„Wie wir leben wollen“

Musik Keine protokollarische Randnotiz: Zu Tocotronics neuem Album
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„Wie wir leben wollen“

Foto: Michael Petersohn

Seit 20 Jahren begleiten uns Tocotronic und für manchen sind sie die besten „Ratgeber“ und Tröster in allen nur erdenklichen Lebenslagen und Weltschmerznöten. In ihrem neuesten und zehnten Album „Wie wir leben wollen“ protokollieren sie sanft und wunderschön ihren utopischen Lebensentwurf, aber bleiben dennoch unmissverständlich klar und deutlich im Hinblick auf das, was sie auf gar keinen Fall wollen.

Es ist ja bereits alles über Tocotronic gesagt: Wie sie wurden, was sie jetzt sind, das hat man in den letzten Wochen in jedem Feuilleton wieder und wieder lesen können. So mancher Journalist und Fan hat seine ganz persönliche Tocotronic - Sozialisation dargelegt, die Erinnerung an die ersten Hamburger Konzerte, Interviews und überhaupt die ganze Sache mit der Hamburger Schule, die in erster Linie eine journalistische Zuschreibung gewesen ist.

Jetzt, nach einer gefühlten Ewigkeit, sind sie wieder da und bescheren uns siebzehn wunderschöne neue Stücke und eine Tour. Wer sich selber mit der Deluxe-Edition beschenkte oder beschenkt wurde, bekam noch eine Bonus CD mit drei weiteren Songs dazu. Musikalisch ist so einiges passiert und das liegt mitunter nicht nur an der Aufnahmetechnik, einem alten analogen Vierspuraufnahmegerät aus dem Berliner Candybomber Studio und Moses Schneider, der bereits die letzten drei Alben der so genannten Berlin Trilogie produziert hat, sondern ebenso an der vielseitigen und komplexen Instrumentierung auf dem neuen Album: Neben Rick McPhails hervorragendem Gitarrenspiel kommen noch ein Theremin, Kastagnetten, Blechbläser, ein Kanun, Glockenspiel und eine Lap Steel Gitarre dazu. Auch die Texte lassen erahnen, dass hier mehr als sonst lektoriert und redigiert wurde. Selbst Dirks Gesang wird von mal zu Mal besser und variantenreicher.

Grob gesagt handelt das neue Album von Körpern und Befreiung, so heißt es jedenfalls in den geläufigen Presserklärungen. Aber eigentlich ist da noch soviel mehr Material, eigentlich geht es um Alles, das ganze Leben und den Tod und um das, was einen sonst noch um den eigenen Verstand bringt. Nicht mehr und nicht weniger! Das mag gewichtig und oberlehrerhaft klingen, aber Tocotronic haben es wieder mal geschafft, dass man sich nicht belehrt fühlt, denn sie sind ja höchstens nur massakrierte Oberlehrer oder unwissende Lehrmeister, auch wenn sie vorab 99 Thesen bei Twitter https://twitter.com/99_Thesen veranschlagten, die dann letztlich nur eigene Textzitate waren. Man kann also, wenn man denn will, die Diskursmaschine anschmeißen und akribisch allen Textreferenzen nachgehen, denn da wurde mal wieder so einiges in den Texten assimiliert, appropriiert und verwurstet. Von Robert Musil, über Joseph Conrad, Jaques Rancière, Morrissey (Die Revolte ist in mir), François Ozon (Unter dem Sand), Rolling Stones (Exil), Adolf Loos, Sigmund Freud, Jean Luc Nancy usw., usw. Man kann das Album auch einfach schön, schöner oder am schönsten finden. Blöd finden kann man es übrigens auch! Merkwürdigerweise haben Tocotronic dieses Mal, und das ist mehr als ungewöhnlich, eine „Textexegese“ mitgeliefert http://www.universal-music.de/tocotronic/home. Sie haben also das gewagt, was sie sonst partout ablehnen.

Die tocotronische Textauslegung seitens der Fans und Kritiker war wohl immer alles andere als eine Vereinnahmung und demonstriert genau das Spiegelspiel, das sie selber mit ihrer eigenen Bandgründung eröffnet haben. Da möchte man laut ausrufen: „Was können wir für eure neurotische Interpretationsaversion. Selber schuld, denn wer so schöne Texte schreibt, lädt auch zum Interpretieren ein, ihren Zauber verlieren die Texte trotzdem nicht!“ Irgendwie kann man das auch als Unterweisung verstehen, die zum entgegen gesetzten Handeln auffordert. Wer bei Tocotronic und ihren Fans der Hase und wer der Igel ist, weiß man eben mitunter auch nicht mehr. Also laufen, rennen, kriechen, springen, kreuchen und fleuchen wir lachend, wütend, heulend, liebend und hassend mit ihnen und durch das Leben mit. Tocotronic haben wohl die sympathischsten Fans überhaupt, auch wenn nicht alle ihre verschlungenen Wege mitgegangen sind und toleriert haben. Womöglich ist es auch so, dass sie einfach keinen Bock mehr auf die ganze Verweigerungshaltung hatten und nach anderen Wegen gesucht haben, ihren Unmut über den ganzen Mist auf dieser Welt auszudrücken. Altersweise und zynische Abgesängler sind sie ja zum Glück nicht geworden. Wer also weniger die nöligen, unmittelbar wütenden Töne mag, sondern wem die warm weichen Echo und Hall-Wohlklänge behagen, der wird ihr neues Album lieben und wird auch, die darin sorgsam, aber ganz dezidiert verpackte Wut, Verzweiflung und das Entsetzen über sämtliches Unheil dieser Welt wieder finden. Darin sind sie nach wie vor brilliant.

Die Architektur des Albums ist klug gebaut, jeder Song sitzt an der richtigen Stelle und dennoch gibt es genügend Raffinessen, Ornamente und Arabesken, verschlungen rhizomartige Gewölbegänge, aber auch grauen sozialen Wohnungsbau oder unscheinbare Tapetentüren, die in andere Räume, Zonen oder Galaxien führen. Eingerahmt, wie ein Familienalbum, ist das Ganze von Rick McPhails Sohn Caspar, der à la Benjamin Brittens The Young Person's Guide To The Orchestra den Aufbau des Songs Wie wir leben wollen erklärt und Rick McPhails Version des gleichnamigen Lieds. Übrigens, wer es noch nicht wusste, Rick McPhail singt ganz wunderbar.

Machen wir also die tocotronische Wundertüte auf: Das erste Stück, Im Keller, trällert und hallt einem zunächst, wie ein lustig naives Kinderlied entgegen; aber der Text Hey, Ich bin jetzt alt, Hey, Ich bin jetzt kalt verweist dann doch eher auf das eigene Altern, und im Weiteren wird die eigene ganz passable „Karriere“ resümiert, für die man nicht allzu viel getan hat. Dass sie nicht zum Fleiß neigen, dazu haben sich die vier Herren ja schon immer bekannt. Der Tod oder Lohn wartet bereits in der Kellergruft, in der aber bereits eine neue Version erblühen könnte, wenn man ihr denn das rechte Maß an Liebe schenken würde, denn zuviel Liebe kann auch ertränken. Eigentlich wachsen und gedeihen lediglich Schimmelpilze in Kellergewölben und keine schönen Blumen. Die brauchen nämlich Licht! Aber bei allem Jux lässt einen das auch irgendwie an den Beginn des Lebens denken, an den Ort aus dem wir alle kommen. Der Keller ist zwar eine unbeliebte Asthma fördernde Wohnetage, aber wenn man an das Haus der Lüge (Einstürzende Neubauten) denkt, wird der Keller sogar zum Schoß. Ganz schön fies psychoanalytisch und bedeutungsschwanger oder einfach nur totaler Quatsch!

Weiter wandeln wir Auf dem Pfad der Dämmerung, auf dem man sich eventuell nur zurechtfinden kann, wenn man Erdbeeren essend seine Karten verkehrt herum hält oder ein Fan der Serie Buffy the Vampire Slayer ist, sonst landet man tatsächlich in der Gruft und zwar als blutrünstiger Untoter. Gut also, dass die eigene Schulzeit vorbei ist. Aber weiteres Unheil lauert schon an der nächsten Ecke und will zurückgeschlagen werden in Form von Vereinzelung, Weltschmerz, Todesangst und dem Wunsch nach Revolution (Abschaffen), als utopischen Ort der Todesüberwindung. Energische Gitarren begleiten das Lied Ich will für dich nüchtern bleiben. So beschwingt, heiter und entschlossen hat wohl noch niemand über Süchte und den Wunsch nach clean-sein gesungen. Auch das schwierige Thema der uneindeutigen Geschlechtszugehörigkeit, das Fremdsein im eigenen geschlechtlich determinierten Körper (Neutrum) wird von einem heiteren Honky Tonk Klavier begleitet und karikiert und hinterfragt damit gleichzeitig den gesellschaftlich bedingten Heteronormativitätszwang, der einem tagtäglich und grausam nervtötend vorgeführt wird. Dass der eigene Körper nicht identisch mit sich selbst zu denken ist, sondern eine ewige Differenz oder Antithese produziert, die man nur schwer in Sprachbilder kleiden kann, das wird in Wie wir leben wollen protokolliert, aber irgendwie auch erzählt. Wie kann man also menschliche Paradoxien in Worte fassen, das, was man irgendwie nicht sagen kann? Signifikant werden, ohne in bedeutungsschwere Litaneien zu verfallen, darüber wird lässig countryesk in Eine Theorie lamentiert und ganz nebenbei Guy Debords Gesellschaft des Spektakels suspendiert. Besser sei es, sich als eigenschaftsloses Gefäß zu verstehen und nach Gegengiften zu verlangen. Vergiften kann man sich auch an der menschlichen Todsünde Neid, der dann als ambitionierter Virus den eigenen Körper zerfrisst (Die Revolte ist in mir). Das Gruselkabinett der eigenen Gefühle kann man aber auch in ein ornamentiertes Seidentuch einsticken und sich darin Warm und Grau einwickeln. Wobei ich bei dem Lied weniger an Seide, sondern an Flanell denke, wieso auch immer! Allerdings ist die Gefühlsachterbahn noch nicht zu Ende!

Die Höllenfahrt am Nachmittag samt auf- und abwandernder Basslinien ist in der Tat ein wahrer Höllenritt durch die eigene Hysterie-Hölle samt Schlaflosigkeit trotz Sedativum, die einen gleichzeitig die allgegenwärtige Prenzlauer Berg Papa-Mama-Kind Triangulation assoziieren lässt: Das ist keine Erlösung, sondern eine wüste (Alltags-)welt. Man kennt das und will das nicht mehr sehen. Irgendwie tragisch, aber auch lustig anzuhören, weil man sich bei der Liedzeile In den tieferen Bezirken merk ich wie die Pillen wirken unweigerlich an den superblöden Spruch Ich gehe in den Birkenwald, denn meine Pillen wirken bald erinnert fühlt. Aber nein, Dirk von Lowtzow kriecht bereits auf dem Uranus herum! Ob das so eine gute Idee ist, auf einem Gasplanet zu wandern? Der alltägliche Wahnsinn geht also weiter und wir schwanken auf einem delirierenden Untergrund namens Erde. Spätestens jetzt wird dem Zuhörer ganz blümerant!

Eine gewisse Affinität zu psychoaktiven Substanzen lässt auch der Song Chloroform erahnen. Oder mögen Tocotronic einfach nur sehr gerne Swimmingpools mit gechlortem Wasser? Wer Alain Delon aus Der Swimmingpool oder die Adaption von François Ozon kennt, weiß, dass das böse enden kann. Da nützt das schöne mediterrane Wetter rein gar nichts.

François Ozon begegnet uns erneut im Epilog Unter dem Sand. Da kann man freilich assoziieren, was von uns bleibt, wenn wir gehen: Erde, Sand in alle Winde verstreut, im Meer versunken. Aber Dirk von Lowtzow hat längst eine bessere Lösung gefunden; er flüchtet sich, in haarige Wesen gekrallt, hinter Tapetentüren. Ist das eine neue Interpretationshilfe für den verschwundenen Jean aus Ozons Film? Entsprechend zittrig und flüchtig, wie ein alter Greis, klingt von Lowtzows Stimme, kurz vor dem Ableben.

Dennoch, Tocotronic glauben an das Leben, jugendlichen Ungehorsam, die Kraft von Kuscheltieren (Monchichi) und anderen weichen Textilien: Lieber einen plüschophilen, heterosexuellen Soft Boy abschieben (Exil) und in Form lumpiger Ikonen in verseuchten Zonen leben, als Asylanten abschieben. So oder ähnlich hoffen Tocotronic auf Die Verbesserung der Welt, denn Europas Mauern werden sowieso fallen (Neue Zonen).

Monchichis wurden übrigens geschaffen, weil ihr Erfinder den Kindern die Botschaft über die Schönheit der Liebe überbringen wollte. Im Geiste übereiche ich also meinen Original Monchichi, den ich einst zur Einschulung bekam, als Kompliment für dieses Album an die Tocotronic-Trickgestalten! Hervorragend und bitte kuschelt exzessiv weiter. Vielleicht wird euch die Welt ja doch noch mal verstehen.

Elke Stefanie Inders, Kunst- und Geisteswissen- schaftlerin, Politologin und Lehrerin. Studium an der UNAM Mexiko, HBK Braunschweig und FU Berlin. Schreibt derzeitig auch für vonhundert

02:01 22.02.2013
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