„Ich würde sie wählen“

Interview Die US-Bloggerin und Demokratin Alana May Johnson hat ein Foto-Fan-Archiv für Bundeskanzlerin Angela Merkel angelegt. Warum nur?

Merkel schneidet eine Torte an, Merkel streichelt einen Koala, Merkel, in ganz jungen Jahren, tanzt – dazwischen: Merkel und die Mächtigen dieser Welt. Unter dem Titel merkellooks hat die US-Bibliothekarin Alana May Johnson auf Instagram ein regelrechtes Panoptikum der Kanzlerin angelegt. Täglich füttert sie es mit neuen Bildern, die Klickzahlen steigen kontinuierlich. Wir wollten wissen, warum viele Amerikaner so fasziniert von der deutschen Regierungschefin sind – und was Hillary Clinton und Donald Trump damit zu tun haben.

der Freitag: Frau Johnson, wie sind Sie auf die Idee zu „merkellooks“ gekommen?

Alana May Johnson: Es fing mit Hillary Clinton an. Als ich neun war, kam Hillary in meine Heimatstadt, während des Wahlkampfs für Bill. Ich bin in Nordkalifornien aufgewachsen, in einem kleinstädtisch geprägten Teil des Central Valley – einer total konservativen Gegend. Es war ziemlich verrückt von den Clintons, dort überhaupt Wahlkampf zu machen. Ich war sofort fasziniert von den beiden. Aber mehr von ihr als von ihm. Als Hillary 2016 selbst kandidierte, wollte ich bei ihrer Kampagne mithelfen. Dann bekam ich im vergangenen Sommer das Guillain-Barré-Syndrom diagnostiziert. Das ist eine Krankheit, die einen im Prinzip lähmt. Ich habe mir über Monate das Laufen wieder beibringen müssen. In dieser Zeit war ich extrem frustriert, auch weil ich im Wahlkampf nicht mithelfen konnte. So kam ich zunächst auf hillarylooks: Ich sammelte Bilder von ihr, um Hillary zu vermenschlichen. Viele Leute hatten einfach eine so groteske Vorstellung von ihr.

Gilt das Ihrer Meinung nach auch für Angela Merkel?

Bei Merkel war es anders. Hillary wollte ich als Präsidentin gewählt sehen, bei Merkel hatte ich als US-Bürgerin kein spezielles Anliegen. Ich bin einfach fasziniert von Frauen in der Politik, in Machtpositionen. Angela Merkel ist eine komplexe und interessante Persönlichkeit. Ich hatte Lust auf etwas Neues, und als ich dann mit merkellooks anfing, bin ich schnell wieder in so einen Bildersuchstrudel gefallen. Mittlerweile habe ich etwa tausend Fotos von ihr.

Bundeskanzlerin Merkel mit US-Außenministerin Clinton 2009 in Berlin
Foto: Sean Gallup/Getty Images

Nach welchen Kriterien suchen Sie die Motive aus? Geht es um die Kleidung, die Frisur?

In vielen US-Medien, die über hillarylooks berichteten, wurde ich als Modebloggerin abgestempelt. Aber um Mode geht es nicht. Natürlich ist Kleidung ein Teil davon, wie man sich der Welt präsentiert. Für mich ist aber viel interessanter, wie Politikerinnen mit anderen Politikern auftreten, wie sie sich verhalten. Das ist spannender als: „Oh, was hat sie da an?“

Trotzdem wirkt es so, als könnten selbst die mächtigsten Frauen der Welt den kritischen Blicken auf ihr Aussehen und ihre Selbstdarstellung nicht entfliehen – während mächtige Männer oft nur zwischen verschiedenfarbigen Krawatten wechseln. Eine Galerie, die „trumplooks“ oder „justin-trudeau-looks“ heißt, wäre ziemlich langweilig, oder?

Ich weiß nicht, ob das langweilig wäre oder nicht. Tatsächlich finde ich Nicolas Sarkozy ziemlich witzig. Er ist jedenfalls eine Persönlichkeit. Ich würde mir generell wünschen, dass sich Männer interessanter kleiden würden.

Zur Person

Alana May Johnson lebt, arbeitet und bloggt in Los Angeles im US-Bundesstaat Kalifornien. Als Bibliothekarin ist die 33-Jährige auf Kinder- und Jugendliteratur spezialisiert. Das von ihr angelegte Angela-Merkel-Archiv findet sich online unter instagram.com/merkellooks

Eines der Bilder auf Ihrem Fotoblog zeigt Merkel mit einem jungen Mann, der Ähnlichkeiten mit ihrem jetzigen Ehemann hat. Beide stehen eingehakt und in Schlaghosen in einem Wald. Das Foto ist schwarzweiß, es könnte gut aus den 1970er oder 1980er Jahren stammen. Wo finden Sie solche raren Aufnahmen?

Nun ja, ich bin Bibliothekarin.Ich weiß, wie man recherchiert, auch wenn Google solche Motive nicht in seinen Suchergebnissen listet.

Das Bild hat mich an ein altes Foto von Hillary und Bill Clinton erinnert, das nun während der Präsidentschaftswahl wieder in Umlauf war: Es zeigt beide als Studenten. Bill hat üppiges Haar, einen Vollbart und trägt Bücher unter seinem Arm. Hillary hat eine dieser großen 1970er-Jahre-Sonnenbrillen auf und lächelt bis über beide Ohren.

Klar, das kenne ich.

Gerade mit solchen Aufnahmen funktioniert die „Vermenschlichung“ hervorragend. Als Betrachter denkt man: Diese Person war einmal eine normale Studentin, sie hat diesen Typen getroffen, sie haben sich verliebt, haben geheiratet ... Kürzlich präsentierten Sie ein Foto von Merkel und Hillary, wie sie sich sehr herzlich in den Armen halten.

Ich bin traurig, dass die beiden jetzt nicht zusammen arbeiten können. Ich habe mich wirklich darauf gefreut.

Finden Sie, dass Merkel und Clinton sich ähnlich sind?

Einer der interessantesten Aspekte an Merkel ist für mich, dass sie ihr Aussehen nicht verändern musste, als sie in die Politik kam. Ganz anders als Hillary. Das ist etwas, was Hillary ihr Leben lang begleitet hat: Sie gab sogar ihren Nachnamen Rodham auf, obwohl sie den bei der Heirat behalten wollte. Es musste all die Jahre so viel an Hillary umgestaltet werden, damit sie in das Bild passt, das die amerikanische Öffentlichkeit von ihr haben wollte. Merkel hingegen hat seit Ewigkeiten den gleichen Haarschnitt und trägt kaum Make-up. Wenn doch einmal, ist das für sie mehr wie eine Erfrischung.

Vor allem ist Merkel eine Christkonservative – politisch näher an den amerikanischen Republikanern als an den Demokraten

Das ist mir bewusst. Man kann sie aber nicht mit unseren Republikanern vergleichen, die sind viel konservativer. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie republikanisch gewählt! Und ich meine: Merkel ist nicht Marine Le Pen.

Sicher nicht.

Ich bin viel mehr fasziniert von der Macht, die sie innehat. Was die politischen Inhalte angeht, kommt sie mir wie eine bunte Mischung vor. Ich bin nicht immer völlig anderer Meinung als sie.

Als deutscher Journalist bin ich in den Staaten immer wieder Amerikanern begegnet, die politisch in Merkel verliebt zu sein scheinen. Die meisten davon sind Demokraten oder eher links. Aber auch Konservative mögen Merkel. Woher kommt diese positive Wahrnehmung?

Ich glaube, sie hält die Europäische Union zusammen. Das macht einen großen Teil von dem aus, was Amerikaner an ihr mögen, selbst wenn sie nicht in allen politischen Angelegenheiten mit Merkel übereinstimmen. Ich glaube, es geht mehr um das, was sie erreicht hat, als um den Fakt, dass sie eine Frau in einer männlich dominierten Sphäre ist.

In diesem Zusammenhang kursierte vor einigen Wochen ein ganz bestimmtes Merkel-Bild in den amerikanischen Print- und Onlinemedien: Es zeigt Angela Merkel am Tag von Donald Trumps Amtseinführung, wie sie ganz ruhig bei der Eröffnung eines Kunstmuseums ein Gemälde von Claude Monet begutachtet. Viele US-Medien kommentierten das sinngemäß so: Die mächtigste Frau der Welt lässt sich von einem Sexisten nicht einschüchtern, die Deutschen bleiben wie immer unbeeindruckt. Vor zehn Tagen haben sich die beiden ja erstmals persönlich getroffen …

Ja, und ich glaube, es war der deutsche Spiegel, der diese Schlagzeile dazu brachte: „Kann Merkel Trump zur Vernunft bringen?“ Es ist furchtbar. Ich erinnere mich noch an die Fotos von ihr und Trumps Vize, Mike Pence. Man kann darauf sehen, wie sie ihn gerade noch so toleriert und erträgt. Aber Trump und Merkel – um Himmels willen! Ich kann mir keine zwei unterschiedlicheren Menschen vorstellen. Es ist aktuell die Hölle hier in den USA, wirklich. Und ich dachte, die Bush-Regierung sei schlimm gewesen. Aber das hier, das ist jetzt apokalyptisch.

Glauben Sie, dass Angela Merkel bei ihrem Besuch Eindruck auf Trump gemacht hat?

Ich glaube, dass er ein Psychopath ist und dass niemand auf ihn Eindruck machen kann. Er trifft sich mit ausländischen Regierungschefs und hört sich nicht mal die Übersetzungen dessen an, was diese sagen, wie beim japanischen Premierminister Shinzō Abe. Das ist einfach lächerlich. Trump ist die inkompetenteste Person, die man sich vorstellen kann.

In Deutschland haben wir im September Bundestagswahlen. Wenn Sie teilnehmen könnten: Würden Sie für Merkel stimmen?

Ja.

Obwohl Sie in den USA die Demokraten wählen, und obwohl noch andere Parteien antreten?

Ja, ich weiß: Es gibt auch eine etwas linkere Partei in Deutschland. Aber ich mag sie eben. Ich glaube, ich würde sie wählen.

06:00 12.04.2017

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