Gegenleistung für exklusive Informationen. Es lief schlecht für den Angeklagten. Erinnerungen an den Feind im Ersten Weltkrieg, den „Hunnen“, waren noch frisch. Zeitungen benutzten häufig das eher germanische „Bruno“ als Hauptmanns Vornamen, nicht Richard.

Debatte über Hauptmanns Schuld hält an

„Schwerfälliger deutscher Ex-MG-Schütze“, stand unter einem Zeitungsfoto. Der Staat stütze seine Anklage auf die Leiter, die Hauptmann gebaut habe zum Teil mit Holz von seinem Dachboden. Und auf einen Vergleich seiner Handschrift mit den Erpresserbriefen. Und natürlich das Lösegeld, von dem Hauptmann zahlreiche Scheine ausgegeben hatte. Hauptmann erklärte das Geld: Ein befreundeter Deutscher namens Isidor Fisch, inzwischen verstorben, habe ihm einen Karton mit unbekanntem Inhalt zum „sicheren Aufbewahren“ anvertraut. Er habe ihn in der Besenkammer verstaut. Ein paar Monate später habe er versehentlich den Karton beschädigt und Geld gesehen. Fisch habe ihm Geld geschuldet, so habe er die Scheine einfach behalten. Charles Lindbergh sagte im Zeugenstand, er erkenne Hauptmanns Stimme. Es sei die Stimme des Mannes, dem die 50.000 Dollar übergeben worden seien. Dieser hatte bei der Übergabe nur zwei Worte gesprochen.

Die Geschworenen glaubten dem Flugpionier und nicht dem Tischler. Hauptmann habe beim Urteil am 13. Februar 1935, an „zwei Wachmänner gekettet ... bewegungslos dagestanden, sein Gesicht aschfahl und mit Terror in seinen tiefliegenden Augen“, berichtete die New York Times. Am 3. April 1936 wurde Hauptmann hingerichtet. Er sei unschuldig, sagte er noch in der Todeszelle auch auf ein Angebot hin, er werde nicht hingerichtet, wenn er die Namen von Mittätern nenne. Die Debatte über Hauptmanns Schuld ist nie zu Ende gegangen. Die Befürworter der Unschuldsthese glauben, die Polizei habe Beweismaterial manipuliert. Ein HBO-Spielfilm von 1996 – Crime of the Century – hat diese Version erzählt. Man brauchte einen Schuldigen für eine schreckliche Tat, und er sei zu diesem Schuldigen erklärt worden, sagt der Hauptmann im Film.

Charles Lindbergh wurde 1940 Sprecher des America First Committee gegen den Eintritt der USA in den „Krieg in Europa“, eine Haltung, die anfangs viel Zuspruch fand. Nach dem japanischen Angriff auf die US-Marinebasis Pearl Harbor Ende 1941 kippte die Stimmung indes radikal. Lindbergh beriet die US-Luftwaffe und flog Einsätze im Pazifik. Anne Lindbergh veröffentlichte 1955 den Bestseller Gift from the Sea (Muscheln in meiner Hand), einen Lebensratgeber mit Meditationen über ein einfacheres Leben. Autor Philip Roth schrieb 2004 den Roman The Plot Against America (Verschwörung gegen Amerika). In dieser Alternativ-Weltgeschichte wird Charles Lindbergh 1940 zum US-Präsidenten gewählt und der Antisemitismus „normal“ in den USA.

Anna Hauptmann hat den Staat New Jersey 1981 verklagt wegen des ungerechtfertigten und korrupten Vorgehens gegen ihren Ehemann. Sie hat verloren.

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