Krimi mit offenem Ende

Sexismus in den Medien Der Fall Julian Reichelt zeichnet ein verstörendes Bild von männlichem Klüngel in der Branche. Leitet sein Rauswurf bei Springer das Ende der Macker-Ära ein?
Krimi mit offenem Ende
Das Ippen-Investigativteam brachte „Bild“-Chef Julian Reichelt gegen Widerstände des eigenen Verlags und mit Schützenhilfe der „New York Times“ zu Fall

Foto: Imago/Jörg Schüler

Hin und wieder ist die Realität filmreifer als ein Film. Wer die mehrteilige Amazon-Doku BILD.Macht.Deutschland? im vergangenen Jahr sah, bekam hier einen Einblick in die teils surrealen Zustände in einem von Deutschlands bekanntesten Medienhäusern: Wilde Redaktionskonferenzen, Kumpaneien mit hochrangigen Politiker*innen, viel Geschrei – und über allem stets der herrisch auftretende Chefredakteur Julian Reichelt. Nun ist klar: Dieser Film war echter, als man glauben mochte, und findet nun seine beschämende Fortsetzung als Krimi.

Schon im März diesen Jahres wackelte Reichelts Stuhl erheblich, nachdem ihm in einem Spiegel-Artikel unter anderem Machtmissbrauch und Drogenkonsum am Arbeitsplatz vorgeworfen wurde. Der 41-jährige soll seine Position für Beziehungen zu jungen Mitarbeiterinnen ausgenutzt haben. Reichelt wies die Vorwürfe zurück, dennoch leitete der Axel-Springer-Verlag ein Compliance-Verfahren ein und stellte Reichelt für zwei Wochen frei. Später räumte dieser Vermischungen von beruflichen und privaten Beziehungen ein. Damit waren die Vorwürfe zunächst vom Tisch.

Nun folgte das Nachbeben: Monatelang ging ein Investigativteam des Ippen-Verlages weiteren Vorwürfen gegenüber Julian Reichelt nach. Verleger Dirk Ippen selbst gehört eine der größten Zeitungsgruppen in Deutschland, zu der unter anderem der Münchner Merkur, die Frankfurter Rundschau und viele Regionalzeitungen gehören. Wenige Tage vor der geplanten Veröffentlichung verhinderte der Verleger höchtselbst die Herausgabe des Artikels. Vergangenen Sonntag, am 17. Oktober, berichtete dann die New York Times über die zuvor zurückgehaltenen Vorwürfe. Am Montag danach veröffentlichte der Spiegel Teile der zuvor unveröffentlichten Recherche, in Zusammenarbeit mit dem Ippen-Investigativteam.

Diese Entwicklung der Geschichte hat einen besonderen Beigeschmack, wie schon der Titel der NYT-Story – At Axel Springer, Politico’s New Owner, Allgeations of Sex, Lies and a Secret Payment – vermuten ließ. Erst im August wurde bekannt, dass der Axel-Springer-Verlag das US-amerikanische Medienunternehmen Politico für eine „Rekordsumme“ gekauft hatte.

Womöglich hat auch der Druck bei den amerikanischen Kolleg*innen dazu beigetragen, dass diesmal ernsthafte Konsquenzen für Julian Reichelt folgten. Springer-Vorstand Mathias Döpfner hatte am Montag Reichelt von sämtlichen Aufgaben „entbunden“, da er „Privates und Berufliches nicht klar getrennt“ und zudem dem Vorstand gegenüber gelogen habe. Prinzipiell neu sind die Vorwürfe nicht, nur konnte das Investigativteam, zu dem unter anderem Ex-Freitag-Redakteurin Juliane Löffler gehört, mit deutlich mehr belastenden Details aufwarten: So soll Julian Reichelt unter anderem Scheidungspapiere gefälscht haben, um eine Beziehung zu einer Frau weiterführen zu können, die für den Springer-Verlag arbeitet. Auch wurden Nachrichten von Verlagsvorstand Döpfner bekannt, in denen er Reichelt als „letzten und einzigen Journalisten in Deutschland, der noch mutig gegen den neuen DDR-Obrigkeitsstaat aufbegehrt“ bezeichnete.

Endet jetzt die Ära der Medien-Macker?

Wenngleich der Fall Reichelt in Verlauf und Brisanz seinesgleichen sucht, sind Vorfälle wie die eben geschilderten in Deutschlands Medienbranche alles andere als unüblich. Erst im Frühjahr 2021 schilderte das Medium Magazin im Nachgang zu den ersten Vorwürfen gegenüber Reichelt zahlreiche Fälle sexueller Belästigung und Machtmissbrauch von Männern gegenüber Frauen in der Medienbranche.

Üblicherweise bleiben diese Fälle folgenlos – diesmal nicht. Der spektakuläre Erfolg des Investigativteams hat aber auch eine bittere Note. Sollte sich herausstellen, dass die Freistellung Julian Reichelts tatsächlich vor dem Hintergrund des US-Deals von Springer erfolgte, geht davon für Betroffene eine verheerende Signalwirkung aus: Erst wenn wirtschaftliche Interessen eines Unternehmens bedroht sind, werden personelle Konsequenzen gezogen. Alle anderen dürfen weiter in einem Klima von Klüngelei, Machtmissbrauch, Druck und Angst arbeiten, bis sie mitmachen oder aufgeben. Und: Selbst nach langer und intensiver Recherche von belastbaren Informationen kann jederzeit ein mächtiger Verleger sein Veto einlegen, um in letzter Minute doch noch alles zu verhindern.

Bestärkt hat diesen Eindruck zudem das Verhalten von Springer-Mitarbeiter*innen unmittelbar nach der Bekanntgabe von Julian Reichelts de facto Entlassung. Noch am Montagabend verabschiedeten sich unter anderem der stellvertretende Bild-Chefredakteur Paul Ronzheimer und weitere Beschäftigte der Boulevardzeitung melodramatisch von ihrem Chef und dankten ihm für seine Leistungen. Auch namhafte Redakteur*innen der zu Springer gehörenden Welt-Gruppe stimmten in diesen Chor mit ein. Wer zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, aus welchen Gründen Julian Reichelt entlassen wurde, der wusste es auch danach nicht: kein Wort zu den Vorwürfen, keinerlei Bestrebungen, die Perspektive der Betroffenen einzunehmen. Die Botschaft ist deutlich: Wir halten zusammen, und wer uns angreift, existiert für uns nicht.

Auch Mathias Döpfners Äußerungen dürften ein Nachspiel zur Folge haben. Das Medienmagazin DWDL mutmaßte, dessen brisante Aussagen über die Bundesrepublik wären der eigentliche Anlass für die Veröffentlichung der Geschichte in der New York Times gewesen. Dieser Medienkrimi ist noch nicht zu Ende erzählt.

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15:31 19.10.2021

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