Das Gegenteil von gut

ZPS Das Künstlerkollektiv glänzt mit einer ahistorischen, moralisch überheblichen Selbstinszenierung auf Kosten der Opfer des Holocaust
Das Gegenteil von gut
Aufgebaut ist die „Säule der Demokratie“ zwischen Bundestag und Bundeskanzleramt, am Standort der ehemaligen Krolloper

Foto: Christophe Gateau/dpa/picture alliance

Weil in der nie enden wollenden Moderne jedes historische Ereignis wie das nächste erscheint, prasseln bei jedem Anlass die hohlen Vergleiche herunter. Geflüchtetenunterkünfte? Konzentrationslager! Deutsche Wohnen enteignen? Stalinismus! Verhandlungen zwischen CDU und AfD? Hitlers Machtergreifung, mindestens, womöglich auch gleich der Holocaust!

Das Künstlerkollektiv Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) will mit einer Installation an „die Konservativen“ appelieren, nicht mit „den Faschisten“ zu verhandeln. Eine Säule von der Ästhetik eines Autobahnblitzers konserviert einen Bohrkern, der mutmaßlich die Asche ermordeter Juden enthält. Aufgebaut ist die „Säule der Demokratie“ zwischen Bundestag und Bundeskanzleramt, am Standort der ehemaligen Krolloper. Hier übertrug der Reichstag 1933 mit Stimmen aus dem Zentrum der Hitler-Regierung weitreichende Befugnisse, die als „Ermächtigungsgesetze“ in die Geschichte eingingen und die endgültige Machtübernahme der Nationalsozialisten darstellen. Die Säule soll an das erinnern, was aus der fatalen Kooperation folgte. Wohl nicht zufällig gerade jetzt, da gelegentlich Verhandlungen zwischen CDU und AfD öffentlich werden.

Geschichte als Requisitenlager

Für eine Spende von 50 Euro können Unterstützer zudem einen „Schwurwürfel“ erhalten. Mit dem Geld soll das Denkmal in Beton gegossen werden. Es handelt sich offenbar um einen Glaswürfel mit einer Bodenprobe aus jener Region, in der das „Zentrum“ die verstreute Asche der ermordeten Juden barg. Das ZPS interpretiert die Worte des in Auschwitz getöteten Salmen Gradowski, „Suchet in der Asche“, auf die denkbar dümmste Weise. Die Journalistin Ramona Ambs kommentierte auf Facebook: „Er wollte, dass die Welt erfährt, was passiert ist. Er wollte, dass man weiß, wer und wieviel verloren ging. Er hat nicht gesagt: Nehmt unsere Toten, grabt sie aus, stopft sie in eine Säule und beleuchtet sie, damit die Nachfahren der Täter mal wieder moralische Selbstbesoffenheit feiern können.‘“

Aber deutsche Aktionskünstler werden sich weder von lebenden noch von toten Juden daran hindern lassen, ihre „umstrittenen“ Aktionen durchzuziehen. Und so wird die Säule kommendes Wochenende in Beton gegossen. Genug Spenden dafür kamen bereits gestern zusammen. In den sozialen Netzwerken findet die Aktion großen Zuspruch. „Schön“ finden viele die Säule. Herrlich, die Überreste der Krematierten, so bernsteinfarben beleuchtet, dass es einem das Herz wärmt. Die Initiatorin des Holocaust-Mahnmals in Berlin, Lea Rosh, fühlt sich von der Installation „bewegt und angefasst“. Ihr wurde im Zuge des Berliner Mahnmals ebenfalls vorgeworfen, sich der Verstorbenen zum Selbstzweck zu bemächtigen. Nun zeigt sie sich offenbar davon beeindruckt, wie sehr sich dieses Prinzip auf die Spitze treiben lässt.

Der Erinnerung an die dramatische Kurzsichtigkeit der Konservativen 1933 täte Drastik gut. Aber 2019 ist nicht 1933, Angela Merkel ist nicht Paul von Hindenburg und der Holocaust kein Gruselmärchen, das sich beliebig inszenieren lässt. Unterdessen hat das ZPS noch den Grabstein von Franz von Papen aufgetrieben und bringt jenen wohl augenblicklich nach Berlin, um auch die „historische Schuld“ des ehemaligen Reichskanzlers, der erheblich an der Machtergreifung der Nazis mitgewirkt hatte, zu „begleichen“. Zum „Schwur gegen die AfD“ will die Gruppe kommendes Wochenende ansetzen. Der Begriff erinnert an den „Schwur von Buchenwald“. Was damit mal gemeint war und wie die immer noch unter uns weilenden Überlebenden die schamlose Theatralisierung ihres Schicksals finden könnten – geschenkt. Philipp Ruchs selbsternannte „Strumtruppe der moralischen Schönheit“ kennt keinen Respekt und betrachtet Geschichte als bunten Selbstbedienungsladen, als Requisitenarchiv fürs eigene Schauspiel. Sie werden das Schäumen der Kritiker als Erfolg verbuchen. Aber was soll’s: Wer sich auf der überlegenen Seite wähnt, dem ist jedes Mittel recht. Diese Lektion lässt sich der Geschichte des Nationalsozialismus tatsächlich entnehmen.

12:13 03.12.2019
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