Gott unterwerfen

Sachbuch Spezial Fethi Benslama hat mit radikalisierten Jungs aus der Banlieue gearbeitet. Sein Essay „Der Übermuslim“ erklärt deren Psyche

Fethi Benslama arbeitet als Psychoanalytiker, er lehrt an der Diderot-Universität in Paris. Gut bekannt ist er in Deutschland nicht. Doch dürfte sich dies ändern, da bei Matthes & Seitz zwei Standardwerke erscheinen. Aktuell der Band Der Übermuslim und demnächst ein Buch voll von Theorie, nämlich Psychoanalyse des Islam. Der Übermuslim ist eine Figur der Islamistenszene, die sich dadurch bestimmt, dass sie von Grund auf nicht muslimisch genug ist. Das erzeugt Übereifer. Benslama will mit dem Sezierbesteck der Psychoanalyse Erklärungen finden, weshalb sich gerade junge Muslime und Konvertiten bis hin zum Terror radikalisieren. Ein heißes Thema, weshalb es nicht falsch ist, einen Disclaimer vorauszuschicken. Benslama betont, dass es ihm nicht ums Rechtfertigen geht, sondern um ein rationales Verstehen. Erfahrungen mit diesem Phänomen des Übermuslims sammelte Benslama, weil er gefährdete Jugendliche behandelt, und in dieser Praxis tauchte der Begriff „Übermuslim“ zum ersten Mal auf.

Der Inzest

Der Übermuslim ordnet sich radikal Gott unter. Doch diese Geste der Demut dient dazu, Gott zu unterwerfen. „Der Übermuslim sucht ein Genießen, das man als ‚Mensch-Gott-Inzest‘ bezeichnen könnte, weil ein menschliches Wesen vorgibt, mit seinem Schöpfer verschmolzen zu sein, dass es in seinem Namen handeln kann.“ Aufgrund solcher internalisierter Mechanismen scheint es sinnvoll, sich diesen Dispositionen psychoanalytisch zu nähern. Zumal bei diesem Zwangsprinzip das Gefühl des Unauthentischen für die Ausbildung von Identität eine zentrale Rolle spielt. Der Muslim nimmt sich in der säkularen Gesellschaft mit seinem Glauben als ungenügend wahr, hineingezogen „in ein westliches Exil ohne Gott“.

Ein Synonym für die mörderische Radikalisierung ist der in den Medien häufig benutzte Begriff des politischen Islams. Benslama zeigt in dem Kapitel „Die Erfindung des Islamismus“ einen zentralen Aspekt. Dass nämlich das Ziel des Islamismus nicht in der Politisierung der Religion besteht, das Politische erlischt im Islamismus vielmehr komplett. Mit dem an westlichen Mustern orientierten Begriff des politischen Islams, der sich als Projektion erweist, bekommen wir nicht mehr das Spezifische des Dschihadisten in den Blick, so Benslama. Das aber sei für eine Kur der Symptome unbedingt erforderlich.

Wichtig ist dieses Buch insbesondere, wenn man verstehen möchte, weshalb junge Menschen sich dem Tod aussetzen. Insbesondere in postindustriellen Gesellschaften, die entideologisiert auftreten, lockt man mit dem Tod für eine Sache, die größer als man selber ist, allenfalls noch wenige. Für den Übermuslim jedoch besteht ein rationales Muster, das es zu ergründen gilt. Benslama spricht davon, dass sich für ihn die Grenze zwischen Leben und Tod auflöst. „Der Dschihad lässt sie vom Tod als der Quelle eines wahrhaftigeren Lebens träumen, das ihnen ein Genießen verschaffen würde, gegen das das aktuelle Leben nur wie eine vorübergehende Erregung wirkt.“

Dschihad ist ein Verfahren, das auf den Triumph des Todes ausgerichtet ist. Benslama spricht von Thanatopolitik – womit er durch die Hintertür den Begriff des Politischen wieder einführt. Der Tod wird durch ein Narrativ mit Sinn besetzt. Solche Ideologisierung funktioniert, wenn man das krude Faktum des Todes in eine höherstufige Variante überführt. Für gewöhnlich opponiert der Narzissmus gegen den Tod. Im Falle des Sprengstoffmörders wird der Narzissmus in den Dienst der höheren Sache genommen. Das „nutzlose Leben eines Taugenichts“ erhalte eine andere Würde. Das muss auch historisch, vor dem Hintergrund des Kolonialismus, begriffen werden. Die Demütigungen der Muslime erst ließen den Übermuslim entstehen. Vom Kolonialismus Napoleons bis zu den Ausschreitungen in den französischen Banliens war es insofern ein kleiner Schritt. Der Politik der Kultur und der Liebe zur Nation als westlichem Modell, setzen die Entwurzelten in den Vorstädten die „religiös-moralische Emotion“ entgegen.

„Diesen Himmelswahn kann es nur geben, wenn irdische und menschliche Hoffnungslosigkeit herrschen. Mit Grund kann man heute von einer muslimischen Verzweiflung sprechen.“ Wenn dieser simple Befund Benslamas stimmt, dann reicht allerdings die psychoanalytische Kritik nicht aus. Es muss eine politische Dimension hinzutreten, und zwar im großen Stil. Dieser Aspekt kommt bei Benslama leider zu kurz.

Lacan’sche Versatzstücke

Benslamas Essay ist zudem stark auf Frankreich zugeschnitten. In diesem Sinne sollte er eine Warnung sein. Bevor man Symptome kurieren muss, ist es besser, dass sie sich gar nicht erst bilden. Der Dschihadismus will das Leiden an der eigenen Existenz lindern, und zwar in einer Phase, in der ausgegrenzte Jugendliche anfällig für Ideologie sind. Hier liefert Benslama gute Befunde. Allerdings lässt die Lektüre des Buches ebenso einen Schluss zu, der nicht im Sinne des Autors ist. Weshalb sollte eine Gesellschaft diese Art der Zuwanderung wollen?

Leider verheddert sich Fethi Benslama zum Ende auch im Jargon und produziert Klischees: „Man muss bedenken, dass die traditionelle Welt dazu tendiert, unter dem Primat des Imaginären die Register des Symbolischen und des Realen miteinander zu vermischen und sie auf magische Weise zu überhöhen.“ Gerade an jener Stelle, wo es um die Grausamkeit gegen Frauen geht, hätte man sich statt Lacan’scher Versatzstücke eine gründliche Analyse gewünscht.

Der Übermuslim liefert gute Ansätze, entscheidende Aspekte werden nur angespielt. Insbesondere im letzten Kapitel zur Revolution in Tunesien geht die Frage des Untertitels, was junge Menschen zur Radikalisierung treibt, verloren. Sinnvoller wäre es gewesen, den geschlossenen Text zu entkoppeln und eine Essaysammlung daraus zu machen.

Info

Der Übermuslim. Was junge Menschen zur Radikalisierung treibt Fethi Benslama Monika Mager, Michael Schmid (Übers.), Matthes & Seitz 2017, 144 S., 18 €

Die Bilder des SPezials

Nadine Kolodziey, Jahrgang 1988, zählt zu Deutschlands talentiertesten Illustratorinnen. Ihre Perspektive ist laut, grell und rätselhaft: „Ich mag es, wenn meine Arbeiten einen schmutzigen, leicht punkigen Stil haben“, sagte die Grafikdesignerin dem Magazin Page. Für Salto Magazine bereist Kolodziey in jeder Ausgabe eine neue Stadt und dokumentiert ihre Beobachtungen grafisch und mit Texten. Dabei legt sie nicht nur die Zeichnung in vielen Ebenen übereinander – auch der Text der Kurzgeschichten ist zur Hälfte in Deutsch, zur Hälfte in Englisch gehalten und kann einzeln wie zusammen gelesen werden. Erschienen, in limitierter Auflage, sind: Salto #1 Berlin und Salto #2 Tokyo. Für das kommende Salto #3 ging es nach Osaka. Mehr Informationen auf nadinekolodziey.com

06:00 26.03.2017
Geschrieben von

Lars Hartmann

Grenzgänge zwischen Philosophie und Kunst
Lars Hartmann

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