„Gern erinnern“

Interview Dagmar Enkelmann weiß, was der heutige Feminismus von den Frauen der DDR lernen kann

Ein Buch über Frauen in der DDR, knapp 30 Jahre nach dem Mauerfall? Dagmar Enkelmann findet, der Zeitpunkt sei richtig. Erst mit dem Abstand ließe sich die Emanzipationsbewegung in der DDR nüchtern beurteilen. Im von ihr mit herausgegebenen Band Frauen aus der DDR finden sich neben einem Interview mit ihr selbst unter anderem auch Gespräche mit Gesine Lötzsch und Petra Pau. Ein Kernelement des Bandes sind zudem Archivbilder von Frauen aus der DDR. Sie zeichnen ein vielschichtiges Bild von der Emanzipationsbewegung in der ehemaligen sozialistischen Republik.

der Freitag: Frau Enkelmann, wenn wir beide jetzt nach Ostdeutschland fahren und in der DDR sozialisierte Frauen fragen würden, ob es ihnen in der DDR besser ging, was für Antworten würden wir bekommen?

Dagmar Enkelmann: Ich glaube ganz selten käme die Antwort, dass man die Zeit gern zurückdrehen wolle. Viele würden sagen: Ich erinnere mich gerne an die Zeit in der DDR. Ich möchte mich auch gern erinnern und mich nicht ständig dafür entschuldigen, dass ich in der DDR aufgewachsen bin.

Nun hat man bei der Lektüre des von Ihnen mit herausgegebenen Buches „Emanzipiert und stark – Frauen aus der DDR“ stellenweise den Eindruck, es wird dort ein Bild von einer emanzipatorischen Frauenbewegung in der DDR gezeichnet, die teilweise weiter war, als wir es jetzt sind. Da steht zum Beispiel über die Arbeitsmarktpolitik der DDR: „Prekäre Jobs für die Frau als bloße Hinzuverdienerin waren politisch nicht gewollt.“

Zu DDR-Zeiten war das wichtigste: Man hat ein Studium gemacht und selbstverständlich ging man arbeiten. Nicht im Sinne von Zuverdienst. Es war auch nicht ungewöhnlich, dass Frauen mehr verdient haben als Männer.

Wenn man jetzt einen Blick auf die Arbeitsmarktstatistik wirft, sieht man insbesondere Frauen in prekären Beschäftigungen und im Hinzuverdienermodell, natürlich häufiger im Westen aber eben auch im Osten.

Auch der Anteil der beschäftigten Frauen ist ja deutlich zurückgegangen. Damals waren es knapp 90 Prozent der Frauen, die beschäftigt waren. Klar hat es zu DDR-Zeiten auch halbtags arbeitende Frauen gegeben. Aber das war nie im Sinne von: Ich muss was dazu verdienen, damit es für die Familie reicht. Es ging eher darum, dass man was gelernt hat und eben nicht zu Hause bleiben wollte. So sind wir ja alle aufgewachsen.

Auch die Art und Weise, wie gearbeitet wurde, unterscheidet sich. An einer anderen Stelle im Buch geht es um Kellnerinnen und Verkäuferinnen in der DDR. Über die heißt es: „Der Kunde war für sie ein gewöhnlicher Mensch, der sich selbstverständlich auch mal irren konnte...“

Richtig!

„...die Kellnerin und die Verkäuferin standen nicht unter ihm. Sie machten einfach ihre Arbeit und mussten keine Angst haben, ihren Job zu verlieren.“

Zum einen: Dienstleistung war nicht wirklich Dienstleistung, also in diesem „Der Kunde ist König“-Sinne. Selbst wenn das gesamte Restaurant leer war und vorn das Schild: „Sie werden platziert“ stand, hat man gewartet. Das hatte auch etwas von Macht. Auf der anderen Seite gab es eine Art von Gleichstellung: Du willst hier was essen und ich bin diejenige, die sicherstellt, dass du dein Essen bekommst. Also ich bin nicht weniger, sondern ich bin gleich viel wert. Das ist heute schon anders.

In manchen Teilen von Ost- und Westdeutschland merkt man diesen Unterschied noch heute. Wenn man im Osten mit allzu großer Selbstverständlichkeit eine Dienstleistung einfordert, wird das als extrem frech und arrogant wahrgenommen.

Ich finde die Idee nicht schlecht, Dienstleistungen so zu handhaben, dass sich der Gast wohlfühlen möchte. Das hatten wir aber so nicht gelernt, das war auch nicht Teil der Ausbildung für Kellnerinnen, glaube ich. Trotz allem: Die Einstellung, dass man nicht minder wert ist, weil man diese Arbeit macht und eben nicht Akademikerin oder Akademiker ist; diese Arbeit aber auch wichtig ist – da ist, finde ich, wirklich etwas verloren gegangen. Jetzt könnte man natürlich fragen: Wieso ist das in der DDR anders gewesen?

Gute Frage.

Ja, gute Frage! Arbeit war eben selbstverständlich. Und jede Arbeit war selbstverständlich. Es hat bei uns auch eine andere Art von finanzieller Anerkennung von Arbeit gegeben. Ich meine, ich habe fünf Jahre Gesellschaftswissenschaften studiert und hatte hinterher zum Beispiel ein Gehalt als Dozentin, das deutlich unter dem eines Facharbeiters lag. Der finanzielle Anreiz, eine bestimmte Arbeit zu machen, lag vor allem dort, wo es um Facharbeiter, Handwerk und so weiter ging. Eine Höherstellung bedeutete nicht eine Besserstellung. Auch ein Titel war nichts, wo man „Herr Doktor“ oder „Frau Doktor“ oder ähnliches gesagt hätte. Er war nicht der Grad für eine andere Stellung in der Gesellschaft.

Das kann man sich kaum noch vorstellen.

Das war für mich auch eine Umstellung Anfang der 90er-Jahre. Es dauerte ewig, eh mein Titel im Personalausweis erschien. Als ich einen neuen Ausweis brauchte, sagte die zuständige Stelle: „Sie haben doch einen Doktor, den muss man doch hier reinschreiben.“ Der Titel ist schon Ausdruck einer anderen Stellung in der Gesellschaft. Das ist doch furchtbar.

Zur Person

Dagmar Enkelmann, geb. 1956 in Altlandsberg/Brandenburg, ist Diplom-Historikerin und Mitglied der Linken. Sie war Bundestags- und Landtags-Abgeordnete in Potsdam. Seit 2012 ist Enkelmann Vorstandsvorsitzende der Rosa-Luxemburg-Stiftung

Die Wende war nicht für alle Frauen ein Befreiungsmoment.

Nein.

Wir kennen doch aber die Bilder vom Mauerfall, der großen Euphorie und der erweiterten Konsumfreiheit.

Das war der erste Moment. Das ging vielleicht noch bis zur D-Mark oder einige Wochen weiter. Aber als dann die ersten Betriebe dicht gemacht haben und die Frauen die ersten waren, die rausgeflogen sind ... Ich meine, der Anteil von Frauenarbeitslosigkeit war in den ersten Jahren deutlich höher. Und dann kam sehr schnell die Antwort: „Du hast doch noch einen Mann zu Hause!“ Das war für uns völlig unvorstellbar. Was hat mein Mann damit zu tun, dass ich jetzt meine Arbeit verliere?

Dazu heißt es im Buch an einer anderen Stelle sinngemäß: Viele Ostfrauen empfanden es als Zumutung, dass sie von den Westfrauen dann noch über den Feminismus belehrt wurden.

Ja! Das hatte aber ein Für und Wider. Ich arbeitete an der Jugendhochschule und dort gab es auch West-Studierende. Die haben sich sehr gewundert über unseren Frauentag und wie wir ihn begingen. Da haben wir drüber nachgedacht, was Gleichstellung bedeutet und ob wir in der DDR tatsächlich so gleichgestellt sind. Oder ob es Entscheidungen in der DDR gibt, die ein bestimmtes Rollenverständnis verfestigen So was wie das Babyjahr oder den Hausarbeitstag, die es fast nur für Frauen gab. Da war was dran. Darüber haben wir uns schon in der DDR Gedanken gemacht, das war aber nur ein kleiner Teil. Die meisten Ostfrauen hätten einen ausgelacht, wenn man gesagt hätte, dass wir nicht richtig gleichberechtigt sind.

Dann kam die Wende und die West- trafen auf Ostfeministinnen. Da wird im Buch die Linken-Politikerin Simone Barrientos zitiert: „In der DDR war es so: Da wurde geflirtet. Da bekam man als Frau auch mal mitten auf der Straße ein Kompliment oder einen Strauß Blumen in die Hand oder wurde zum Kaffee eingeladen.“ Solche Gesten und Symbole, die heute als patriarchal kritisiert werden, schienen für Ostfeministinnen nebensächlich.

Damit komme ich nach wie vor nicht klar. Ich sage immer: „Ich bin keine Feministin.“ Ich finde es nett, wenn ein Mann mir die Tür aufhält oder mir in den Mantel hilft, ich finde das nicht diskriminierend. Es ist tatsächlich so, dass vor allem Westfeministinnen an solchen Symbolen festhalten und nicht wirklich darüber nachdenken, was in der Gesellschaft geändert werden muss. Wenn sie so was sagen wie: „Ich kann meine Tür alleine aufhalten“, hat das für mich wirklich nichts mit Gleichstellung zu tun. Da gibt es ganz andere Themen. Ich habe letztens eine Frau kennengelernt, die mit 40 das erste Kind gekriegt hat. Das eine mal fand sie sich zu jung, das andere Mal meinte sie, Studium und Kind gingen nicht. Da dachte ich mir: Natürlich geht das! Wenn die Bedingungen dafür da sind. Wenn man offen dafür ist, dass junge Frauen eben auch jung Kinder bekommen wollen.

Heute ist man eher geneigt, diese Bedingungen als unveränderlich hinzunehmen und sich Dingen zu widmen, an denen man leichter etwas verändern kann.

Und das ist mir zu wenig. Das ist auch interessant im Zusammenhang mit dem Buch. Zu den Veranstaltungen kommen nicht nur die älteren, die DDR-Frauen. Es sind auch viele jüngere dabei, die aber meist eine DDR-Sozialisation haben. Die sagen dann: „Manches hätte man bewahren sollen.“ Da kommt dann oft der Vorwurf, dass das nostalgisch sei. Das ist nicht nostalgisch, das geben im Übrigen die Bilder im Buch auch nicht her. Die zeigen auch, dass man Schlange stand, wenn es was Besonderes gab. Das wissen wir alle. Und natürlich sieht heute alles viel bunter aus. Aber trotzdem: Es war ein anderes Miteinander. Das solidarische Miteinander hat sich an Kleinigkeiten geäußert. Zum Beispiel: Wenn es in der Kaufhalle Schaumküsse gab. Da hat man einen ganzen Kasten geholt und die im Haus verteilt, an die Familien, die Kinder hatten. Das war selbstverständlich. Nun muss man das heute nicht mehr, weil es heute alles gibt. Aber dieses Füreinander da sein, das findet man heute so gut wie nicht mehr.

Info

Emanzipiert und stark: Frauen aus der DDR Dagmar Enkelmann Dirk Külow (Hrsg.), Eulenspiegel, 256 S., 19 €

06:00 11.06.2019

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