„Damals musstest du dich positionieren“

Porträt Florian Ludwig hat Rathenow verlassen, weil es da zu viele Faschos gab. Sein Buch handelt vom Osten der Nachwendezeit
„Damals musstest du dich positionieren“
Ob er sich jetzt eingerichtet hat in diesem Staat? Solche Fragen stellt er sich nicht

Foto: Maria Sturm für der Freitag 

Er könne nicht anders, als pünktlich zu sein, dafür sei er „zu sehr Ostler“. An dem Tag seiner Lesung erscheint Florian Ludwig auf die Minute genau am Jugendclub Vorstadt in Strausberg. Plattenbausiedlungen, verlassene Privatgrundstücke mit Sperrmüll und Autowracks – Strausberg gehört geografisch noch zum Berliner Ballungsgebiet. Auf den Kennzeichen der Autos steht aber nur noch vereinzelt das „B“, häufiger kann man „MOL“ für „Märkisch-Oderland“ lesen. Hier beginnt die Provinz. Ludwigs Heimat. Selbst wenn er dort, wie der 46-Jährige später betont, „nicht öfter als nötig“ vorbeischaut.

Geboren ist er in Brandenburg an der Havel, aufgewachsen im nicht minder brandenburgischem Rathenow. Fast seine gesamte Jugend hat er in der Kleinstadt verbracht, die seit der Wiedervereinigung immer kleiner geworden ist. Dann zog er nach Berlin. Nun hat er ein Buch über seine Jugend in Brandenburg geschrieben, aus dem will er an diesem Abend vorlesen. Brandenburg muss brennen, damit wir grillen können, heißt der Roman, angelehnt an einen bekannten Song einer Hamburger Punkband. Ludwig erzählt darin von Nazis und Punks, von Fußball und Konzerten, vom deutschen Spießertum und von Polizisten, die eine Zeit lang nicht mehr wussten, welchem Staat sie dienen – „und die sich bei Notrufen hinter ihren Kaffeetassen versteckten“. Zwar trennt er im Buch Biografisches und Fiktives, aber diese erdachte Gruppe Punks wirkt so authentisch, als könne sie kaum frei erfunden sein.

Tigersprünge und Träume

Das Lebensgefühlvon Jugendlichen in der Wendezeit wurde schon häufiger literarisch verarbeitet. Was bei Florian Ludwig der Punk ist, ist in Clemens Meyers Buch Als wir träumten (2006) der Techno – eine Parallelwelt. Mehr noch als die Begeisterung für eine „neue“ Musik mit dazugehöriger Jugendkultur eint sie eine explosive Mischung aus Gesetzes- und Ziellosigkeit.
Bei Meyer machen sich die jugendlichen Grenzgänger in Leipzig über einen Vopo lustig, der mit dem Zusammenbruch der SED-Ideologie seinen Lebenssinn verloren hat. Bei Florian Ludwig will und kann der untergegangene Staat nach der Wende nicht mehr vor Nazis schützen. Beide Autoren romantisieren diese Phase aber nicht. Sie beschreiben auch Charaktere, die sich in der Ziellosigkeit verirren und im Drogenkonsum eine Zuflucht vor der Freiheit liberaler Marktwirtschaft finden.

Der 23-jährige Autor Lukas Rietzschel, der in Ostsachsen aufgewachsen ist und heute in Görlitz lebt, erzählt in seinem Roman Mit der Faust in die Welt schlagen (2018) von zwei Brüdern, einem Dorf in Sachsen und einer Wut, die immer größer wird (siehe der Freitag 39/2018). Er hat erlebt, wie seit dem Ende der DDR die Industrie verschwand.
Ob die Wendezeit nun eine Phase euphorischer Anarchie oder ängstlicher Aufbruch ins Ungewisse war, sie ist tief verflochten mit der sozialen Herkunft der Autoren und ihrer Charaktere. Gemein ist Ludwigs Punks und Meyers Ravern, dass sie nicht ahnen können, dass das Land, aus dem sie kommen, von heute auf morgen in Scherben liegt. Ihr literarisches Antriebsmoment ist die Zäsur. Etwas, das Walter Benjamin mal den „Tigersprung unter dem freien Himmel der Geschichte“ genannnt hat.

„Ick war nicht wirklich Punk“, sagt Florian Ludwig über sich selbst im feinsten brandenburgischen Slang. „Ick hatte och jefärbte Haare, aber kurz!“ Er stellt sich so dar, als sei er immer mit dabei, aber nie wirklich tief drin gewesen. Er mochte eher den „grauschwabbeligen“ Emopunk vom Schlage EA80. Deren Sound habe gut zur brandenburgischen Betontristesse gepasst. Mit der Arbeitsverweigerung sympathisierte er, hatte aber immer kleine Jobs. Einmal hat er gegen die Kündigung seines Bürojobs bei einem Heizanlagenhersteller geklagt. Nicht, weil er den Job so liebte, sondern aus Prinzip. Er wollte es seinem Chef, windiger Unternehmertyp, nicht so leicht machen.

Mittlerweile kann er solche Szenen aufschreiben und vorlesen. Weil es bereits sein zweites Buch ist, sind Lesungen für ihn etwas Normales geworden. Trotzdem sei er aufgeregt, sagt er, obwohl sich abzeichnet, dass die Gäste an zwei Händen abzählbar bleiben werden. Eine VoKü ist angesetzt. Es gibt Eintopf. Wer will, kriegt für einen Euro eine Limonade oder ein Bier dazu. Astra oder Flensburger. Ludwig nimmt die Variante aus Hamburg. Die Sozialarbeiterin des Jugendclubs Vorstadt fragt kurz vor der Veranstaltung in die Runde: „Wer kommt’n?“ Es fallen ein paar Namen. Sie kennt sie alle.

Florian Ludwig hat sich mit einer Schreibtischlampe auf einer rustikalen Tisch-Stuhl-Kombi eingerichtet, die problemlos aus der Grundschule nebenan stammen könnte. Auch er erkundigt sich, wer heute kommt, dann wird er entscheiden, welche Passagen er vorlesen will. „Fußball oder Punkrock?“, fragt er die Veranstalter des Abends.

Sein Lieblingsverein hat eine bewegte Geschichte. Der unter anderem von einem KZ-Überlebenden nach der NS-Zeit wiederaufgebaute Traditionsverein „Tennis Borussia“, kurz „TeBe“, gilt zwar als links, wird von den Punks in seinem Buch aber als „Bonzenclub“ beschimpft. Florian Ludwig fuhr auf etliche Spiele, war aber nie vereinsdogmatisch. Er schätzt die linke Fankultur des Fünftligisten so wie die von St. Pauli. Außerdem hat er eine Vorliebe für englischen Fußball. Seine schwarze Jacke ziert ein kleiner Aufnäher der „Tottenham Hotspurs“. In einem Club, in dem, wie er sie nennt, „Freaks und Verhuschte“ Platz haben, fühle er sich wohl. Als ein neuer Vorstand von TeBe diskutierte, ob eine Regenbogenfahne im Stadion „zu politisch“ sei, wurde ihm der Verein unsympathisch.

Er gehe in den letzten Jahren allerdings weniger zu Spielen. Wenn, dann nimmt er seinen Sohn mit. 2011, als der geboren wurde, da befand sich Florian Ludwig gerade im offenen Vollzug. Er hatte sich wegen des Vorwurfs einer versuchten Brandstiftung an Fahrzeugen der Bundeswehr drei Jahre Gefängnis ohne Bewährung eingehandelt.

Weil er in linken Milieus unterwegs war und unter anderem Kontakte zur Hausbesetzerszene pflegte, wurde gegen ihn mit Berufung auf den Paragrafen 129a des Strafgesetzbuchs ermittelt, der die Strafe für eine „Bildung terroristischer Vereinigungen“ regelt. Über die Umstände seiner Verhaftung schrieb Ludwig sein erstes Buch, es trägt den lakonischen Namen Mit Fußfesseln bin ich nicht so flott (2014). Schon damals ein Lebenszwischenfazit.

Seine Punkertruppe aus Brandenburg muss brennen wäre aus Sicht der Staatsmacht heute geschlossen ein Fall für 129a. Aber so sei das damals nun mal gewesen, erklärt Ludwig in unserem Gespräch vor der Lesung: ganz links oder ganz rechts. „Dit war die Gegenseite von der Subkultur, sprich den Faschos.“

Sein Hauptcharakter, Berndte, liest sich wie aus einer verloren gegangenen Zeit. Dieser Protagonist einer linken Szene wirkt wie Folklore, mit seiner Abneigung gegen Nazis, die Polizei, den Staat und das gesamte bürgerliche Milieu. Er ist politisch unkorrekt. Alkoholverbote auf Demos ignoriert er. Als er in einer Szene des Buches eine Berliner Studentin „Mutti“ nennt, kontert sie „Macker“. Was Linke heute eher betonen, eine Mischung aus nachhaltigem Konsum undgendersensibler Sprache, existierte zu der Zeit noch nicht.

Es gab nur zwei Jugendkulturen: Nazis und Linke. Vereinzelt spielen noch Untergruppen wie Skinheads oder Grufties eine Rolle, aber fast alle lassen sich auf das Freund-Feind-Schema zurückführen.

Gemietete Schläger

Seit dem Mauerfall existiert eine gewaltbereite Neonaziszene in Rathenow. Nichtdeutsche, Linke oder unangepasste Menschen wurden angegriffen. Die ursprünglichen Gruppen „Kameradschaft Rathenow“ und „Arische Kämpfer“ sowie die Kameradschaft aus der Nachbarstadt Premnitz schlossen sich zusammen und nannten sich „Hauptvolk“. Sie hielten Schulungen ab und nahmen an NPD-Aufmärschen teil. „Die Naziszene in Rathenow mutierte in der Phase zwischen Mauerfall und den Kameradschaftszeiten von dumpfen rechtsextremen Skinheads zu gern gemieteten Schlägern, Geldeintreibern und Türstehern im Rotlicht- und Drogenmilieu“, sagt Ludwig. Erst später besann sich ein Teil der Kameraden wieder auf den politischen Kampf. Er erzählt, wie er in der Kleinstadt strategische Umwege fuhr, um keinen Nazis zu begegnen, und auch seine Figur Berndte nimmt im Dunkeln lieber das Rad durch die Stadt, denn „nachts sind alle Glatzen blau“. Ludwig ist nach der Wende von Rathenow nach Potsdam und dann nach Ostberlin gezogen, jetzt lebt er in Pankow. Er wollte „die schönste Zeit des Lebens“, wie er die Jahre um seine Volljährigkeit nennt, nicht mit dem „Faschostress“ verbringen. Und nun?

Nazis, so Ludwig, gebe es in Rathenow noch genug, „aber die Auseinandersetzung mit Faschos habe sich mehr von der Straße ins Internet verlagert. „Die Nachwendegeneration der Faschos wurde ruhiger, hatte zum Teil Haftstrafen hinter sich. Auch spielte die Staatsgewalt, die sich mit der Wiedervereinigung erst mal neu aufstellen musste, eine immer mehr regulierende Rolle. Direkte Straßengewalt war rückläufig, politische Auseinandersetzung erfolgte vermehrt durch Graffiti, Buttons und Plakate, Recherche- und Outing-Artikel in Broschüren, später im Internet. Seit drei Jahren versuche sich eine neue rechtspopulistische Szene in Rathenow zu etablieren:

Auf der Straße ist Ludwig nur noch selten. Früher habe es ihn geärgert, als seine Punkerfreunde nur noch Drogen nahmen und weniger politisch wurden. Er hat viele abstürzen sehen. Sein politischer Aktivismus beschränke sich heute auf Demos.

Wenn er über das Publikum bei seinen Berliner Lesungen redet, das „feinere, etablierte Milieu“, wird sein Ton spöttisch. An diesem Abend in Strausberg sitzen unter den zehn Leuten im Publikum auch Anhänger des lokalen Fußballclubs. Ludwig entscheidet sich dann dafür, die sportlichen Passagen vorzulesen. Wenn man sich mit ihm unterhält, ist seine Stimme leise, zurückhaltend. Kaum setzt er zum Vorlesen an, wird sie kräftiger. Mit geübter Betonung erzählt er, wie seine Punkprotagonisten im Wartburg zum Spiel fahren, Ärger mit der Polizei haben und jede Menge Bier trinken. Die Anwesenden in dem gefliesten, mit nur wenig Polstermöbeln versehenen Jugendclub lachen vereinzelt. Nach einer Stunde schlägt Florian Ludwig sein Buch zu, erkundigt sich nach Fragen. Es kommen keine. Er gibt einen dezenten Verkaufshinweis: „Eens muss ick noch verkoofen, dann kann ick och die Verlagsrechnung bezahln.“ Er kauft bei seinem Verlag ein Paket Bücher auf, die er dann bei Lesungen auf den Tisch legt, und guckt wie viele Exemplare er absetzen kann.

An diesem Abend sind es zwei, sein altes und sein neues Buch – er bekommt sogar noch Trinkgeld. Für manche wäre das eine eher schwierige Lesung gewesen. Doch Ludwig ist hochzufrieden. Ja, es waren wenige, räumt er ein, dafür waren die aber „bei der Sache“, das habe er gemerkt. Die zwei Frauen, die seine Bücher kauften, sind etwa so alt wie er. Eine „Zeitreise“ seien Ludwigs Worte gewesen, sagt eine von ihnen. Sie kann seine Erzählungen nachvollziehen, weil sie diese seltsame Zwischenwelt der Wendejahre kennt, die im Rückblick betrachtet eine hochpolitische Jugendkultur hervorbrachte. „Die Kids sind heute alle unpolitisch. Früher musstest du dich positionieren, ging gar nicht anders.“ Es klingt etwas wehmütig.

Fäuste und Flaschen

Sie stehen noch eine Weile da, rauchen, tauschen alte Geschichten aus. Die zwei Frauen erzählen von besetzten Häusern und Nazis am Strausberger Bahnhof, Florian Ludwig steuert Anekdoten aus Berlin, Potsdam und Rathenow bei. Es klingt alles ähnlich, nur die Kulissen wechseln.

Am Ende wird klar: Keiner von denen, die hergekommen sind, wünscht sich die Zeiten zurück, in denen politische Antagonismen noch regelmäßig mit Fäusten oder Flaschen geklärt wurden. Eine sterile Jugendkultur aber, bei der jeder nur möglichst unauffällig durchkommen, kaum noch Zeit an Politisches verschwenden und bloß nicht anecken möchte, erscheint ihnen fremdartig. Sie scherzen über ihr Alter. „Eine Bekannte meinte, wenn du mit dreißig den Kapuzenpulli noch nicht ausgezogen hast, biste altlinks“, sagt Ludwig noch. Er nimmt es gelassen.

Auf dem Rückweg vom Jugendclub in Richtung S-Bahn. Pechschwarz und still ist es draußen in Strausberg. 1991, da wäre der Weg zurück zum Bahnhof womöglich kein ungefährlicher gewesen, schon gar nicht in Ludwigs unauffälliger, aber einschlägiger Klamotte: schwarzer Kapuzenpulli, Basecap, Turnschuhe und darüber die Jacke mit dem kleinen „Spurs“-Aufnäher. Aber diese Zeiten sind hier vorbei.

Manche würden ihm vorwerfen, er habe sich eingerichtet in diesem Staat, den er früher gerne hätte brennen sehen – mit Freundin und Kind und Minijobs. Ob das erlaubt ist? Solche Fragen stelle er sich nicht. „Ick mache Sachen, die mir Spaß machen. Ick gönn mir dit.“

Wir stehen am Bahnhof und warten auf den verspäteten Zug. Morgen, überlegt Ludwig, geht er vielleicht mal wieder mit seinem Sohn zum Fußball.

06:00 13.11.2018

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