Aufrührende Nachbauten

Stadtbild Preußische Geschichte, Nationalsozialismus, DDR-Rigorismus und die komplizierte Phase ab 1990: Worum es beim Streit um die Garnisonkirche in Potsdam wirklich geht

Man muss Anlauf nehmen für diese wirklich verzwickte Geschichte, voller Fußangeln, Wendungen, Sackgassen. Und man kann mit Frauke Röth zum Mittagessen gehen. Schon an der ersten Ecke zeigt sie auf eine Potsdamer Häuserzeile, es könnten Bürgerhäuser aus der Zeit der barocken Stadterweiterung sein. Röth deutet auf steinerne Knabenköpfe über Torbögen. Einer trägt Pionierhalstuch: „Wiederaufbau der Nachkriegszeit.“ Zum Balkon: „Schauen Sie mal auf das Relief!“ Tatsächlich, grauer Stein abgesetzt in gelber Fassade – Modernismus, Bruch zur historischen Vorlage. Kleiner Hinweis, das Thema Bauen in Potsdam hat einiges zu bieten.

Frauke Röth, 1980 in Halle geboren, Diplom-Ingenieurin der Architektur von der FH Potsdam, mietet einen Arbeitsraum ein paar Meter die Straße hinab im Rest eines Gebäudeensembles. Hier, Ecke Breite Straße und Dortusstraße, steht noch der Fünfgeschosser, knapp 18 Meter hoch, Konstruktionssystem SK Ost, ursprünglich mit Mensa und Rechnerhalle: das Rechenzentrum des VEB Maschinelles Rechnen. Auf ihren Internetseiten preisen sie sich heute an als „das größte soziokreative Zentrum Brandenburgs“. Frauke Röth wiederholt das, sie schaut jetzt von ihrem Schreibtisch in den Innenhof. So eine Struktur gebe es in ganz Brandenburg nicht. Sie ist eine Sprecherin all derer, die hier mieten.

Nur: Das Rechenzentrum wurde so gebaut, dass es mit einer Flanke den historischen Stadtkanal berührt. Auf der anderen Seite überbaut es ein Stück eines Grundrisses: den der Hof- und Garnisonkirche zu Potsdam. Wer nach einem komplizierten Projekt sucht, an dem Fliehkräfte der preußischen Geschichte, Nationalsozialismus, DDR-Rigorismus und die komplizierte Periode nach der Wiedervereinigung zerren sollen, muss Potsdam besuchen und sich in die Stadtplanung einarbeiten. Vielleicht hängen nirgends in der Republik Ballastsäcke mit Sand aus Geschichte, Aktivismus, Nationalsehnsucht, Eigensinn und Ranküne so schwer wie an der Idee, die Garnisonkirche wieder aufzubauen.

Die wurde, reichlich kriegsversehrt, 1968 gesprengt. Das Rechenzentrum sorgte für eine neue Konstellation: Stadtplaner*innen sprechen in solchen Fällen von „Gegenorten“, neue Bauten heben ursprüngliche Verkehrsplanung, Blickwinkel auf, betonieren Fakten. Oder beseitigen Symbole. Und um Symbole, kann man meinen, geht es in Potsdam vor allem.

Nur das DDR-Mosaik bleibt

Röth erzählt, wie die Stadt 2015 Künstler*innen, Freischaffenden, Initiativen das alte Verwaltungsgebäude überließ, von der Eigenregie, mit der sie es verwalten. Alle Räume sind vermietet, es gibt eine Warteliste. Kleine Einschränkung: Sie bekamen das Gebäude zur Zwischennutzung, es ist an einen städtischen Modernisierungsträger überschrieben und muss „ertüchtigt“ werden. Die Nutzung ist von einer sicherheitstechnischen Duldung abhängig, die Ende des Jahres ausläuft: Seit 25 Jahren hat niemand in das Gebäude investiert. Darüber hinaus ist die Beschlusslage der Stadtverordnetenversammlung klar: Rechenzentrum abreißen, die Leute aus dem Rechenzentrum sollen ins „Kreativquartier“ umziehen. Gerade wird dafür nebenan die Erde umgegraben. Ein privater Investor baut, zwanzig Jahre darf er die Mieten der Ateliers nicht erhöhen. Vom Gebäude selbst muss nur das DDR-Mosaik für den Denkmalschutz erhalten bleiben.

Im Büro singt Frauke Röth das bekannte Lied der Zwischennutzer*innen, die ihr Gebäude lieben gelernt haben, bleiben wollen. Immerhin, öffentlicher Besitz: Warum soll das abgerissen, verkauft werden? Einige Initiativen werden nicht in den glatten Neubau übertragbar sein. Sie sagt, dass die Nutzungserlaubnis verlängert werden könnte, dafür bräuchte es politischen Willen. Sie haben die Modernisierungskosten durchgerechnet, könnten die aus den Mieten stemmen, vieles selbst machen. Wenn man Frauke Röth fragt, was den jahrzehntealten Konflikt im Kern ausmacht, muss sie weit ausholen.

Aber davor müssen wir Barbara Kuster besuchen. Am letzten Montag vor Weihnachten liegt fester Dezemberfrost auf dem Ufergrün des Griebnitzsees, oben auf der Straße hantiert jemand mit dem Laubbläser, die meisten Häuser sind von Gärten umkränzt. Ein paar Straßen weiter öffnet Kuster die Haustür, geerbt, sagt sie, von ihren Eltern, ja, auch die dunklen Gründerzeitmöbel. Kuster hat Musik studiert, landete beim DDR-Kabarett, trat im Palast der Republik auf und auch sonst überall im Land. Ende August hat sie einen autobiografisch gefärbten Roman veröffentlicht.

Als aus der Sowjetischen Besatzungszone die DDR wurde, war Kuster ein halbes Jahr alt. Bis sie 21 war, wohnte sie gleich neben der Garnisonkirche, besuchte als Kind Gottesdienste in der kleinen Kapelle der Turmruine. Nach der Sprengung zog die Familie an den Griebnitzsee. Ihr Roman ist nostalgisch angelegt, die Garnisonkirche kommt vor, Geschichten von Verlust und Jugend und fröhlichem Voranmachen. Er heißt Breite Straße.

„Es ist unsere Geschichte“

Mit anderen organisiert Kuster eine Bürgerinitiative, ist im Förderverein der Stiftung Wiederaufbau. Wenn man sie fragt, warum sie für das alte Stadtzentrum und den möglichst genauen Nachbau des prominentesten Kirchenbaus des preußischen Absolutismus trommelt, merkt man, dass sie die Antwort häufiger gegeben hat: „Weil es unsere Geschichte ist.“ Ausführungen zu Friedrich Wilhelm I., Kurfürst Brandenburgs, erster Bauherr der Garnison- und Residenzstadt, Spitzname Soldatenkönig, „obwohl der nachweislich keinen Angriffskrieg geführt hat“.

Die Kirche habe er zur Disziplinierung seiner Soldaten durch christliche Werte bauen lassen, Kuster macht eine Bewegung, will eines unterstreichen: Ihr habe eine positive Idee zugrunde gelegen. All das andere, preußischer Militarismus, Hitlers Handschlag mit Hindenburg, habe sie überformt. Außerdem, Napoleons Grabbesuch bei Friedrich dem Großen, Kirche als nationalpolitischer Sammelpunkt, das sei alles so vielschichtig. „Man identifiziert sich doch mit der Geschichte, die gehört eben zu uns.“

Barbara Kuster geht es vor allem um „die Anmutung“ des Originals und um städtebauliche Korrektur. Da müsse das Rechenzentrum selbstverständlich weg. Es stehe an einem authentischen Ort der Geschichte. Was aber ist an einem Gebäude authentisch, das aus einem Turm in historischem Gewand besteht sowie einem Schiff, dessen Form nach Vorgabe der Finanziers im Bruch zur Vorlage gebaut werden muss? Kuster zögert, „Geschichte kann man besser durch authentische Orte vermitteln.“ Kurze Suche nach Worten. „Aura“ fällt ihr ein. Darum geht es.

Sie stellt sich eine Europakirche an der Breiten Straße vor, einen „Treffpunkt europäischer Kultur“, das Festival europäischer Chöre, Konzerte von Cecilia Bartoli, die in keinem anderen Saal in Potsdam auftreten könne. Und außerdem, jetzt will sie sich auch einmal wundern: „Gab es denn Streit, als der Hamburger Michel wieder aufgebaut wurde oder der Campanile in Venedig?“

Die SPD als treibende Kraft

Wiederaufbau Garnisonkirche, kurzer Rundblick: Die ersten Initiativen kamen aus Westdeutschland, es ging um Geschichtsrevisionismus, der in der DDR nicht auffiel und nicht im Chaos der Wiedervereinigung. Potsdam und Brandenburg werden seit 1989 von der SPD regiert, die Stadtverordnetenversammlung beschloss „eine behutsame Wiederannäherung an das charakteristische, historisch gewachsene Stadtbild“. Ende der 1990er Jahre begann die SPD den Wiederaufbau gegen rechte Ideen zu imprägnieren, dafür musste eine Stiftung her, das Grundstück wurde ihr überschrieben, die Landeskirche einbezogen.

Kleiner Einschub: In Brandenburg ist die SPD stark kirchlich geprägt, hier sammelte sich DDR-Widerstand, überdauerte deren Ende. Viele Sozialdemokrat*innen engagieren sich in Stiftung und Förderverein. Dass die SPD auf der Beliebtheitsskala preußischer Machthaber eher unten rangierte, fiel irgendwie nicht ins Gewicht. Sehr wohl aber der Ärger, dass die DDR alte Bausubstanz verrotten ließ.

Weitere Symbole: Viele, die lange mitmischen, erzählen, dass die Dresdner Frauenkirche ein Vorbild war, das wollten sie in Potsdam auch, kopierten Aufruf und Idee zum Wiederaufbau mit Spenden. Es ging viel um Stadtmarketing. Nur ist die Garnisonkirche kein schlichter Sakralbau. Die Potsdam-Monografie Städtebau und Herrschaft beschreibt sie als „bauliche Manifestation der engen Verflochtenheit von Staat, Militär und Kirche“, der Architekt, Professor und erklärte Wiederaufbau-Gegner Philipp Oswalt bekräftigt am Telefon ihren „problematischen Nationalprotestantismus“. Martin Sabrow, Historiker, nennt sie eine „ambivalente Ikone“ und versteht den historisierenden Neubau als eine „historisch begründete Herausforderung“, weil: „Ort der inneren Spannung und des Kampfes um Mythenhoheit“. Die altgediente Potsdamer Kommunalpolitikerin und Kunsthistorikerin Saskia Hüneke versucht am Kirchturmschmuck darzulegen, dass der Bau von Friedrich Wilhelm I. gar nicht so militaristisch daherkam.

Unterschiedliche Sehnsüchte

Frauke Röth hat eine Antwort auf die Frage nach dem Kern des Konflikts. Der symbolische Gehalt der Kirche habe eine sehr eigene Farbe: „Beim Streit um den Wiederaufbau geht es um emotionale und ästhetische Gründe. Wiedergutmachung für den Umgang mit Baudenkmälern in der DDR. Das hat mit einer Opferrolle zu tun. Und vielleicht auch mit einer Form von Trotz.“

Zwischen Röth und Kuster liegt viel Stadt, unterschiedliche Ideen von ihr und dem Leben darin. Vorstellung von Schönheit, Ideen von gebauter Historie, Umgang mit der Vergangenheit. Schon der Begriff davon trennt sie: Kuster und viele, mit denen sie sich gut versteht, wollen Geschichte wieder aufbauen, meinen damit das barocke Potsdam des frühen 18. Jahrhunderts. Nicht wenige wollen DDR-Bauten beseitigen. Röth und viele, die den Kirchenbau kritisieren, sehen darin Rückwärtsgewandtes, Militarismus. Finden den Historismus, also Neubauten, die sich alt geben, schräg.

Vor ein paar Jahren hat ein Symposium zu ergründen versucht, was für Sehnsüchte sich auf Stadträume beziehen, inwiefern sie nach vorn blicken, nostalgisch zurück. Der Sozialpsychologe Jürgen Straub stellte fest, dass Sehnsucht als zunehmend beachtetes, kulturelles, soziales oder psychologisches Phänomen, „auch eine Quittung (ist) für die rationalistische Reduktion der Welt und den als allgemeine Erfahrung sich abzeichnenden Selbstverlust.“ Er meint eine sich vertiefende Verunsicherung vieler Menschen. Man könnte sagen, dass Barbara Kuster und Frauke Röth sehr unterschiedliche Sehnsuchtsbegriffe verwenden, wenn sie auf Potsdam schauen. Sie trennen verschiedene Formen von Identifikation und die Suche nach Symbolen, die sie herstellen sollen. Stiften, sagen Politiker*innen gerne, wenn sie rote Bänder durchschneiden oder Bauabschnitte mit Spatenstichen eröffnen. Oder Kompromisse verkünden.

Die Militärstadt als Vorbild

Allerdings ist dies keine Geschichte, in der sich zwei ostdeutsche Frauen aus unterschiedlichen Generationen gegenüberstehen: Sie treffen in einem Gespinst aufeinander, in dem Entscheidungen Konsequenzen haben, Interessen um sich selbst kreisen. Wiederaufbau von Identifikationssymbolen ist nicht selten: Sankt Michaelis wurde in Hamburg gebaut, als in Potsdam noch keine 200 Häuser standen und kaum zur Hälfte bewohnt waren. Und brannte zwei Mal ab. Zuletzt gab es sogar heftigen Streit über den Wiederaufbau, Modernisten wie Cornelius Gurlitt und Peter Behrens waren strikt gegen eine Rekonstruktion. Trotzdem: 1912 stand wieder eine Kirche nach altem Bild, aber feuerfester. Unterschied zu Potsdam: Die Kirche war ein städtisches Symbol, keines, an dessen Altar erbeutete Fahnen gegnerischer Heere geweiht, in der preußische Könige begraben wurden. Keine, in der die Religionsausübung bis ins kleinste Detail durch den Regenten geregelt war, die im Herzen einen republikfeindlichen Geist trug. Zudem: Hamburger Blitzschläge und Unfälle beim Dachblechlöten waren unpolitisch.

In Potsdam versteifte sich nach 1990 die Idee der Rettung zerfallener Straßenzüge auf ein stilistisches Dogma: Ob Leitbauten oder Kreativquartier, immer war die Militärstadt Vorbild, vielleicht hier und da mit einer Gaube mehr. Paläste des Computer-Milliardärs Hasso Plattner wurden beklatscht, sie trugen ja das historistische Kleid. Für das Landesparlament spendete er eine Fassade und das Dach. Heftigen Streit gab es um den schmaleren Grundriss. Der Unterschied zum alten Stadtschloss soll zehn Zentimeter betragen haben.

Dabei hat symbolische Rekonstruktion in Potsdam keinen kleinen Preis: Die Garnison- und Residenzstadt war eine militärische Institution. Die kleine Bürgerstadt wurde überlagert und durchdrungen von der Kasernenstadt – also einer Zwangsanstalt, deren Festungsmauern Deserteure aufhalten sollte, weniger Angriffe von außen.

Das ist kein Architekturstreit

Auch in der Diskussion um die Garnisonkirche scheinen Positionen von Mauern eingegrenzt: In ihr spiegelt sich politische Debattenkultur. Barbara Kuster gibt ihrer Stimme Hall, als stünde sie schon im großen Kirchenschiff: „Sie glauben gar nicht, was Räume ausmachen, bei jeder kulturellen Veranstaltung spielen die eine Riesenrolle.“ Für die Initiativen und Künstler des Rechenzentrums gilt das mit den Räumen wohl nicht, das ist in ihren Augen ein Schandfleck. Die CDU fragte bei der Stadt an, wie es um die Kreativwirtschaft bestellt sei und machte aus den Antworten ein hübsches Schnitzwerk politischer Bevorzugung: Da würden Freischaffende aus dem Stadthaushalt unterstützt, der Metzger an der Ecke aber nicht. Man kann mit Künstler*innen sprechen, die gerne in helle Atelierräume des Kreativquartiers umzögen, den DDR-Zweckbau opfern würden: Für den Abriss könnten sie lebenslang die Stiftung beschuldigen und wären den latenten Hausbesitzer-Charme los.

„Das ist kein Architekturstreit und keiner, in dem es nur um Stadtplanung geht“, sagt Mike Schubert, man hört es, er ist leicht verschnupft. Schubert, in Potsdam aufgewachsen, ist der Oberbürgermeister. Seit 1998 sitzt er im Stadtparlament, in einem früheren Leben kam er zu den Jusos, als die eine Pressemitteilung gegen ein „preußisches Disneyland in Potsdam“ herausgaben. Anfang Dezember hat er einen Kompromiss vorgestellt. „Nebenbei“, sagt er, „ich bin noch nie für eine Kompromisssuche derart unter Feuer geraten.“

Kompromisse haben häufig das Problem, symbolische Erwartungen zu enttäuschen. Sie schmecken nach Pragmatik. In Potsdam haben sie einen mehrstufigen Prozess entwickelt, auf der Halbzeit-Pressekonferenz saßen links zwei Vertreter der Stiftung, Schubert in der Mitte, Vertreter*innen des Rechenzentrums rechts. Alle gaben acht, nicht in Kategorien von Gewinn und Verlust zu sprechen. Knapp überblickt soll die Stiftung der Stadt das Grundstück verpachten oder rückübertragen. Ein Plenarsaal für das Stadtparlament, Räume für das Potsdam Museum sollen gebaut werden. Kein Kirchenschiff. Außerdem: Im Rechenzentrum werden Verwaltungseinheiten untergebracht, es muss so verändert werden, dass sich alles zu einem „Forum an der Plantage“ zusammenfügt. Die nächste Prozessstufe soll das Nutzungskonzept ausarbeiten. Kommenden Mittwoch soll das Stadtparlament über den Vorschlag abstimmen. Nachdem die Diskussion über Jahre gedämmert hatte, kann man sagen, dass in Potsdam jetzt der Baum brennt.

Vieles bleibt unklar: Wie die Finanzierung für so ein Vielmillionenprojekt funktionieren soll, ist die offensichtlichste Frage. Der Oberbürgermeister ist überzeugt, dass Verwaltungsfunktionen und Plenarsaal eine öffentliche Grundfinanzierung stemmen, rechtlich absichern können. Er weiß auch, dass es in der Stadt günstigere Versionen für einen Plenarsaal gibt. Allerdings, Stichwort Pacht: Gegner des Aufbaus haben der Stiftung schon Finanzprobleme beim Betrieb des Kirchenturms vorgerechnet. Die Stadtverordnetenversammlung beschloss immer wieder, sie keinesfalls unterstützen zu wollen. Warum sollte die Stiftung aber einer symbolischen Pacht zustimmen?

Sie war mit der schwierigsten Ausgangsposition in die Verhandlung gegangen, der Kompromiss wirkt, als solle er sie vor Gesichtsverlust bewahren. Vielleicht deshalb: Der Kuratoriumsvorsitzende und Bischof a. D. Wolfang Huber wehrt Gesprächsanfragen ab. Der Verwaltungsvorstand ist am vereinbarten Termin nicht erreichbar. Der Kommunikationsvorstand ist schwer erkrankt, sein Stellvertreter ruft nicht zurück.

Der Stiftung fehlen Millionen

Schubert räuspert sich, er sitzt seit seinem Amtsantritt 2018 im Kuratorium. Weiß auch, dass der Stiftung selbst für den Turmbau noch fünf Millionen Euro fehlen. Und von einem seltsamen Webfehler, über den alle, die in der Stiftung mittun, irgendwie hinwegmoderieren. Vielleicht deshalb ihre Namen nicht in der Zeitung lesen wollen: Über die Hälfte der auf mittlerweile 44 Millionen Euro prognostizierten Baukosten kommen aus staatlicher Förderung. Ein Kuratoriumsmitglied verzieht schließlich das Gesicht, ja, das wäre anders besser gewesen. Aber aufhören, weil nicht genug Spenden hereinkamen? Zu stark sei allen die Symbolik vorgekommen. Seit fast zwei Jahren untersucht der Bundesrechnungshof die Förderung. Kurios: Der Bericht ist noch immer nicht veröffentlicht.

Sind damit die wilden 1990er vorbei? Keineswegs. Die symbolische Aufrüstung von Kirche und Rechenzentrum hat über Jahre die Diskussion unterspült. In dem Moment, wo ein Kompromiss konkret wird, sind viele enttäuscht. Bei manchen ist nur die Luft raus. Die Verhandler der Stiftung scheinen sich schlecht abgesichert zu haben: Der Förderverein schäumt, Mitglieder schreien Verrat, öffentliche Briefe, Rücktrittsanträge werden geschrieben, tief enttäuschte Spender geben Interviews. Ihnen wurden Turm und Schiff versprochen, sie fühlen sich hintergangen. Zur Kompromiss-Suche seien relevante Gruppen nicht eingebunden gewesen. Vorwürfe, die mit Hinterzimmer beginnen und Mauschelei enden, machen die Runde. Ein Glück, einer von der Stiftung atmet aus, dass die AfD hier keine Rolle spielt. Allerdings: Rückübertragung oder Aufgeben des Bauziels verstößt womöglich gegen Stiftungsstatuten, vielleicht sogar gegen Stiftungsrecht.

Frauke Röth hat ein Modell auf ihrem Schreibtisch, der Teil des Rechenzentrums, der auf dem Kirchengrundstück steht, lässt sich herauslösen. Was das bedeutet, kann man gut vom Dach aus sehen, also treppauf, schwere Eisentür, leichter Nieselregen. Helle Striche markieren auf der Dachpappe die Grenze zum Kirchgelände. Röth klingt erleichtert, das Rechenzentrum würde nur eine Flanke verlieren. Allerdings ist so was viel teurer als eine bloße Instandsetzung. Also wittern manche im Haus Gefahr: Wenn die Finanzierung nicht funktioniert, könnte der Bau noch immer abgerissen werden. Sie vermuten, dass etliche bei SPD und Grünen das auch wissen. Eben die, die den Zweckbau hässlich fänden. Die Linken sind sowieso heillos zerstritten. Mike Schubert hatte im Oberbürgermeisterbüro gesagt, dass es so einen Winkelzug mit ihm nicht geben würde. Er klang etwas matt. Allerdings, nächste Fußangel: Die Stiftung muss einem Weiterbetrieb des Rechenzentrums zustimmen.

Viele Kirchen, wenig Gläubige

Der Regen wird dichter, gegen den dunklen Himmel steht ein stiller Kran, Bauarbeiter wuseln übers Gerüst, im Inneren des schwerleibigen Turms. Dessen Ziegelmauern überragen das Rechenzentrum jetzt schon um über zehn Meter, verdecken eine vordere Ecke, fast sechzig Meter fehlen ihm noch. Er soll das höchste Bauwerk der Stadt werden. Kann man die Sehnsucht verstehen, dass sich eine Stadt behaglich darunter versammeln soll? „Oberflächlich ja“, Frauke Röth antwortet schnell. „Aber das zeugt auch davon, wie wenig man sich mit dem Inhalt auseinandersetzt.“ Muss die öffentliche Hand Kirchenbauten fördern? Barbara Kuster hatte am Griebnitzsee mit ihren Lieblingssätzen geantwortet: „Steine machen keine Politik. Entscheidend ist, mit was für einem Inhalt wir das Gebäude füllen.“ Mike Schubert hatte diplomatisch geschwiegen. Und erzählt, dass es in Potsdam öffentliche Gebäude gebe, in die der Efeu von außen durch die Wand wachse.

Vom Dach kann man auf den sandigen Boden schauen, zerfurcht, schwarze Schlieren darin. Im schlimmsten Fall wird sich die Brache lange halten. Sollte der Turm fertig werden, wird es in der Kapelle Gottesdienste geben. Eine Pfarrstelle muss die Stiftung selbst finanzieren, die evangelische Landeskirche lässt die bestehende auslaufen. Es gebe sowieso schon zu viele Kirchen und zu wenig Gläubige. Vielleicht werden sich Touristen einmal über ein Gebäudeensemble wundern, moderne Teile, DDR-Reste und ein sehr hoher, geziegelter Turm. Ein Lift wird sie gegen Gebühr auf einen Ausguck fahren, sie werden auf viel Barock schauen. Der Ausguck wird hoch genug sein, man kann nicht erkennen, dass es vor allem Nachbauten sind.

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