Von Peter Tosh bis Afroman: Cannabis und die Legalisierungsbewegung im Pop

Musik Seit Peter Tosh „Legalize It“ forderte, hat die Cannabis-Legalisierungsbewegung nicht nur musikalisch eine erstaunliche Karriere hingelegt
Peter Tosh wusste es schon in den 80er-Jahren: Legalize it, don't criticize it
Peter Tosh wusste es schon in den 80er-Jahren: Legalize it, don't criticize it

Foto: Ronald Grant/IMAGO

Peter Tosh hatte recht. 1978 sagte der jamaikanische Reggae-Musiker dem Musikmagazin NME, dass Cannabis eines Tages „wie Zigaretten“ geraucht werden würde. Das muss damals für viele verrückt geklungen haben, schließlich wurde Toshs Song Legalize It drei Jahre zuvor sogar in seiner Heimat Jamaika verboten. In Deutschland wurde das Lied 1980 als „jugendgefährdend“ indiziert, erst 2005 strich man es vom Index. Und heute? 2022 gehört die Legalisierung erstmalig zu den ausdrücklichen Zielen einer Regierungskoalition in Berlin.

Und heute? Im Jahr 2022 ist der Cannabisbesitz in vielen Ländern legalisiert, in Deutschland aber noch immer strafbar. Eine Legalisierung gehört allerdings erstmalig zu den ausdrücklich erklärten Zielen einer Regierungskoalition. Finanzminister Lindner twitterte jüngst, dass er öfters danach gefragt werde, wann es denn so weit sei. Seine Antwort: „Ich würde sagen: Bald.“ Das kann im Zeithorizont eines Ministers zwar immer noch alles mögliche bedeuten, aber wer weiß: Vielleicht raucht die Republik das Kraut schon diesen oder nächsten Sommer „wie Zigaretten“.

Die Entkriminalisierungsbewegung entsprang dem Reggae-Genre, genauer: einer transformierten Rastafari-Kultur. Über Jahrzehnte hinweg hat sie große Teile ihrer politischen Ziele erreicht. Vormals positionierten sich vor allem Rapper wie Snoop Dogg pro Gras, heute sprechen sich auch Musiker*innen wie Miley Cyrus für eine Entkriminalisierung aus.

Der Wind dreht sich: Der kalifornische Rapper Afroman, dem 2001 mit Because I Got High ein One-Hit-Wonder gelang, verpasste 2014 seinem Song einen „Positive Remix“. Hatte das Original einst noch augenzwinkernd deprimierende Zeilen wie „Ich wollte zur Arbeit, aber dann wurde ich high. […] Jetzt verkaufe ich Dope, und ich weiß, warum“, lässt die optimistische Überarbeitung ab von Zweifeln: „Ich hatte Probleme mit einem Glaukom, aber dann wurde ich high. […] Das Glaukom wird besser, und ich weiß, warum.“

Reggae mag nicht mehr die subkulturelle Rolle spielen, die das Genre einst hatte, aber der Ruf nach legalisiertem Cannabis ist weiterhin laut, vor allem im Rap. Was einst mutig war, das Bekenntnis zum Konsum, gehört mittlerweile quasi zum guten Ton. Einen aus dieser Masse hervorstechenden Track gelang im April dieses Jahres einem Mannheimer Rapper mit dem Pseudonym GReeeN: Er konnte den bekannten deutschen Jugendrichter Andreas Müller für ein Feature gewinnen:

Ihr müsst jetzt mal was tun, die Richtung, die ist klar“, singt GReeeN da über einem sanften Reggae-Beat, und der Jurist ergänzt holprig, aber authentisch: „Kiffen ist nicht kriminell, kiffen ist normal.“ Müller setzt sich seit vielen Jahren für eine Entkriminalisierung von Cannabis ein, bezweifelt den Vorwurf, das Kraut sei eine sogenannte Einstiegsdroge und stellt öffentlichkeitswirksam die Widersprüche zwischen dem Cannabis-Verbot und der laxen Alkoholpolitik in Deutschland heraus. GReeeN sekundiert: „Sie gehen zu ihrem Drogendealer namens Barkeeper, liebe Staatsdiener, ich mag nun mal Gras lieber.“ Standesgemäß erschien die Kollaboration am 20. April, dem 420-Day, einer Art inoffiziellem Kiffer-Aktionstag.

Ein Richter und ein Rapper: Die Geschichte der Cannabis-Legalisierungsbewegung beeindruckt. Vor allem Linke sollten sie sich genau vor Augen führen. Die Forderung war einst regelrecht aberwitzig, vor allem in den USA der 80er-Jahre. Aber sie wuchs aus der Subkultur, hinein in den kulturellen und politischen Mainstream. Und nun könnte sogar im sonst fortschrittsresistenten Deutschland Peter Toshs Forderung aus den 70er-Jahren demnächst Realität werden.

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