A geh!

Flaneur Am schönsten ist Wien im Böhmischen Prater: wo Kirmesmusik scheppert und pfeift und sich Karussells von 1890 noch drehen
A geh!
Der Böhmischer Prater: ein Kaleidoskop aus Nostalgie und Melancholie

Fotos: Imago

Ich bin, frei nach Robert Walser, ein alter Flaneur. Ich gebe es zu, ich bin ein bisschen konservativ, ich mag Sachen und Orte, die es seit Ewigkeiten gibt, ohne dass sich groß was ändert. Ich hege einen Sinn fürs Abseitige, als Tourist sowieso.

Oktober in Wien. Heute fahre ich in Richtung des Naherholungsgebiets Laaer Berg im Süden der Stadt, 10. Bezirk Favoriten, ich will zum Böhmischen Prater, nicht zu verwechseln mit dem Wahrzeichen der Stadt, dem Wiener Prater in der Leopoldstadt. Manch einer erinnert vielleicht die spektakuläre Szene aus Der Dritte Mann: das Riesenrad hoch über dem düsteren Nachkriegs-Wien, wo Harry Lime seinem alten Freund Holly Martins zynisch die neue Zeit erklärt.

Der Bezirk Favoriten, das ist Arbeitergegend, immer schon. Früher lebten dort Tschechen, heute die Kroaten, die Türken, die Kosovaren – und ebenso die Ureinheimischen. Eine Vielvölkerstadt. Es ist eine unwirtliche Gegend, an den Fassaden der Schmäh vom Schissgrün, das übliche Bürokratengrau. Dafür lauert einem niemand im Barockkostüm auf, um zu fragen, ob man noch Karten möchte für das große Wiener-Walzer-Konzert heute Abend. Rein in den 68er-Bus, der mich in die Nähe des anderen Praters bringt. Von der Haltestelle Urselbrunnengasse ist es noch mal eine Viertelstunde zu laufen. Leicht zu erreichen ist dieser besondere Ort nicht.

Es dürfte diesen Rummel eigentlich gar nicht mehr geben, denkt man, seine Zeit scheint im Zeitalter der gehobenen Action-Freizeit längst abgelaufen. Gleich links fällt mein Blick auf ein altes Ringelspiel, dessen Figuren sich artig im Kreis drehen. Das Ringelspiel hat eine lange Tradition, es stammt von den Spielen der Ritter, die mit einer Lanze die seitlich aufgehängten Ringe durchstachen. Im Barock diente dieser Wettkampf dann zur Belustigung und wurde als Ringelreiten zum Vergnügungsspiel auf ein „Carrousel“ montiert.

Ende des 19. Jahrhunderts – die alte Donaumonarchie strebte auch architektonisch auf, die wuchtige Ringstraßenarchitektur zeugt bis heute davon. Wien war eine Stadt des Werdens, oder wie Karl Kraus es 1896 formulierte: „Wien wird jetzt zur Großstadt demoliert. Mit den alten Häusern fallen die letzten Pfeiler unserer Erinnerungen …“

Schmutzstarrende Weiber

Zum Demolieren der Erinnerungen brauchte es Arbeiter. Der Böhmische Prater entstand 1882, als sich hier eine Reihe von Ausflugslokalen für die Arbeiter ansiedelte. Dazu gesellten sich 1883 die ersten Fahrgastgeschäfte: Kettenkarussell und Russische Schaukel. Damals hieß er noch Favoriten-Prater doch schnell bürgerte sich wegen der vielen Tschechen der Name Böhmischer Prater ein. Im Illustrierten Wiener Extrablatt von 1884 heißt es: „An Sonntagen geht es im Prater am Laaer Berg, von welchem man eine herrliche Aussicht auf die Residenz genießt, so lustig zu wie in der Donauau in der Leopoldstadt, welche Kaiser Joseph den Wienern geöffnet hat.“ Weniger schön beschreibt es 1886 die Vorstadt-Zeitung: „Ekelerregende Schnapsverkäuferinnen, welche in czechischem Idiom ihre Ware anbieten; schmutzstarrende alte Weiber, die um Almosen stehen. Krüppel, welche ihre Gebrechen zur Schau stellen, verstimmte Leierkasten, die ihre ohrenbetäubenden Klänge zum Besten geben, markieren die Wege zu dieser merkwürdigen Kolonie.“

Von den Urwienern waren die Tschechen und Kroaten nicht immer wohlgelitten, aber noch viel stärker waren im k. u. k. Österreich die Unterschiede zwischen den Klassen.

Das Zentrum im Böhmischen Prater heißt Tivoli. Oft musste die Politik den Schaustellern unter die Arme greifen, weil die Eigentümer des Geländes andere Projekte im Sinn hatten: 1984 wollte eine Firma Hotels und Spielhallen errichten: „Klein Las Vegas“ sollte hier erblühen. Dem machte jedoch der Bezirk einen Strich durch die Rechnung. Das Praterareal wurde durch die Stadt Wien gekauft, und so war ab 1986 sichergestellt, dass die Schausteller weitermachen konnten.

Wann sah ich zuletzt solche Karussells? Das alte Ringelspiel von 1890 dreht sich immer noch. In den Achtzigern wurde es unter Denkmalschutz gestellt. Es ist mit seinen 12 Holzpferden das älteste Ringelspiel Europas. Die Pferdchen heißen Peter, Susi, Otto, Gitti. Sie drehen sich und drehen sich an diesem Sonntagnachmittag im Kreis, zusammen mit der Straßenbahn, dem BMW-Motorrad, der Dampflok und dem Oldtimer. Es ist ein etwas trauriges Schauspiel, die alte Orgel tönt tapfer, das Saisonende naht. Umso besser für die Fantasie. Man reist zurück in die Zeit, als der echte Drehorgelmann noch spielte und ein echter Affe den Hut hielt, als die heißen Krapfen nach Winter schmeckten. Und bevor man sofort über einem Vierterl beim Heurigen weinen will auch dies: Der Böhmische Prater ist keineswegs nur Museumsdorf, es gibt den Karibik-Twister, Automaten zum Armdrücken, den klassischen Autoscooter, der aber schön alt Autodrom heißt, Cafés und Biergärten.

Als Stadtspazierer ist es nicht meine Spezialität, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Aber da meine Redakteurin mich sanft, aber doch bestimmt dazu instruierte, gucke ich mir jemanden aus und erfülle berlinerisch meine Pflicht.

Am Riesenrad, dessen Gondeln freilich nicht wie die beim Dritten Mann geschlossen sind, sondern nur mit schmalen Geländerchen versehen, treffe ich den Franz Reinhardt. Ich frage ihn, wie lange er dieses Geschäft betreibe. Das, so Reinhardt, sei ein Lebenswerk, immer schon habe er das gemacht. Doch im Lauf der Zeiten hätte sich vieles gewandelt ...

Nun fahren wir Riesenrad

Reinhardts Riesenrad sieht aus wie aus den 70er Jahren, obwohl es erst 1988 aufgebaut wurde. Aber genau so sahen auch damals die Gondeln aus. „Warten Sie mal!“, sagt Reinhardt. Dann verschwindet er in seiner Schaustellerkabine, und als er wiederkommt, drückt er mir einen Katalog zum Böhmischen Prater in die Hand: „Darin finden Sie alles, was Sie wissen wollen.“

Von diesem Punkt an hätte das Gespräch gerne beendet sein können. Aber das war es nicht: „Und nun fahren wir Riesenrad!“, ruft Reinhardt vergnügt. Die Sache hat einen Haken: Ich bin absolut nicht schwindelfrei. Nicht einmal eine Leiter geht. Ich lehne dankend ab, aber der Herr Reinhardt hat eine liebenswürdige Art. Außerdem muss man für eine Reportage Opfer bringen, denke ich mir. Andere wühlen in unendlichen Akten, ich hingegen fahre Riesenrad. Wir steigen ein. Herr Reinhardt gibt ein Zeichen – und auf geht die Reise in der Gondel mit der sehr schmalen Brüstung.

Das Riesenrad ist nicht riesig, es misst gerade mal 21 Meter. Doch wenn man oben ist, schwebt man über Wien, sieht von der Höhe des Laaer Bergs auf die Stadt hinab. Donaucity und die alten Gasometer, in der Ferne der Stephansdom, und noch weiter im Horizont ragt der Kahlenberg. In der Höhe, auf der Spitze verharren wir ein wenig, ich schaue auf diese so schöne Stadt, die Augen fest auf den Horizont gerichtet, wie man es bei Schwindel macht. Es ist eine erhabene Höhe, aber für erhebende Gedanken ist mir jetzt wirklich zu schwindelig. „Sehen Sie, ist doch gar nicht schlimm!“, sagt Reinhardt.

Zum Ausgang. Noch vorbei am alten Raupen-Karussell der Familie Geissler. Am Kassenhaus ist ein Schild angebracht: „Diese Raupe wurde im Jahre 1929 von meinem Onkel Rudolf Rusniak gebaut“. Daneben findet sich die uralte Karussellorgel. „Die Orgel entspricht einer Orchesterkapazität von ca. 25 Mann“, steht da in geschwungener Schrift. Ich staune angesichts dieser Pracht der liebevoll bemalten Figuren und der Orgelpfeifen. Ich werfe ein paar Euro-Münzen in die Büchse des Leierkastenmanns. Er ist aus Holz, sein Gesicht ziert ein buschiger Oberlippenbart. Und dann geschieht das unvorstellbare Schöne: Plötzlich heben die Orgelpfeifen zu spielen an, Kirmesmusik setzt ein. Es scheppert, hämmert, orgelt, nicht zu laut, nicht zu leise, so wie es auf einem Jahrmarkt sein muss. Und da erklingt sie plötzlich: die Wiener-Walzer-Seligkeit, Straussens An der schönen blauen Donau. Aber nicht im Konzertsaal mit onduliertem Publikum und feinen Instrumenten gespielt, sondern fürs Volk, scheppernd und wie in einem Stück Ödön von Horváths. Das ist melancholisch und zugleich anrührend schön.

Konservative wollen etwas bewahren, was eigentlich nur noch in unserer Erinnerung seinen Ort hat. Traurig und doch auf eine Art beglückt schlendere ich fort in Richtung der Wälder.

Lars Hartmann ist Autor und Fotograf. Er schreibt für das Online-Literaturmagazin Tell

06:00 03.12.2018
Geschrieben von

Lars Hartmann

Grenzgänge zwischen Philosophie und Kunst
Lars Hartmann

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