Kinder an der Macht

Utopia Die Jugendrepublik „Gaudiopolis“ existierte von 1945 an sechs Jahre. Nun beleuchtet eine Ausstellung ihre kurze Geschichte

Durchschnittlich 52 Jahre alt ist das frisch aufgestellte, vierte Kabinett Merkel. Damit ist es jünger als das vorherige, aber älter als der Bevölkerungsdurchschnitt. Herbert Grönemeyer glaubte zu wissen: Wenn die ernsten „Alten“ das Land regieren, kann das nichts werden. „Die Welt gehört in Kinderhände“, sinnierte er 1986 und malte sich aus, wie eine von Minderjährigen bestimmte Weltpolitik aussehen könnte: kein Krieg, dafür Panzer aus Marzipan.

Und tatsächlich: Wer Kinder fragt, wie sie ihre Welt gestalten würden, wenn sie freie Hand hätten, erntet ähnliche Visionen. „Der Müll kommt in einen Trichter und unten kommt ein Hamburger raus“, steht als Antwort auf die Frage nach der Abfallentsorgung auf einem Plakat in der Galerie für zeitgenössische Kunst (gfzk) in Leipzig. Im Rahmen der Ausstellung Gaudiopolis suchen die Künstlerinnen und Künstler hier nach der „guten Gesellschaft“ – und lassen sich von einem Realversuch inspirieren. Gaudiopolis, die Stadt der Freude, ist nicht nur der Name der Ausstellung, sondern der einer sogenannten Kinderrepublik, die in der Nachkriegszeit wirklich existierte.

Diebstahl nur in Notlagen

In den Jahren 1945 bis 1951 versuchte der ungarische Pastor Gábor Sztehlo eine von Kindern selbst verwaltete Stadt aufzubauen. Viele Kinder, die durch den Krieg zu Halb- oder Vollwaisen geworden waren, suchten Schutz vor der herannahenden Roten Armee. Sztehlo ließ sie eine Villa besetzen. Später weitete sich das Projekt auf mehrere Gebäude aus, es entstand ein Kinderdorf. Seiner Philosophie folgend sollten die Kinder weitgehend selbstbestimmt leben, Politik machen, einen Präsidenten wählen und für die Einhaltung der Gesetze sorgen. An mehreren Orten Europas entstanden in der Zeit ähnliche Projekte, zum Beispiel das Pestalozzi-Kinderdorf im schweizerischen Trogen oder die italienische Repubblica dei Ragazzi“, die „Republik der Jungs“. In einer Zeit, in der so viele die Eltern an den Krieg verloren hatten, schienen selbstverwaltete Heim- und Internatsentwürfe eine angemessene Reaktion auf den Notstand zu sein.

Die Ausstellung vereint dokumentarisches Bild- und Videomaterial aus der kurzen Zeit der Kinderrepubliken und zeigt, dass es dabei um mehr ging, als einem Mangel an Personal entgegenzuwirken. Nach der Kriegskatastrophe war die gesellschaftliche Ordnung empfindlich gestört. Der Boden für gesellschaftliche Utopien war wieder fruchtbar. Sztehlo hatte eine universalistische Demokratie im Blick. Das stieß gleich zu Beginn auf Schwierigkeiten. Seine Gaudiopolis war auf Lebensmittelspenden angewiesen. Angebote verschiedener Kirchen lehnte die Republik ab, weil diese nur Mitglieder der eigenen Konfession unterstützen wollten. Der Mangel wurde so groß, dass sich die Kinder auf einen Verfassungszusatz einigten, der Diebstahl in Notlagen legitimierte. Schließlich half das Rote Kreuz unabhängig von Religion.

Gaudiopolis wurde 1951 von einer anderen utopischen Bestrebung eingeholt. Der stalinistische Diktator Mátyás Rákosi ordnete die Verstaatlichung der Kinderrepublik an und gliederte sie in das System der Sowjetrepubliken ein. Viele verließen daraufhin die Republik, Sztehlo setzte sich in die Schweiz ab. Später berichtete er über diese Zeit frustriert: „Auf Selbstverwaltung und Freigeist gründende Erziehung war dem Klima der Epoche gänzlich fremd.“

Inspiriert von dieser kurzen Episode der Nachkriegsgeschichte fragt die Leipziger Ausstellung nach dem „guten Leben“ und dem Erkenntnisgewinn aus der kindlichen Fantasie. Kinder werden in eine Welt hineingeboren, an deren Entstehung sie nicht beteiligt waren und von deren Weiterentwicklung sie lange ausgeschlossen sind. Die Kinderrepubliken waren bestrebt, ihnen demokratische Verantwortung zu übertragen, anstatt sie zu bevormunden. Es schien für eine Weile zu funktionieren.

Bedenken, dass das Experiment misslingen könnte, hatte Sztehlo kaum. Zu groß waren die Grauen des Krieges, als dass er den davon traumatisierten Kindern zutraute, selbst jene barbarischen Züge anzunehmen. Zeitzeugenberichten entsprechend soll er eines Tages „Macht jetzt Republik!“ zu der versammelten Kindermannschaft gerufen und die Tür hinter sich zugeschlagen haben. Republik, wie geht das? Von selbst kamen die Minderjährigen auf die Idee, sich eine Verfassung zu geben. Darin soll unter anderem gestanden haben, dass Krieg verboten ist. Die Kriegswaisen hatten andere Sorgen als die Verwandlung von Müll zu Fast-Food.

Theodor W. Adorno meinte in seinem berühmten Text Erziehung nach Auschwitz, die Menschen seien den neuerlichen Freizeiten der Demokratie „nicht gewachsen“ gewesen, weil sie „psychologisch“ nicht bereit waren, selbstbestimmt in einer solchen zu leben. Jahre nach dem Krieg bestand sein philosophisches Interesse insbesondere darin, zu ergründen, wie es zur Barbarei des Krieges und des Holocaust kommen konnte, wo sich die Menschheit doch für vernunftbegabt und zivilisiert hielt. Dass diese Schrecken sich nicht wiederholten, müsse der Grundauftrag der Erziehung sein. Dazu gehöre, Menschen fähig zu Kritik und Selbstkritik heranzuziehen.

Eine ganz ähnliche These wirft die Ausstellung in Leipzig auf. Dort heißt es, die Einführung des universellen Wahlrechts habe schlagartig viele Menschen am demokratischen Mitbestimmungsprozess beteiligt, die keine entsprechende demokratische Bildung erfahren hatten, was – übereinstimmend mit Adorno – den Aufstieg Hitlers begünstigt habe. Demokratische Bildungsmodelle wie das von Gábor Sztehlo wollten dieses Manko nach dem Krieg beseitigen und die Bildung revolutionieren, indem Kinder so früh wie möglich Verantwortung in einer quasi-demokratischen Subgesellschaft übernehmen mussten. Der „Versuch des guten Lebens“ sollte im Kleinen ausprobiert werden, unter Anleitung und Moderation, mit allen Episoden des Gelingens und des Scheiterns.

Der Erziehungswissenschaftler Johannes-Martin Kamp berichtet, in den Kinderrepubliken sei es hin und wieder zu selbstauferlegten oder von Erwachsenen angeleiteten Anarchie- oder Diktaturperioden gekommen. Schnell merkten die jungen Republikaner, dass diese „höchst unangenehm“ seien und stellten wieder Regeln auf. Vielleicht wäre in einer Demokratie allen geholfen, wenn solche Erfahrungen jeder einmal gemacht hätte.

Info

Gaudiopolis. Versuch einer guten Gesellschaft Galerie für zeitgenössische Kunst (gfzk), Leipzig, bis 1. Juli 2018

06:00 25.04.2018

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