„Macht manchmal Angst: Die Natur"

Herrndorf Herrndorfs letzter, unvollendeter Roman legt seinen romantischen Schleier auf den Lesenden und sie beginnen zu träumen von Wanderungen, Abenteuern und vergangenen Zeiten.
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„Macht manchmal Angst: Die Natur"

Wolfgang Herrndorf beweist mit diesem letzten und “unvollendeten” Roman “BILDER deiner großen LIEBE”, der seit fast drei Monaten auf dem Markt ist, dass junge Sprache perfekt alte Themen aufnehmen kann. Er muss diesen Roman, den er unvollendet erst nicht mal veröffentlichen wollte, und der bis kurz vor seinem Tod den Arbeitstitel “Isa” trug, welcher auch der Name der Hauptperson ist, bis zuletzt in größter Hast und teils delierienartig geschrieben haben. So hat er sich wohl mit der Verrückten 14 jährigen identifizieren können. 2010 erfuhr er von seinem Hirntumor, der ihn drei Jahre später in den Freitod trieb, aber dessen Prognose ihn wohl in größte Arbeits- und Schreibgewalten stürzte. Bis zuletzt schrieb er bis zu fünf Stunden am Tag an verschiedenen Projekten, die zum Teil unvollendet nicht veröffentlicht werden sollen.

Goldene Worte erinnern einen an die Wanderschaften vom Eichendorfs Taugenichts, oder Hesses Goldmund, doch die Sprache zeugt von einer freien Moderne. Kurze Sätze, junge Worte, junge Gedanken, aber hundert Jahre alten Gefühle.

Auf dem Cover sieht man den vom studierten Maler Herrndorf eigens gemalten Landweg in der Nachmittagssonne, der ungerahmt über seinem Schreibtisch hing und auf dem er womöglich Isa selbst wandern wähnte. Darunter hing der Schriftzug “Macht einem manchmal Angst: die Natur”. Isadas 14jährige Mädchen, welches aus der Psychiatrie flieht und auf Feldern schläft, in einen Supermarkt einbricht, mit einem Taubstummen spricht und vor allem keine Angst hat, wirkt auf jeden Fall älter. Das verrücke Wuschelmädchen, was alleine reist, hat etwas Pipi Langstrumpfhaftes an sich, wie stark und unerschrocken sie mit Männern redet, die sie zum Beispiel sexuell als Vorlage benutzen, oder mit Bankräubern, auf deren Boot sie mitfährt. Hin und wieder erzählt sie von der Zeit, bevor sie in der Psychiatrie war. Aber die Erzählungen widersprechen sich auch. Auf der einen Seite wurde der Vater von einem Meteoriten erschlagen, auf einer anderen nimmt er sich nicht genug Zeit für sie. Ist sie die verrückte, die uns im unklaren lässt, oder war der Autor zu den Teilen schon in einem soweit fortgeschrittenen Stadium, dass, er es nicht mehr merkte?

Öfter hört und liest man, es sei eine Art Fortsetzung von dem vorigen Roman “Tschick", was jedoch nicht stimmt. Huckleberry Finn ist ja auch kein Fortsetzungsroman von Tom Sawyer, sondern eine völlig eigene Geschichte, in der sich nur die Hauptprotagonisten kennen. Bei James Joyce erlebt man das doch andauernd.

Der Roman mag unvollendet sein, aber das Ende könnte ich mich mir nicht passender vorstellen. Mit der Waffe, die sie Tage vorher von einem toten Förster im Wald genommen hat und mit der Idee an den Selbstmord für den der Autor sich entschieden hatte. Sie schaut in den Lauf, schießt in den Himmel und fängt die Kugel, ohne sich zu bewegen mit dem Lauf wieder auf.

Aus einer wilden popliterarischen Welt mit seinem 2002 veröffentlichten Debütroman „In Plüschgewittern“, in dem ein heimatloser Freigeist durch Berlin Mitte stromert, hat sich der Autor zu einem Romantiker entwickelt, dessen Freiheit, Eloquenz und doch auch Fleiß sich durch seine eher malerischen, als durch literaturstdiert- und formverkasteten Formulierungen, wie es heute oft gelesen und gelehrt wird, auszeichnet.


wunderschön.

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Geschrieben von

Anton Humpe

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