Elon Musk hat Twitter gekauft: Der Gigaunternehmer

A-Z Troll oder toll? Elon Musk hat für rund 44 Milliarden Dollar die Onlineplattform Twitter gekauft. Was der Tesla-Chef unter freier Rede versteht und wie er reich und Kult wurde
Elon Musk vor seiner neuen Autofabrik in Brandenburg
Elon Musk vor seiner neuen Autofabrik in Brandenburg

Foto: Reuters/Michele Tantussi

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Anfänge Die erste Million ist bekanntlich die schwerste. Die ersten hundert Millionen hingegen verdienen sich im postmodernen Kapitalismus unter Umständen recht flott. Der junge Elon Musk, Sohn eines südafrikanischen Ingenieurs und einer kanadischen Ernährungsberaterin, studierte Volkswirtschaftslehre und Physik in Philadelphia. Ein Promotionsstudium an der berühmten Stanford-Universität brach er 1995 nach zwei Tagen ab, um in den Internet-Boom einzusteigen. Erste Bekanntheit erlangte er als Gründer von X.com, einem Bezahldienstleister, aus dem später das heute weltweit genutzte Online-Zahlsystem Paypal hervorging.

Aufgrund interner Streitigkeiten wurde der damals 29-jährige Musk als CEO von Paypal durch Peter Thiel ersetzt, der später zum Milliardär wurde. Mit 11 Prozent der Aktienanteile war Musk aber immer noch größter Teilhaber an dem Unternehmen. Als Paypal an Ebay verkauft wurde, profitierte auch er – und erhielt über 175 Millionen US-Dollar. Knapp über 30 war er da und dieser Erlös ( Vermögen) legte den Grundstein für so ziemlich all seine weiteren Aktivitäten.

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Brandenburg Mitten in einem Wald bei Berlin, im idyllischen Grünheide, soll einst die Stasi ihre Spitzel ausgebildet haben. Nun operiert hier ein anderer: Elon Musks sogenannte Gigafactory wurde am 22. März eröffnet und ließ mit nur zwei Jahren Bauzeit den nebenan liegenden Flughafen BER (14 Jahre) ganz schön, nun ja, alt aussehen.

Bei der Eröffnung waren auch Olaf Scholz und Robert Habeck vor Ort. Kein Wunder, dass beide frohlocken: Geplant ist, dass hier mit bis zu 12.000 Beschäftigten knapp 500.000 Teslas pro Jahr gebaut werden. Weniger begeistert sind Umweltaktivisten und Arbeitnehmervertreter: Für den Bau der Fabrik wurden rund 150 Hektar Wald gerodet und der prognostizierte Wasserverbrauch übersteigt das Vorkommen in der ohnehin trockenen Region enorm. Kürzlich sollen zudem Tausende Liter Chemikalien ausgelaufen sein. Obgleich Tesla die Tarifbedingungen der IG Metall umgehen will und von betrieblicher Mitbestimmung wenig hält, gründete sich im März ein Betriebsrat.

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EDM Als Tech-Unternehmer der ersten Stunde ( Anfänge) versteht es sich von selbst, dass Elon Musk fließend Internetsprache und Meme-Kultur spricht. 2019 veröffentlichte er den Song „R. I. P. Harambe“ – ein recht unerträglicher Versuch eines Rap-Dance-Hybrids über den einst real existierenden Gorilla Harambe, der 2016 in einem US-Zoo erschossen wurde, nachdem ein Dreijähriger ins Gehege gefallen war. Die Nachricht wurde unter Belustigung und Anteilnahme zu einem viralen Phänomen auf diversen Netzplattformen. Ein ähnlich desaströses Unternehmen ist sein zweiter Song Don’t Doubt Ur Vibe (übersetzt etwa: „Zweifel nie an deinen Schwingungen“). Aber egal: Seine Fans lieben an Musk den Unternehmer, der Mut zur Unprofessionalität hat und sich auch mal in einer Podcast-Sendung beim Kiffen filmen lässt. Es ist das Geheimrezept seines Kultfaktors.

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Innovation Wann Elon Musk etwas ernst meint und wann nicht, weiß man nie so genau. Aber gesagt hat er dies 2017 über den ÖPNV wirklich: „Niemand mag ihn. Außerdem gibt’s da eine Menge Fremder, von denen einer ein Massenmörder sein könnte.“ Um dieses „Problem“ zu lösen, gründete Musk 2016 The Boring Company, was sich mit „das langweilige“ oder auch „das bohrende Unternehmen“ übersetzen ließe. Gebohrt werden sollen Tunnel unter Großstädten, in denen bis zu 16 Personen in einem Shuttle von A nach B transportiert werden. Musk hält das Verkehrsaufkommen in den allermeisten Großstädten für eines der größten Probleme der modernen Welt.

Erste Interessenten für das System gibt es bereits. Kritiker halten sein Vorhaben für schwer umsetzbar. Was zudem unter anderem auf Twitter für Heiterkeit sorgt: Manche Idee klingt nach einer Erfindung, die es seit dem 19. Jahrhundert gibt. „Elon, das nennt man eine Bushaltestelle“, kommentierte ein Nutzer unter Musks begeisterter Beschreibung seiner unterirdischen Ein- und Ausstiegspunkte namens „Stationen“.

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Privat In Musks Leben scheint alles ein Projekt, ein schillerndes Aushängeschild seines genialen Innovationsgeistes zu sein – auch sein Nachwuchs. Für Schlagzeilen sorgte seine Beziehung zur kanadischen Musikerin Claire Boucher aka Grimes, aus der 2020 ein Spross mit dem klangvollen Namen X Æ A-12 Musk hervorging. Weil der überraschenderweise gegen die Bestimmungen des US-Staates Kalifornien verstieß, einigte sich das Paar auf die sichtbar bürgerlichere Variante X AE A-XII Musk. Beide Eltern scheinen eine Vorliebe für den Buchstaben X ( Weltraum) sowie das lateinische „Æ“ zu haben, denn sowohl in ihren Songs als auch in seinen Unternehmen tauchen die Lettern immer wieder auf. Nur logisch daher, dass auch ihr zweites, 2021 von einer Leihmutter ausgetragenes Kind nun Exa Dark Sideræl Musk heißt.

Grimes ist erklärtermaßen keine Kommunistin, kokettierte in den sozialen Medien aber öfter mit dem Manifest und Ideen zur Verflechtung von künstlicher Intelligenz und Kommunismus. Naturgemäß sorgte ihre Beziehung zum reichsten Menschen der Welt und Turbokapitalisten Musk für Spott. Kurz nach der Geburt des zweiten Kindes erklärte Boucher, sie habe sich von Musk getrennt, er bliebe aber „die Liebe ihres Lebens“.

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Strom Wahrscheinlich trüge das Unternehmen Tesla einen deutlich ausgefalleneren Namen, wenn es denn tatsächlich von Elon Musk gegründet worden wäre. Tatsächlich stieg er aber 2004 lediglich als Risikokapitalgeber ein. Der 2008 gebaute Tesla Roadster war das erste serienmäßige elektrische Fahrzeug mit Lithium-Ionen-Akku. Heute stellt das Unternehmen etliche Modelle her und hat im Jahr 2020 nach eigenen Angaben knapp 500.000 Fahrzeuge verkauft.

Elon Musk bezeichnete die Erderwärmung und den daraus resultierenden Klimawandel mehrfach als eine der größten Herausforderungen der Menschheitsgeschichte. Unklar ist aber weiterhin, ob die Tesla-Fahrzeuge überhaupt maßgeblich zur Reduktion des globalen CO2-Ausstoßes beitragen können. Einer schwedischen Studie aus dem Jahr 2017 zufolge entsteht bei der Herstellung von Lithium-Ionen-Autobatterien ebenfalls eine Menge Treibhausgas. Musk selbst verweist darauf, dass sich dieser Wert reduziert, wenn die Batterieherstellung mit erneuerbaren Energien betrieben wird – so wie bei der Gigafactory in Brandenburg angedacht. Einer anderen Studie zufolge stößt die Herstellung eines Teslas zwar mehr CO2 aus, diese Emission rechne sich aber im Vergleich zu einem Verbrenner bereits nach wenigen Jahren.

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Twitter Begeistert bis bestürzt reagierte die Twitter-Community an diesem Montag auf die Nachricht, dass dem Multimilliardär die Übernahme der Onlineplattform gelungen ist. Rund 44 Milliarden Dollar hat Elon Musk sich den Spaß kosten lassen, alsbald alleiniger Eigentümer von Twitter zu sein. Zuvor hatten ihm bereits neun Prozent des Unternehmens gehört.

Twitter selbst hatte sich gegen die Übernahme lange gewehrt und sogar mit einer sogenannten „Giftpille“ gedroht, die automatisch günstigere Aktienpakete freisetzt, wenn ein Käufer eine kritische Menge an Anteilen übersteigt, um Musk auszubremsen. Musk hatte unverhohlen gedroht: Er werde sein „Engagement“ bei Twitter überdenken, wenn der Kauf nicht gelingt. Der reichste Mann der Welt hat auf der Plattform knapp 85 Millionen Follower. Laut eigenen Angaben möchte er mit der privaten Übernahme die Redefreiheit auf der Plattform stärken (Zensur). Was genau er darunter versteht, entnimmt man am besten einem Tweet von ihm: „Die Richtlinien einer Social-Media-Plattform sind gut, wenn die extremsten zehn Prozent rechts und links gleichermaßen unglücklich sind.“

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Vermögen Mit einem geschätzten Vermögen von 283 Milliarden US-Dollar gilt Elon Musk als reichster Mensch der Welt. Sein tatsächliches Vermögen schwankt täglich im Zusammenhang mit dem Kurs der Tesla-Aktie. In den ersten Monaten des Jahres 2022 machte dieser einen kräftigen Sprung nach oben und bescherte ihm weitere 23 Milliarden Dollar. Er selbst bezeichnet sich oft als „cash poor“ (arm in Bezug auf Bargeld), weil er kaum Barvermögen und fast ausschließlich Unternehmensanteile besitze. Auch sonst ist er materiellen Gelüsten eher abgeneigt: Kürzlich erklärte er, dass er keine Wohnung habe und eine solche auch nicht brauche.

Trotz seiner immensen Mittel ist der Unternehmer bemüht, bei seinen Investitionen möglichst viele staatliche Subventionen abzustauben. Das Land Brandenburg förderte seine Tesla-Fabrik etwa mit Geld, das aus ehemaligen SED-Töpfen stammte. Von Umverteilung auf größerer Ebene hält er aber nicht viel: Er gilt als erklärter Gegner des US-Sozialisten Bernie Sanders, der sich für eine höhere Besteuerung von Superreichen ausspricht. Musk spendet regelmäßig, auch an die beiden wichtigsten Parteien in den USA. Ein bedingungsloses Grundeinkommen hält er für notwendig, da seiner Ansicht nach Künstliche Intelligenz in Zukunft viele (Erwerbs-)tätigkeiten übernehmen wird.

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Weltraum Das wohl schillerndste Projekt des Milliardärs ist sein Raumfahrtprogramm Space X. Das Unternehmen ist die erste private Raumfahrtorganisation, die ein Raumfahrzeug mitsamt Besatzung zur ISS entsenden und wieder zurückbringen konnte. Im Mai 2020 dockte die Crew der „Endeavour“ an die Raumstation an, blieb für 62 Tage und landete anschließend wieder vor der Küste Floridas in einer schwimmenden Kapsel. Sein langfristiges Ziel, so Musk, sei die Besiedlung des Planeten Mars. Dass es nicht um eine Fluchtmöglichkeit für Reiche gehe, begründete er damit, dass eine solche Mission noch sehr riskant und potenziell lebensgefährlich sei. In Interviews verkündete er, es gäbe eine „Chance von etwa 70 Prozent“, dass er selbst den roten Planeten bereisen werde. Demnächst werde sich Space X auf weitere Missionen konzentrieren, so etwa die Entsendung der ersten Frau auf den Mond. Ein Ticket zum Mars soll in Zukunft nicht nur möglich, sondern auch „erschwinglich“ sein. Mit geschätzten Kosten von 100.000 Euro pro Person wäre ein Flug für „fast jeden“ ( Vermögen) möglich, so Musk.

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Zensur Wie die allermeisten schwerreichen Unternehmer ist auch Elon Musk von kritischer Berichterstattung überwiegend genervt. Kommuniziert wird primär über und mit ihm selbst. 2020 hat Tesla seine Presseabteilung abgeschafft, seitdem gilt das Unternehmen als einziger Autobauer der Welt ohne Sprecher. Als im März ein Presseteam des ZDF das Tesla-Gelände in ➝ Brandenburg besuchen wollte, bekam es keine Akkreditierung. Ein Interview mit Robert Habeck musste vor den Toren des Werkes geführt werden. Das ZDF äußerte später, dass eine kritische Berichterstattung des Magazins Frontal 21 als Grund für die Nicht-Zulassung angeführt wurde. Auch in den USA attackierte Musk Whistleblower und Reporter regelmäßig. Er selbst bezeichnet sich als „Absolutist der freien Rede“.

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