Lara Louu
16.08.2015 | 12:50 7

Endstation Globalisierung?

Südafrika. Der ungerechte Weltmarkt lässt den ärmsten Ländern der Welt keine Chance auf Wohlstand. Und Europa profitiert von der ungeheuren Armut in Afrika. Noch heute

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Lara Louu

Endstation Globalisierung?

Foto: Matt-80 / Wikimedia Commons (CC)

Zehn Mal 87 Millionen – also fast das zehnfache der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland. 870 Millionen Menschen leben weltweit – vor allem südlich der Sahara und in Südasien - in absoluter Armut. Sie müssen mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen und können sich nur ungenügend mit überlebenswichtigen Dingen versorgen.

Laut den Vereinten Nationen (UN) leben 98 Prozent dieser Menschen in Entwicklungsländern. Dazu zählen Regionen in Lateinamerika, der Karibik, Nahost/Nordafrika, Südasien, Ost-und Südostasien, dem Südpazifik, Kaukasien, Zentralasien und Subsahara- Afrika. Die Länder der letzten Region, die von den UN als LDC („Least-developed-countries“) - Ländergruppe bezeichnet wird, sind dabei am schlimmsten von Armut und Elend betroffen.

Diese „Vierte Welt“ ist allerdings keine autonome Armutsinsel, wie man es sich als zufriedener und satter West-Europäer gerne vorstellt. „Die sind ja selbst Schuld“, heißt es und „die sollen sich halt mal anstrengen und arbeiten gehen“. Leider bezeugen diese Sätze ein gefährliches Halb-Wissen, denn die LDC werden seit der Kolonialzeit intensiv in die internationalen Handelsbeziehungen mit eingebunden. Und tatsächlich gehen die Menschen dort auch ihrem Tagewerk nach und produzieren dabei nicht nur "ganz viele Kinder", wie es fälschlicherweise an deutschen Bierstammtischen immer wieder propagiert wird. Auch wir Deutschen sind mit Schuld an der Entwicklung in vielen afrikanischen Staaten. Und wir erhalten deren Armut tagtäglich aufrecht.

Wie es dazu kam – Genese einer Abhängigkeit

Zu Beginn der Kolonialisierung wurden in den LDC vor allem die klassischen „Cash Crops“, wie Kaffee, Kakao und Baumwolle, als Exportgüter gefördert. Der landwirtschaftliche Sektor, insbesondere die kleinbäuerliche Landwirtschaft, wurden in ihrer Förderung fast vollkommen vernachlässigt. Die netten Kolonialmächte hatten nämlich neben einem anderen Glauben und anderen kulturellen Vorstellungen auch ein anderes Verständnis von Wirtschaft und Wohlstand mit im Gepäck. In Ländern, in denen Völker mit jahrtausendalten Traditionen und Kulturen lebten, sollte nun der westliche Garant das leuchtende Vorbild im Hinblick auf eine moderne Lebensweise für die afrikanischen Länder sein. Infrastrukturen und Plantagen für den Massenkonsum in den Industrieländern wurden geschaffen. Neue Landesgrenzen wurden nach den Vorstellungen der Kolonialherren - nicht etwa nach den natürlich verlaufenden Stammesgrenzen der Afrikaner – gezogen (Kongokonferenz in Berlin 1884-1885). Stammeskämpfe und –kriege sind noch heute eine Folge dieser Grenzziehungen. Durch das Eindringen der Kolonialherren in Afrika und die gezielte Ausrichtung der afrikanischen Wirtschaft für den Export von Cash Crops wurde den Kolonien die Möglichkeit entzogen, sich entweder dem Welthandel nicht anzuschließen und autonom zu bleiben, oder ihre Wirtschaft so auszurichten, dass sie auf dem Weltmarkt bestehen kann. Was die Kolonialmächte hinterließen, war zumeist geplünderte Erde und eine Gesellschaft, deren Wirtschaft und Wissen nicht dafür ausgerichtet waren, im internationalen Wettbewerb zu überleben.

Daraus resultierte eine immense Abhängigkeit von den Industrienationen, da die LDC noch heute viele essentielle Fertigprodukte nicht selbst produzieren können. Gleichzeitig sind sie durch eine einseitige Außenhandelsstruktur darauf angewiesen, dass die Industrienationen ihre produzierten Primärgüter kaufen. Ständige negative Handelsdefizite machen eine rasche Diversifizierung der Exporte in Richtung verarbeitete Industriegüter aufgrund der fehlenden finanziellen Mittel fast unmöglich - zumal der technologische Abstand zu den Industrieländern immer größer geworden ist. Da sich parallel der soziale Wohlfahrtsstart in den LDCs unter den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und den ständigen politischen Unruhen nicht oder nur sehr gering entwickeln kann, sind Verarmung und Verelendung der Bevölkerungen die mächtige Spitze eines Eisbergs, dessen Fortbestand gespeist wird, durch falsche international bestehende Handelsstrukturen, die es den Entwicklungsländern nicht erlauben, aus dem negativen Abhängigkeitsverhältnis auszubrechen.

Die Globalisierung befeuert weitere Ausbeutung

Im Zeitalter der Globalisierung werden die Entwicklungsländer immer mehr von der weltwirtschaftlichen Dynamik abgekoppelt. Die finanzielle Ausbeutung und das bestehende Abhängigkeitsverhältnis haben einen täglich weitergeführten Reichtumstranfer in die westlichen Länder zur Folge. Und wir alle beleben die Ausbeutung dieser armen Länder immer wieder aufs Neue. Ganz besonders Europa profitiert von teuren Exporten und sperrt gleichzeitig den eigenen Markt durch immens hohe Zölle ab. Ohne weltpolitische Lobby können die LDC deshalb wirtschaftlich nicht erstarken. Dies gelänge nur durch eine auf Gerechtigkeit ausgerichtete Regulierung des freien Weltmarktes. Denn was Volkswissenschaftler an dieser Stelle vermutlich als Marktversagen bezeichnen würden, ist tatsächlich ein weltpolitisches Versagen. Der ständige Tenor, diese Länder bräuchten nur ausreichend makroökonomische Stabilität, eine geringe Inflation, zunehmende privatwirtschaftliche Investitionen und eine größere Offenheit im Handel und im Finanzwesen, weist einen grundlegenden Fehler auf: eben der Glaube, dass der internationale Markt die internationale Politik ersetzen könne, wenn es darum geht, schwerwiegende soziale und wirtschaftliche Ungleichgewichte zwischen Staaten und Regionen aufzuheben. Denn Unterentwicklung resultiert eben nicht aus kulturellen oder gar mentalen Rückständen der betroffenen Gesellschaften. Es ist die Konsequenz einer verfehlten Integration der Entwicklungsländer in den von den Industrieländern beherrschten Weltmarkt.

Ein Appell an die internationale Politik

Bleiben die aktuellen globalen Handelsbeziehungen bestehen, werden die LDC selbstständig nie aus ihrer Verarmung ausbrechen können. Das globale Wirtschaftssystem ist Unterstützer und Förderer einer bestehenden Ungleichheit, die nur durch gezieltes weltpolitisches Eingreifen beseitigt werden kann. Dies langfristig zu ändern ist nicht nur ein Gebot der Humanität, sondern auch der politischen Vernunft ebenso wie des staatlichen Eigeninteresses derjenigen Gesellschaften, die sich nicht wie Inseln der Glückseligkeit von Entwicklungen in der übrigen Welt abkoppeln können. Denn der Prozess der Globalisierung birgt auch die Konsequenz wachsender Interdependenzen, die wechselseitige Verwundbarkeiten erzeugen, was die Welt am 9/11 mit den Terroranschlägen in den USA auf schreckliche Weise erfahren musste. Schon die mittelalterlichen Moraltheologen betonten: „Frieden ist das Werk der Gerechtigkeit“. Die Spielregeln aber, die derzeit den globalen Markt bestimmen, sind alles andere als gerecht und es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis Krieg und Terror das Ergebnis einer jahrzehntelangen globalen Ungerechtigkeit sein werden.

Durch Maßnahmen wie den Abbau von Zollbarrieren und der erleichterte Zugang zu Märkten und Kapital der Industrieländer (bspw. der Agrarmarkt der EU), die Regelung und Kontrolle transnationaler Konzerne (Verbot der Ausbeutung der Bevölkerung in den Entwicklungsländern durch Hungerlöhne etc.), die Stabilisierung der Rohstoffpreise, die Schuldentlastung sowie die Demokratisierung der internationalen Finanzinstitutionen (IWF, Weltbank, IFC, etc.) kann eine verstärkte Teilhabe der Entwicklungsländer am Nutzen der Weltwirtschaft erreicht werden. Egal für welchen dieser Wege man sich vorrangig entscheidet, bei allen ist die internationale Politikebene aufgefordert, tätig zu werden. Und das besser heute als morgen.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (7)

iDog 16.08.2015 | 17:47

Nur wie sollte das vonstatten gehen ohne demokratisch Instanzen. Sie sagen ja gerade, dass keine ausreichend demokratischen Isntanzen zur Intervention zur Verfügung stehen. Diese stehen nicht zur Verfügung bzw. sind machtlos , weil sie von nicht demokratischen Institutionen längst entmachtet wurden (IWF, Weltbank, IFC, etc.).

Das ergibt dann solche Phänomene, wie beispeilweise Libyen: als Gadahfi , Repräsentant des reichsten Staates in Afrika nach Sudafrika, sich daranmachte mit der Unterstützung des libyischen Reichtums einen afrikanischen Währungs- und Handelsraum zu etablieren, in dem Libyen Haupeinzahler war, kamen die NATObomber und haben genau der Initiative , die sie hier tendenziel vorschlagen, unter propagandistischem Vorwand einen Riegel vorgeschoben. Heute ist Libyen ein von DU Munition verseuchtes und praktisch unbewohnbare wasteland und eine politisch total destabilsierte Region, die aus einer starken Selbstständigkeit in ie totalew Abhängigkeit zurückfällt.

Ergo wird man an den Problemen der LDC wohl nichts änderen können ehe sich ewas in den Regionen der Welt ändert, die die dortige Situation absichtvoll konserviert und für weitere Raubzüge und Enteignungen nutzt.

Man wir den Wandel der Zustände logischerweise bei der Herrschaft anfangen müssen und nicht bei den Opfern.

Da die Profiteuer der Wertschöpfungsketten letzendlich immer die Finanzeliten sind, werden Sie sich fragen müssen, wie die wieder entmachtet werden können, anstatt Forderungen zu stellen , die jedem aufmerksamen Beobachter bekannt sind, weil die selben Finanzeliten sie als verlogene Legitimation für ihre gewalttätige Enteignungpolitik benutzen.

Sagen Sie Bescheid , falls Ihnen was dazu einfällt - strategisch.

Hallmo 16.08.2015 | 22:02

Die Märkte der Welt sind einfach Märkte. Es gibt keine "gerechten" Märkte. Nirgendwo. Jeder, der etwas auf einem Markt anbietet, setzt sich dem dortigen Wettbewerb aus.

Es kommt darauf an, dass die Gesellschaften die Regeln für Märkte bestimmen und nicht die Märkte die Regeln für die Gesellschaften.

Wer über Afrika schreibt, sollte auch die schwarzafrikanischen Milliardäre und Multimillionäre [Öl, Gold, Diamanten, Rohstoffe] nicht unerwähnt lassen.

Afrika wird heute als Wiege der Menschheit angesehen. Jetzt muss man sich fragen, was in den 70 - 50 Tausend Jahren dort geschah, bevor als Nachfahren der einst ausgezogenen und über die Welt sich ausgebreiteten afrikanischen Völker erstmals Weiße den Kontinent betraten.

Diese Frage wird erst gar nicht gestellt. Anstelle dessen wird die Geschichte von den von den weißen Kolonisatoren geschaffenen Grenzen erzählt. Das ist bequem und erklärt nichts.

Bis dahin lebten also alle afrikanischen Vöker mit ihren Jahrtausende alten Traditionen und Kulturen in Eintracht und Frieden? Das passt in die romantisierende Erzählung vom "Edlen Wilden", aber auch nur dort hin.

Die Weltwirtschaft globalisierte sich bereits mit Beginn der Industrialisierung der europäischen, der nordamerikanischen und einiger asiatischer Länder vor 250 Jahren. Eine technisch-wissenschaftliche Entwicklung in Afrika gab es über Jahrtausende schlichtweg nicht: in der Frühzeit versklavte man sich gegenseitig, später kamen vom Nordosten arabische Versklaver dazu und geschichtlich dann erst viel später europäische Völker bzw. ihre überseeischen Verwandten aus Nord- und Südamerika.

Die europäischen Kolonialmächte errichteten in Afrika erstmals funktionierende Strukturen und eine nach modernen Methoden arbeitenden Farmlandwirtschaft, die erst Anfang des 20. Jahrhundert entwickelt worden war. Nach der Vertreibung der Kolonialmächte und der Unabhängigkeit afrikanischer Staaten in den 1960ern fiel das Erbe der Kolonialmächte in die Hände von schwarzafrikanischen Clans und verfiel damit auch.

Europa, Nordamerika und einige asiatische Staaten profitierten und profitieren von der der technisch-wissenschaftlichen Entwicklung folgenden Industrialisierung, die wiederum die technisch-wissenschaftliche Entwicklung antreibt usw. usf.. Wer einmal die Nase vorn hat und nicht nachläßt, den kann man kaum mehr einholen.

Wobei einige asiatische Länder zeigten, dass auch das geht. Japan als ehemals abgeschiedenes und abgeschirmtes Land steht heute mit an der Weltspitze. Das wurde innheralb von 150 Jahren geschafft.

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Ehemaliger Nutzer 17.08.2015 | 08:16

Wenn die Bevölkerung auch nix zu fressen hat, für Eines haben sie immer Geld:

http://www.offiziere.ch/?p=20250

Der afrikanische Kontinent nimmt dabei eine Sonderrolle ein. Wie schon 2013 ist Afrika auch 2014 der Kontinent mit dem stärksten Wachstum der Rüstungsausgaben: beinahe 6 Prozent. Absolut ist dies eine Steigerung von mehr als 50 Milliarden Dollar.

http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/182645/sipri-militaerausgaben-2013-14-04-2014

In Schwellen- und Entwicklungsländern steigen die Militärausgaben ungebrochen – 2013 besonders stark in Afrika (plus 8,3 Prozent). Den größten Anstieg verzeichnete Ghana (plus 129 Prozent) vor Angola (plus 36 Prozent), den höchsten Militäretat hatte Algerien (10,4 Milliarden US-Dollar).

Natürlich werden diese Staaten von den Pösen mit vorgehaltener Waffe gezwungen, Waffen zu kaufen.

na64 17.08.2015 | 09:50

Gerade weil es nicht so dazu passt, was ich da schreibe, passte es ja gerade doch zu diesem Artikel.

Das mystifizieren des Teufels als Zeitgeist einer Kulturbeeinflussung, so wie wir es über unsere Erziehung kannten, ist Tot und wurde ersetzt durch Fortschritt, Wachstum in Wissenschaft und Finanzen und einer elektronischen Fußfessel als unsere Überwachung.

Neue Rituale entstehen, neue Glaubenslehrsätze und das teuflische an Ihnen sind die Verluste die wir bereit sind einzugehen, da wir als Mensch unsere Würde und unseren respektierten Wert, zueinander und untereinander verlieren.

Menschliches Dasein wird reduziert auf Daten und eine funktional bestimmte Klassifizierung in anerzogenes Schubladen denken.

Ich kenne deine Verhaltensmuster. Ich weiß warum diese so sind. Ich kann auch Einfluss drauf nehmen und dich zu bestimmten Entscheidungen zwingen. Du bist nur noch ein dienliches Werkzeug im System, in dem das menschliche Naturell seinen Respekt und die Achtung als Individuum verloren hat.

Ich hacke dein Gehirn, deine Psyche. Beeinflusse deine Emotionen, deine neuronalen Lebensfunktionen. Ich kann dich steuern ohne das du es merkst.

Die Zukunft wird wunderbar.

Euer Geisteszustand wird über die Nahrung vergiftet. Ihr gehört mir.

Doch wer bin Ich, der den Besitz der menschlichen Spezies als sein Eigen nennen kann?

Der Zeitgeist und das teuflische an mir, ist dass Ihr mich erschaffen habt und ich Euch jetzt regiere.

Lauft meine Untertanen, lauft und seht wie die von Menschenhand geschaffene Hölle, sich präsentiert.

Sie wird Euch verschlingen und übrig bleibt Schwefel das in Todeszonen neue Bakterienkulturen produziert und Süßwasser das Ihr nicht trinken könnt.

Ab da ist es Tot, dass Sauerstoff genährte Wunderland, dass Schlaraffenland und der Mensch nicht mehr existent.

Das war's mit der Vernunft.

Eine Projekt vom Verfassungsschutz als Kommunikationstöterbox.

Wir alle wünschen Ihnen noch eine angenehme Reise und einen Schmerzlosen Tot.

So endet was nicht enden will.

Und ich geh jetzt Brennholz produzieren. damit wir schneller an diesen Endpunkt ankommen werden.

Gladwell 17.08.2015 | 14:52

Als Grund für die Not in Afrika wird fälschlicherweise immer wieder angeführt, dass es keinen fairen Zugang zu den Märkten der Industrieländer gibt. «Everything but Arms»(«Alles außer Waffen») heißt aber ein Programm der EU, das im Jahr 2001 zur Unterstützung der am wenigsten entwickelten Ländereingeführt wurde – 34 von ihnen liegen in Afrika. Das Programm garantiert diesen Ländern den zollfreien Zugang zu den EU-Märkten für alle Güter– außer Waffen. Die Welthandelsorganisation sieht eine Ausnahme vor, die eine einseitige Marktöffnung erlaubt. Danach dürfen sie alle Produkte außer Waffen zollfrei in die EU exportieren. Bereits Bill Clinton unterzeichnete den African Growth and Opportunity Act (AGOA). Seither darf ein großer Teil aller Waren aus Afrika zu bevorzugten Konditionen in die USA exportiert werden, auch Textilien genießen Vergünstigungen. Das Problem bleibt aber, dass diese Staaten oft gar keine wettbewerbsfähigen Produkte anbieten können.

In vielen Staaten ist die Strom- und Wasserversorgung
auf wenige Stunden am Tag beschränkt. Weit über die Hälfte aller Afrikaner hat keinen Zugang zum Stromnetz. Düstere Aussichten für wirtschaftlichen Fortschritt. Weitere Investitionshemmnisse sind die Korruption, mangelhafte Infrastruktur und fehlende qualifizierte Arbeitskräfte. Außer einigen seltenen Ausnahmen gibt es weder eine qualitativ hohe Bildungsstruktur noch ein leistungsfähiges Gesundheitssystem, das eine erfolgreiche Wirtschaftsentwicklung erst möglich macht. Wirtschaftsboom ist in vielen Ländern die Angelegenheit eines festgefügten, familiär und finanziell verbundenen Leitungspersonals, das von der breiten Bevölkerung abgeschirmt ist. Es gibt durchaus vielversprechende Entwicklungen, vor allem in kleinen Ländern wie Ruanda, Botswana, Mauritius, Senegal, Seychellen, Namibia. Das sind Länder, die gezielt daran arbeiten, die Rahmenbedingungen für Investoren zu verbessern. In diesen Ländern gibt es zupackende Regierungen, die das System wirklich reformieren wollen.

Volker Seitz, Bonner-Aufruf.eu

Gladwell 17.08.2015 | 14:52

Als Grund für die Not in Afrika wird fälschlicherweise immer wieder angeführt, dass es keinen fairen Zugang zu den Märkten der Industrieländer gibt. «Everything but Arms»(«Alles außer Waffen») heißt aber ein Programm der EU, das im Jahr 2001 zur Unterstützung der am wenigsten entwickelten Ländereingeführt wurde – 34 von ihnen liegen in Afrika. Das Programm garantiert diesen Ländern den zollfreien Zugang zu den EU-Märkten für alle Güter– außer Waffen. Die Welthandelsorganisation sieht eine Ausnahme vor, die eine einseitige Marktöffnung erlaubt. Danach dürfen sie alle Produkte außer Waffen zollfrei in die EU exportieren. Bereits Bill Clinton unterzeichnete den African Growth and Opportunity Act (AGOA). Seither darf ein großer Teil aller Waren aus Afrika zu bevorzugten Konditionen in die USA exportiert werden, auch Textilien genießen Vergünstigungen. Das Problem bleibt aber, dass diese Staaten oft gar keine wettbewerbsfähigen Produkte anbieten können.

In vielen Staaten ist die Strom- und Wasserversorgung
auf wenige Stunden am Tag beschränkt. Weit über die Hälfte aller Afrikaner hat keinen Zugang zum Stromnetz. Düstere Aussichten für wirtschaftlichen Fortschritt. Weitere Investitionshemmnisse sind die Korruption, mangelhafte Infrastruktur und fehlende qualifizierte Arbeitskräfte. Außer einigen seltenen Ausnahmen gibt es weder eine qualitativ hohe Bildungsstruktur noch ein leistungsfähiges Gesundheitssystem, das eine erfolgreiche Wirtschaftsentwicklung erst möglich macht. Wirtschaftsboom ist in vielen Ländern die Angelegenheit eines festgefügten, familiär und finanziell verbundenen Leitungspersonals, das von der breiten Bevölkerung abgeschirmt ist. Es gibt durchaus vielversprechende Entwicklungen, vor allem in kleinen Ländern wie Ruanda, Botswana, Mauritius, Senegal, Seychellen, Namibia. Das sind Länder, die gezielt daran arbeiten, die Rahmenbedingungen für Investoren zu verbessern. In diesen Ländern gibt es zupackende Regierungen, die das System wirklich reformieren wollen.

Volker Seitz, Bonner-Aufruf.eu

floffimedia 19.08.2015 | 21:28

Danke für die präzise Argumentation. Gerade auch TTIP hätte aller Wahrscheinlichkeit nach verheerende Auswirkungen auf Entwicklungsländer. Wenn man nicht möchte, dass globale Wirtschaft nach dem Prinzip „der Westen gegen den Rest der Welt“ abläuft, muss man sich gegen dieses Abkommen stellen.

Einen kleinen Widerspruch habe ich im Text entdeckt: Müsste es im ersten Satz nicht „mehr als das zehnfache“ heißen? Für die Zahl selbst konnte ich auf die Schnelle leider keine Quelle finden.