Konstantin Nowotny
Ausgabe 0416 | 10.02.2016 | 06:00 2

Vom Homo oeconomicus lernen

Bildung Schon lange kämpft die deutsche Unternehmerlobby für ein eigenes Schulfach Wirtschaft. In Baden-Württemberg bekommt sie es nun

Vom Homo oeconomicus lernen

Klassenziel: klüger konsumieren

Foto: Andrew Burton/Getty Images

Rezession, Massenentlassungen, Zwangsräumungen – vielleicht hätte es all das in Spanien nicht gegeben, wäre Schülern dort ein anständiger Wirtschaftsunterricht zuteilgeworden. Das legt jedenfalls eine Broschüre der Dieter-von-Holtzbrinck-Stiftung nahe, die für ein eigenständiges Schulfach Wirtschaft an den allgemeinbildenden Schulen Deutschlands wirbt. „War die Bevölkerung richtig auf die Krise vorbereitet?“, fragt darin die OECD-Bildungsdirektorin Barbara Ischinger. „War zum Beispiel die spanische Bevölkerung dementsprechend genug instruiert? Dort haben sich ja unzählige Bürger mit hohem Risiko verschuldet und konnten ihre Kredite plötzlich nicht mehr bedienen.“

Folgt man dieser Logik, dann sind die Heranwachsenden in Baden-Württemberg vor solchen Gefahren bald gefeit. Zum Start des nächsten Schuljahres soll es dort in Real-, Haupt- und Gemeinschaftsschulen ab der siebten und in Gymnasien ab der achten Klasse das Fach „Wirtschaft/Berufs- und Studienorientierung“ geben. In zehn Schulen wird es bereits erprobt. Und die Stiftung des Handelsblatt-, Zeit- und Tagesspiegel-Verlegers Dieter von Holtzbrinck mit Sitz in Stuttgart kann in besagter Broschüre gar nicht oft genug betonen, wie fruchtbar ihr Dialog mit der für die Konzeption des Faches zuständigen Kommission gewesen sei. In Baden-Württemberg ensteht etwas, wofür die Stiftung unter anderem mit Vertretern der Unternehmen Bosch, Trumpf und Klett seit 2012 kämpft: ein Fach, das etwas gegen den mutmaßlichen Mangel an ökonomischer Bildung unter Jugendlichen ausrichtet.

Jenen Mangel würden Studien ja immer wieder beweisen, heißt es. Konkret benannt wird keine. Nach der Jugendstudie 2015 des Bundesverbands deutscher Banken unter 651 Jugendlichen zwischen 14 und 24 Jahren haben 61 Prozent gute oder sehr gute ökonomische Kenntnisse. Die US-Ratingagentur Standard & Poor‘s kommt in einem Ländervergleich zm Schluss, Deutschland zähle zu den zehn Ländern mit dem größten Finanzwissen.

Wem nützt das?

Das könnte daran liegen, dass Wirtschaft bereits jetzt eine große Rolle an Schulen spielt, in den Fächern Gemeinschaftskunde und Geografie etwa oder als Wahlpflichtfach. Hinzu kommen Firmenpraktika, Praxisprojekte wie Börsenspiele, Bewerbungstrainings oder Unterrichtsbesuche von Wirtschaftsvertretern. „Hochgerechnet entsprechen diese zusätzlichen Aktivitäten etwa einem zweistündigen Schulfach über zwei Jahre“, schreibt der Bielefelder Didaktiker und Wirtschaftssoziologe Reinhold Hedtke in der Süddeutschen Zeitung. Das sei viermal so viel wie das Pensum an Politik, das Bayern seinen Gymnasiasten bis zur 10. Klasse zugestehe.

Für Hedtke, Mitglied der Initiative für eine bessere ökonomische Bildung, kommen die Forderungen nach einem Separatfach Wirtschaft Versuchen von Unternehmensverbänden, Denkfabriken und Stiftungen gleich, ihren Einfluss auf Schulen zu vergrößern. Die zentrale Frage laute nicht „Wer weiß was über Wirtschaft?“, sondern: „Wem nützt welches ökonomische Wissen?“

Im Holtzbrinck-Stiftungspapier ist von „kundigen Konsumenten und Wählern“, „mündigen Arbeitnehmern und Selbstständigen“ die Rede. Und dem Lehrplan für Baden-Württemberg nach sollen sich die Schüler vor allem als „Verbraucher auf dem Konsumgütermarkt“ wahrnehmen. Dies erinnert an die Gestalt der Wirtschaftslehre an den Universitäten heute, die kritische Studierende und Lehrende etwa im Netzwerk Plurale Ökonomik kritisieren: Das neoklassische Dogma vom effizienten Markt und seinen rein rational, im Sinne des eigenen Vorteils agierenden Teilnehmern werde weniger als das gelehrt, was es ist – eine Theorie, zu der es Alternativen gibt. Sondern als natürliche Ordnung, die so immanent logisch ist, dass sie keinen Widerspruch duldet. Reinhold Hedtkes Bielefelder Kollegin, die Soziologieprofessorin Bettina Zurstrassen, hat gerade erfahren, wie sehr die Anhänger des neoklassischen Dogmas dieses zu verteidigen bereit sind: 2015 gab sie im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) ein Ökonomielehrbuch heraus, das sowohl neoklassische als auch andere, gesellschaftlich fundierte Theorien von Wirtschaftssystemen besprach. Nach der Veröffentlichung erwirkte die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände beim für die BpB zuständigen Bundesinnenministerium ein Vertriebsverbot, Begründung: Das Buch sei nicht neutral. Nach Protesten von Wissenschaftlern und Zivilgesellschaft darf die BpB das Buch nun wieder vertreiben – allerdings mit einer Art Warnhinweis, dass es nicht das gesamte Spektrum an Ansichten darstelle.

Zurstrassen betrachtet nicht nur wegen dieser Kontroverse die Bestrebungen an Universitäten und Schulen mit Sorge: „Das Verhaltensmodell des Homo oeconomicus wird als Verhaltensnorm definiert. Wissenschaftlich fällt diese didaktische Konzeption deutlich hinter den Forschungs- und Diskussionsstand der Wirtschaftswissenschaften zurück.“

Vergeblicher Protest

Deswegen plädiert die Soziologin gegen ein Separatfach Wirtschaft und für einen ganzheitlichen Ansatz, Schülern Wirtschaft näherzubringen. Einen, in dem gesellschaftliche und politische Aspekte berücksichtigt werden, so wie es jetzt bereits an vielen Schulen geschieht.

In Baden-Württemberg haben Eltern, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, der Philologenverband und die Deutsche Vereinigung für Politische Bildung gegen die Einführung des Wirtschaftsfachs protestiert. Vergeblich. Drei Wochenstunden stehen künftig an Gymnasien auf dem Plan, fünf Stunden an Gemeinschafts- und Realschulen. Immerhin sollen Rational-Choice-Ansätze durch Modelle ergänzt werden, die die Orientierung von Menschen und Organisationen an sozialen Normen, Gewohnheiten, moralischen Präferenzen und Intuition thematisieren. Die Schüler lernen den Homo oeconomicus also als Zeitgenossen kennen, der nicht ganz so einfach gestrickt ist. Zu mündigen Kritikern statt bloß zu kundigen Konsumenten macht das noch lange nicht.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 04/16.

Kommentare (2)

CS Spuhr 10.02.2016 | 23:34

Aha! Nun verstehen wir auch, warum sich Arbeitgeberverbände so sehr gegen ein mögliches Schul- oder Unterrichtsbuch der BPB aufgelehnt hat.

http://www.spiegel.de/schulspiegel/lobby-und-schule-arbeitgeberverband-stoppt-wirtschaftsbuch-a-1059654.html

Vielleicht ist Wirtschaft ja kein so schlechtes Fach, mit den richtigen Büchern und Lehrern, und der BPB im Rücken...

Es ist übrigens doch wieder bestellbar: http://www.bpb.de/shop/lernen/themen-und-materialien/200345/oekonomie-und-gesellschaft?rl=0.6048477086909393

549rosen 21.02.2016 | 14:29

Wie, die Schule jetzt auch noch?

Für mich ist Homo oeco ein vorteilsrationales "menschliches" Monster, eine 'Rechenmaschine auf angeblich zwei Beinen.
Er ist das glatte Gegenteil des Humanismus, Solidarität und Empathie. Pegida lässt grüßen!!

Und jetzt noch in die Schule? 'Was eh schon in der Massenpresse wie eine Gehirnwäsche betreiben wird und von vielen freiwillig übernommen wurde?
Da fängt die 'Gleichschaltung (verordnete Hegemonie) ja schon in der Schule an, um für den Kapitalismus und das eigene Schicksal "mehr Verständnis" aufzubringen? Naja, und auch für
Schuldenbremse, mit ihrer Umverteilung von unten nach oben. Denn wo wird dann gespart??? Richtig, bei Kapitaleinkommen und den Einkommen aus Unternehmertätigkeit,
die in den letzten 15 Jahren geradezu explodiert sind, mit parallel zunehmender öffentlicher Armut. Nur hat's keiner so richtige bemerken wollen. Oder wie -?

Das Projekt führt, positiv gesehen vielleicht dazu, dass die Schüler ihre Eltern besser verstehen, denn die haben den Homo oeco schon lange als Verhaltensmuster oder Selbstkonzept in ihrem Köpfen. Sie meinen, dass wenn sie
diese von außen auf sie herangetragenen Erwartungen (als Homo oeco zu denken und zu handeln) übernehmen, dann wäre
dies auch ihr eigentliches 'Selbst. Dabei haben sie nur ihr eigenes inneres Selbst, oder die Reste davon, gegen ein äußeres Selbst ausgetauscht.(Wendehälse)
In der Psychologie nennt man selbst schädigendes Verhalten, glaube ich.


"Auch von Wirtschaftswissenschaftlern durchgeführte Kooperationsspiele mit Erwachsenen widersprechen zunächst dem ihrer Disziplin zugrunde liegenden Menschenbild des Homo oeconomicus, welcher stets auf den eigenen Vorteil bedacht ist; stattdessen zeugen sie von der Neigung, sich fair zu verhalten – allerdings nur solange, bis der erste Egoist auftritt (vgl. Precht 2010: 394f)3. Dabei ist es keine Überraschung, dass beim Vergleich mit anderen Studierenden die Studierenden der Wirtschaftswissenschaften die ersten sind, die in solchen Spielsituationen die Kooperation aufgeben und unkooperative Strategien beginnen: Der Homo oeconomicus ist das, was sie tagtäglich lernen."
Aus: Friederike Habermann – Wir werden nicht als Egoisten geboren.