„Frauen manipulieren eher“

Interview Lydia Benecke kennt die Unterschiede zwischen Psychopathinnen und Psychopathen

Wer sie trifft, trifft sie oft in Schwarz. Als bekennender Gruftie wird Lydia Benecke nach eigener Aussage im ICE oft schräg angeschaut, weil sie nicht so aussähe, als könne sie sich die Zugfahrt leisten. Das Dunkle zieht sie nicht nur ästhetisch an. Ihr jüngstes Buch beschäftigt sich mit Psychopathie bei Frauen. Psychopathen gelten als rücksichts- und reuelos, werden aber auch als wortgewandt, manipulativ und erfolgreich beschrieben. Im Interview spricht sie über Geschlechterrollen, Missbrauchsfälle und eine unschöne Realität, in der Männer auch Opfer sind.

der Freitag: Frau Benecke, Ihr Beruf setzt eine emotionale Distanziertheit voraus. Gleichzeitig sind Sie charmant und sehr produktiv. Wer versichert mir, dass ich es nicht mit einer Psychopathin zu tun habe?

Lydia Benecke: Warum wollen Sie wissen, ob Sie es mit Psychopathen zu tun haben? Ich kriege so fünf E-Mails dieser Art am Tag: Meine Schwiegermutter nervt, mein Freund nervt, mein Nachbar nervt. Ich antworte dann: Sie schreiben mir offenbar, weil Sie ein Problem mit einem Menschen haben. Es ist keine Lösung für das Problem, wenn ich Ihnen jetzt ein Label dafür gebe, ganz abgesehen davon, dass so eine Ferndiagnose sowieso absurd ist.

Warum haben Sie sich entschieden, ein Buch speziell über Psychopathinnen zu schreiben?

Weil die Leute immer gefragt haben: Ist das bei Frauen anders? Dann sage ich immer: Klar, die Forschung zeigt recht gut, dass es Unterschiede gibt, sowohl biologisch als auch umweltbedingt. In meinem Buch habe ich aber auch gezeigt, dass das ein sehr komplexes Feld ist. Es gibt nicht die typisch weibliche Psychopathin und auch nicht den typisch männlichen Psychopathen. Aber es gibt Subtypen der Psychopathie. Und man kann schon sagen: Die einen Subtypen kommen häufiger bei Männern, die anderen häufiger bei Frauen vor.

Welche sind das? Bei der Lektüre Ihres Buches wirkt es so, als würden bei Frauen häufiger Beziehungsdynamiken eine Rolle spielen. Sie beschreiben etwa eine Frau, die über Jahre mit wechselnden Partnern Raubzüge unternimmt. Obwohl sie auffliegt, ist kein Schuldbewusstsein zu erkennen.

Man muss dazusagen, dass die Beispiele im Buch Extremfälle sind. Prinzipiell fällt schon auf, dass bei den weiblichen Psychopathen gerade die Manipulation mehr im sozialen Umfeld stattfindet. Und auch die unsozialen Verhaltensweisen – egal ob finanzielle Ausbeutung, emotionale Misshandlung oder auch, im schlimmsten Fall, Tötungsdelikte –, dass die schon häufiger als bei den männlichen Psychopathen im sozialen Nahfeld geschehen. Ich beschreibe beispielsweise Fälle, in denen Frauen sich einen Partner nehmen, um mit dem dann Brandstiftung oder Versicherungsbetrug zu begehen. Frauen manipulieren häufiger, Männer handeln eher selbst. Bei Frauen findet man auch mehr Betrugsdelikte oder emotionale Erpressung: „Wenn du mir das nicht gibst, verlass ich dich.“ Bei Männern gibt es mehr Raubüberfälle, Körperverletzung und so weiter.

Zur Person

Lydia Benecke, 36, studierte Psychologie, Psychopathologie und Forensik. Sie arbeitet als Beraterin in Kriminalfällen und therapiert Sexual- und Gewaltstraftäter. 2018 erschien ihr Buch Psychopathinnen bei Lübbe

Können Sie sich vorstellen, woher die Unterschiede kommen?

Die Forschung führt viele Gründe dafür an. Ein Einfluss, der häufig diskutiert wird, ist Testosteron. In manchen Kontexten scheint das Hormon, von dem Männer traditionell mehr haben, aggressives Verhalten verstärken zu können. Man kann aber nicht sagen: Mehr Testosteron macht aggressiv, das ist Quatsch.

Es sind biologische Faktoren?

Natürlich ist das nicht alles. Es gibt beispielsweise auch Lerneffekte. Es ist zum Beispiel so, dass Frauen wahrscheinlich lernen, die Rollen, die Frauen zugeschrieben werden, zu nutzen. Das ist kein ausgeklügelter Plan, sondern eher ein Learning-by-Doing-Prinzip. Ein kleines Mädchen lernt, dass es, wenn es süß guckt und sich hilflos stellt, Süßigkeiten bekommt. Der kleine Junge merkt, dass süß gucken und sich hilflos stellen vielleicht nicht zu Süßigkeiten führt. Warum nicht? Weil es Rollenstereotype gibt, die dazu führen. Bei einem kleinen Jungen wird es vielleicht eher als bei einem kleinen Mädchen toleriert, wenn er Gewalt ausübt. Nicht, dass das schön oder gerecht wäre, aber wir können ja nicht so tun, als sei das nirgendwo auf der Welt Lebensrealität.

Sie werden für solche Feststellungen auch kritisiert.

Ja, damit hatte ich erst letztens wieder zu tun. Da ging es um die unterschiedlichen Strategien männlicher und weiblicher psychopathischer Straftäter. Und darum, dass Frauen, selbst wenn sie nicht psychopathisch sind, durchaus Rollenstereotype nutzen können, um mit bestimmten Dingen davonzukommen. Als plakatives Beispiel: Wenn eine Lehrerin Mitte 30 einen Schüler missbraucht, der 14 ist, dann steht da „verführt“, nicht „missbraucht“. Bei einem Lehrer steht da aber „missbraucht“. Das ist seltsam. Es ist nicht so, als wäre das irgendwie besser, weil es eine Frau ist. Aber dieses Wort, „verführt“, das man in der Presse recht häufig findet, das weist ja darauf hin, dass die Gesellschaft immer noch der Meinung ist: Na ja, „verführt“, ist das nicht irgendwie was Gutes?

Verführt werden – das ist etwas, worüber man sich als Mann freuen soll.

Was ist das denn für eine kranke Implikation? Ich wundere mich immer, dass das keinem auffällt. Das sind so Sachen, wo ich sage: Man muss auch bei Frauen ein bisschen darauf achten, dass solche Stereotype natürlich dazu führen, dass es gewisse Dunkelfelder gibt, die wir gar nicht vernünftig erfassen können. Ich habe öfter im Verlauf einer Therapie Geschichten von Tätern gehört, die eher zufällig feststellten, dass sie von einer Frau missbraucht worden sind und das nicht so wahrgenommen haben. Das kenne nicht nur ich, das kennen viele Kollegen. Zum Beispiel gab es einen Fall, bei dem ein Achtjähriger von einer Mittzwanzigerin in Zungenküsse eingeführt wurde. Stellen wir uns das doch mal umgekehrt vor. Da würde keiner drüber nachdenken, ob das Missbrauch ist oder nicht. Es gibt viele Beispiele, wo Frauen sich als Babysitter, Tante, Mutter oder Nachbarin in verschiedenster Form missbräuchlich verhalten können, ohne dass die Gefahr besonders groß wäre, dass da jemand Anzeige erstatten würde, weil das bei Frauen nicht so verstanden wird, was die tun.

An solchen Feststellungen haben sich Menschen gestört?

Anscheinend schon. Aber ehrlich gesagt: Ich verstehe den Punkt nicht. Deswegen kann ich die Argumentationslinie nicht einmal wiedergeben, weil sie mir absolut nicht nachvollziehbar erscheint. Wenn man natürlich der Meinung ist, Frauen seien immer Opfer und Männer immer Täter – wo jeder logisch denkende Mensch darauf kommen könnte, dass die Welt nicht so stereotyp sein kann – aber wenn man dieser extremen Meinung wäre, wäre meine Aussage, dass Frauen natürlich auch Täterinnen sein können, konträr zu dieser Einstellung. Damit will ich überhaupt nicht relativieren, dass die meisten sexuellen Misshandlungen durch Männer stattfinden, das ist absolut klar. Es ist auch nicht 50/50, nicht mal ansatzweise. Aber wir können ja nicht so tun, als gäbe es das gar nicht.

06:00 06.05.2019
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