„Nicht zur Erholung“

Interview Stefan Schwarz hat einen Hass auf Zucchini und glaubt, dass man den Pflanzen zuhören kann. Ein Spaziergang

Ein Interviewtermin am Feiertag bereite ihm keine Umstände, sagt Stefan Schwarz. Seine Familie würde es ohnehin begrüßen, wenn er, der Schriftsteller, auch mal nicht zu Hause säße. Es ist einer der ersten warmen Tage im Jahr, Schwarz schlendert gemütlich durch einige große Kleingartenkolonien im Leipziger Norden. Auch andere Gartenfreunde ruhen nicht. Einer spricht den Autor mit dem Titel seines neuen Buches an: „Ah, der Gartenversager, hallo!“ Schnell wird klar, dass der Gartenfreund das Buch noch nicht gelesen hat. Sonst hätte er Stefan Schwarz nicht im selben Atemzug seine Zucchinis angeboten. Denen widmet der 1965 in Potsdam geborene Autor und Journalist ein ganzes Kapitel: „Zehn Seiten nur Zucchini-Hass“, wie er es nennt.

Schwarz’ humorvolles Büchlein handelt vom erbaulichen Scheitern und von einem Generationenkonflikt. Im Gespräch erklärt er, warum er optimistisch ist, dass auch Sudanesen sich im deutschen Kleingartenmilieu wohl fühlen können, warum Gärtner manchmal kleine Nazis sein müssen und warum die Politik bei der Wiedervereinigung zurecht Angst vor den Kleingärtnern hatte.

der Freitag: Herr Schwarz, ist Leipzig nicht so eine Art Geburtsstadt des Kleingartens?

Stefan Schwarz: Ja, den Namen hat er von diesem etwas bedenklichen Herrn Schreber, ein Leipziger Orthopäde.

Warum Leipzig?

Leipzig war das Zentrum der Lebensreform-Bewegung. Daraus sind die Kleingärten entstanden. Das waren Arbeiterkulturen. Die hatten nicht so viel Grips für einen philosophischen Überbau wie Jugendstil. Aber dass man ein paar Kartoffeln anbauen und damit auch sein Einkommen aufbessern kann, das war denen sofort ersichtlich.

Wen zieht es heute in die Kleingärten?

Es gibt drei Generationen in den Kleingartenkolonien mittlerweile. Da sind die Jungen, die Platz für die Kinder brauchen. Dann meine Generation, die so ein bisschen inbetween ist, die nicht alles richtig macht, aber auch nicht alles falsch. Und dann gibt es natürlich die Alten, die so alte Nummern gelernt haben, etwa dass zwischen allen Pflanzen eine Hand breit Platz sein muss.

Sie schreiben, dass die Kleingärtner ein spezielles Soziotop seien. Im Buch heißt es: „Ein Kleingartenverein ist wie eine Hippiekommune aus preußischen Offizieren.“

Klar, die Bäume müssen beschnitten werden. Ich bin ja ein Gartenforensiker. Man kann immer sehen, wo lange nichts passiert ist. Manchmal ist vielleicht ein Partner krank und muss gepflegt werden, und dann hat man keine Zeit mehr. Dann kann man sehen, wie der Garten seine Form verliert.

Schwarz lehnt sich jetzt über einen der Zäune, um eine Kostprobe seiner Gartenforensik zu geben. Er zeigt auf eine Sparte mit spärlicher Bepflanzung.

Was stimmt hier nicht?

Das hier geht glaube ich nicht, laut Bundeskleingartengesetz. Die haben zwar einen Kirschbaum, aber sonst nur Rasen. Das Schöne ist aber, dass die Vereine immer mit den Zähnen fletschen, dann aber doch nur wie Haushunde sind. Die knurren und kläffen, aber ich hab noch nicht erlebt, dass mal jemand rausgeschmissen wurde. Zu DDR-Zeiten gab’s das. Da kam die Spritzkolonne. Pflanzengift gab es nicht. Da kam ein Wagen von der VEB Agrochemie mit einer Tonne hinten drauf. Und dann wurden alle Bäume gegen Ungeziefer gespritzt. Und wer da nicht mitmachte, flog aus dem Verein.

Gibt es denn noch Vorschriften wie zu DDR-Zeiten, wo die Kleingärtner einen Teil ihres Ertrags abgeben mussten?

Ja, die gibt es. Ich weiß es nicht genau, aber ich glaube man soll zu zwei Dritteln Obst und Gemüse anbauen. Das hat damit zu tun, dass der Kleingarten sonst ein Erholungsgrundstück wäre, und der Kleingarten ist nicht zur Erholung da. Ein Kleingarten ist, wie Schreber das plante, für die Betätigung an der frischen Luft da. Man muss sich vorstellen: Um die Jahrhundertwende stand in Leipzig quasi in jedem Hinterhof ein Schornstein. Und die Lungen waren wahrscheinlich auch schwarz. Da hat Schreber vermutlich nicht ganz zu Unrecht gesagt: Lasst uns doch hier, wo wir Platz haben, Parzellen machen, und dann sitzen die Leute nicht in ihren Kellerwohnungen. Dann können die ein bisschen Sonne und Luft tanken und stehen dem kapitalistischen Verwertungsbetrieb wieder zur Verfügung.

Sind das Hyazinthen?

Hyazinthen sind furchtbares Unkraut! Dann hier noch Butterblumen und Euphorbien. Das sind alles Unkräuter, die zwar schön aussehen, aber im nächsten Jahr hat man davon das Doppelte. Ich würde sagen, das hier ist von jüngeren Leuten übernommen worden. Und dann haben sie gemerkt: „Oh, scheiße, das ist doch Arbeit.“ Der Baum hier ist unbeschnitten, ich würde sagen im zweiten oder dritten Jahr. Da steht noch der Roller vom Kleinen. Das ist der Klassiker: Man freut sich über den großen Garten mit 500 Quadratmetern, für das Kind. Aber eigentlich muss man den inneren Nazi in sich erwecken. Es ist der Kampf Mensch gegen Pflanze: Du hast hier nicht zu wachsen, wenn ich das nicht will.

Zur Person

Stefan Schwarz, geboren 1965, lebt mit Frau und Kindern in Leipzig und schreibt für Das Magazin. Sein Buch Der kleine Gartenversager: Vom Glück und Scheitern im Grünen ist bei Aufbau erschienen

Wie lang hat es gedauert, bis Sie mit ihrem Garten zufrieden waren?

Ich bin noch immer nicht so weit. Ich hatte den Garten zusammen mit meiner Frau vor 18 Jahren angefangen, als sie schwanger war. Dann kriegten wir so ein partnerschaftliches Problem: Ich wollte das, sie wollte dies.

Sie schreiben: „Die Ehe und der Kleingarten haben viel gemeinsam. Erstens weiß man vorher nicht, worauf man sich einlässt, zweitens werden beide umso besser, je mehr Arbeit man in sie hineinsteckt.“

Das Problem sind die handwerklichen Fähigkeiten, die man nicht hat. Man denkt immer, beim Kleingarten geht’s um Beete. Es geht gar nicht um Beete. Es geht um Zäune, um Laubendächer, um verrottete Türen, die ersetzt werden müssen. Das sind Originalanfertigungen. Da kann man nicht in den Baumarkt gehen. Da muss man eine Tür bauen, mit Zargen und der ganzen Schließtechnik. Da kommt man relativ schnell und oft an seine Grenzen. Oder so ein Laubendach. Das ist alles keine Raketenwissenschaft, aber es sind doch mehrstufige Vorgänge.

Schwarz deutet auf eine gemauerte Gartenlaube. Im Buch nennt er sie „ÜGL“ (Übergroße Gartenlauben). Diese zu bauen, wäre heute nicht mehr legal, da Kleingärten kein Bauland sind. Die in DDR-Zeiten gefertigten, mitunter sogar zweistöckigen Häuschen genossen aber über die Wiedervereinigung hinaus Bestandsschutz.

Hier hat jemand richtig saniert. Es sind sogar neue Fenster verbaut.

Das ist unglaublich. Institute wurden zurückgebaut, Fabriken wurden abgerissen, ganze Braunkohlestandorte wurden niedergemacht. Aber die mit zusammengeklauten VEB-Stein gemörtelte Übergroße Gartenlaube durfte bleiben. Weil sie eine riesige Angst vor den Kleingärtnern hatten.

Hat man die vielleicht nicht einfach als irrelevant erachtet?

Nein, man hat schon Respekt gehabt vor der Kraft, die in diesen Vereinen steckt. Man hat sogar den VKSK, den Verband der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter, aufgelöst und zur verfassungsfeindlichen Organisation erklärt. Das ist eine Schizophrenie. Man sagte den Gartenfreunden: Ihr könnt eure Lauben behalten, aber wir nehmen euch das Instrument, euch gesamtdeutsch zu organisieren.

Damit es nicht zum Kleingärtneraufstand kam?

Genau. Wenn man in Bayern Staatsbeamter werden will, wird man heute noch gefragt, ob man in der SED – klar – oder im VKSK war.

Glauben Sie daran, dass es Leute gibt, die einen grünen Daumen haben?

Es gibt Leute, die wirklich Pflanzen hören können. Die wie eine gute Mutter die Bedürfnisse ihres Kindes erspüren. Ich hab das mühsam lernen müssen. Ich hab meine Zwiebeln immer in ein Loch in der Erde gesetzt, bis mir dann mal eine alte Aussiedlerin riet, den Boden festzustampfen. Das ist auch das Schöne, dass man in so ein Netz der kulturellen Überlieferung von Gartentechniken eingebunden ist. Ich finde es doof, wenn man das denunziert. Wenn türkische Familien in Berlin in den öffentlichen Parks grillen, dann ist das deren Kultur. Und das hier ist eben so eine Kultur, bei der man seine Parzelle hat. Da kann man ein bisschen machen, was man will, aber eben nicht alles. Und so ist der Deutsche, glaube ich. Ordnungsverliebt und anarchisch zugleich. Und es gibt ja mittlerweile auch internationales Gartenpublikum.

Darüber haben Sie ein ganzes Kapitel geschrieben. Da erzählen Sie etwa von einem zugereisten Gartenfreund, der meinte, im Juli sei noch nicht die richtige Temperatur für den Garten.

Na, wenn er aus dem Sudan kommt? Da fühlt man sich bei so 40 Grad wohl. Und das erreicht Deutschland nicht immer. Aber das ist eigentlich total nett, weil die Alten mit sich kämpfen. Die wollen nicht scheiße sein, die wollen keine Nazis sein, aber die wollen ihre Kultur eben auch nicht aufgeben. Die ringen mit sich, wie sie jetzt den afrikanischen Gartenfreunden irgendwie beibringen können, dass das so wird, wie sie es sich vorgestellt hatten. Das wird nicht klappen. Aber so funktioniert ja Kultur. Es geht nicht um Verdrängung und Auslöschung, es geht ums Zusammenwachsen. Die zweite oder dritte Generation von Deutsch-Sudanesen wird ihren Kleingarten wahrscheinlich anders machen. Vielleicht werden auch die Alten lässiger, man weiß es nicht.

So schön grün hier

Dieser Text ist Teil einer fünfteiligen Serie des Freitag zum Thema Garten. In Deutschland allein gibt es eine Million Gärten. In Zeiten von Artensterben und Klimaschutz werden sie zur heimlichen Macht

06:00 23.06.2019
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