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  • Berliner Ensemble: Thalheimer inszeniert Borcherts 
„Draußen vor der Tür“

Ein Mann kommt nach Deutschland – wirklich?

Trümmertheater Michael Thalheimer inszeniert Wolfgang Borcherts 
„Draußen vor der Tür“ am Berliner Ensemble als düstere Traumwelt

Zu den Eigenheiten künstlerischer Produktion gehört ihre Zeitgebundenheit. Sie sorgt dafür, dass historische Stoffe oft an Gewicht verlieren; mit wachsendem Abstand verändern sich die Zugänge. Doch Geschichte steht nicht still, und so kann es vorkommen, dass ein vermeintlich historischer Stoff, in dessen Antlitz man längst mit postmoderner Lässigkeit blickte, mit einem Mal in die Arena der Relevanz katapultiert wird. Die Inszenierung von Wolfgang Borcherts Draußen vor der Tür am Berliner Ensemble dürfte sich im Stadium der Endproben befunden haben, als am 24. Februar die russische Armee die Ukraine überfiel. Und plötzlich wurde der etwas angestaubte Antikriegstext aus dem Jahr 1947 auf die Streckbank der Aktualität gespannt.

Ein Mann kommt nach Deutschland – dieser wiederkehrende zentrale Satz fasst die Handlung im Grunde zusammen. In dem wohl stark autobiografisch geprägten Text verarbeitete Borchert sein Trauma als Kriegsheimkehrer. Denn ein Mann kommt nach Deutschland – und findet keinen Anschluss; wohin er auch geht, er bleibt draußen, draußen vor der Tür.

Wolfgang Borchert glaubte seinerzeit, niemand werde dieses Stück sehen oder spielen wollen. Im Februar 1947 wurde es zum ersten Mal im Nordwestdeutschen Rundfunk als Hörspiel aufgeführt, am 21. November, einen Tag nach Borcherts Tod mit 26 Jahren, fand die Uraufführung in den Hamburger Kammerspielen statt. Es war der Auftakt zu einer Erfolgsgeschichte. Bis heute ist der Text Schullektüre und erfreut sich immer wieder neuer Inszenierungen. Anlässlich des 100. Geburtstags des Autors im vergangenen Jahr drückte es der Literaturwissenschaftler Konstantin Ulmer folgendermaßen aus: „Schaut man sich die Auflagenzahlen der Werke Borcherts an und die künstlerische Verarbeitung seiner Texte in Musik, Literatur und Kunst, gibt es kaum vergleichbare Autorinnen und Autoren.“

Doch gerade dieser Erfolg verweist auf die Schwachstellen des Stücks: Mit dieser Trümmerliteratur konnten sich verdächtig viele Nachkriegsdeutsche identifizieren. Denn Beckmann, so der Name des Protagonisten, beklagt zwar den Horror des Kriegs, doch wer hier gegen wen warum und vor allem wie Krieg führte, bleibt unbestimmt. Beckmanns Leid dreht sich um ihn selbst; ob er Kameraden sterben sah, für deren Tod verantwortlich war oder selbst Gegner (oder wen noch?) tötete – stets ist er der Gepeinigte. Kein Wort über tote Rotarmisten, von der Wehrmacht massakrierte Zivilisten, den Massenmord an den Juden. Für den war 1947 das Wort „Holocaust“ noch nicht gefunden worden, doch Borchert konnte all dies wissen, er war selbst 1941 am Angriff auf die Sowjetunion beteiligt. Mehrfach wurde er verwundet, war wegen Wehrkraftzersetzung sogar im Gefängnis.

Werktreu und originell

Es ist also kein einfacher Text, den sich das Berliner Ensemble da ins Haus geholt hat, und seine Aufführung findet nun auch noch vor einem radikal veränderten Hintergrund statt. Wie also damit umgehen?

Regisseur Michael Thalheimer hat zum Glück darauf verzichtet, der Inszenierung auf den letzten Drücker einen Aktualitätsstempel aufzudrücken. Auch die historische Last, die erinnerungspolitische Debatte um den Text, bleibt außen vor. Werktreu im Text, originell in der Inszenierung, so ließe sich der Abend zusammenfassen.

Als Beckmann brilliert Kathrin Wehlisch, und diese Besetzung erscheint so selbstverständlich, dass man gar nicht auf die Idee kommt, über geschlechterpolitische Hintergründe nachzudenken. Wehlisch trägt den Abend mit einer bewundernswerten Kraft und Bühnenpräsenz, obwohl sie sich kaum vom Fleck bewegt. Ja, die meiste Zeit steht Beckmann – immer wieder im Zwiegespräch mit dem Anderen (ebenfalls Kathrin Wehlisch), einer Art bösartigem Lebenstrieb – einfach inmitten der Bühne. Deren Gestaltung (Olaf Altmann) besteht im Wesentlichen aus zahlreichen scheinbar ungeordnet von der Decke hängenden, farbig leuchtenden Glühbirnen. Was zunächst wie nicht in Bezug zum Text stehend wirkt, erweckt im Zusammenspiel mit einer Nebelmaschine und den dezenten, simplen Orgelklängen, die das Geschehen untermalen, den Eindruck einer düsteren Traumwelt. Ein Mann kommt nach Deutschland – wirklich? Liegt er nicht vielleicht noch im Schützengraben, im Lazarett oder im Gefangenenlager, und all das ist ein grausamer Traum?

Ein Alptraum ist es allemal, was Beckmann erlebt: In seinem Bett liegt ein anderer Mann neben seiner Frau, also geht er in die Elbe (Josefin Platt). Doch die lacht ihn nur aus und spuckt ihn auf eine Sandbank. Ein Mädchen (Philine Schmölzer) nimmt ihn auf, doch ihr einbeiniger Mann (Oliver Kraushaar) kehrt zurück. Gepeinigt von seinem Gewissen sucht Beckmann einen Oberst (Veit Schubert) auf, um ihm die Verantwortung zurückzugeben; als er Arbeit sucht, weist ihn ein Kabarettdirektor (Tilo Nest) mit der Begründung ab, das Publikum wolle Amüsement, nicht solche Trübsal hören. Und als er schließlich heim zu seinen Eltern will, muss er von einer Frau Kramer (Bettina Hoppe), die nun deren Haus bewohnt, erfahren, dass sich die beiden NS-Anhänger aus Verdruss über die Niederlage das Leben genommen haben.

Der Text wimmelt aus heutiger Sicht zwar von etwas platten Bildern, und teilweise betont die Inszenierung diese auch noch. Deutlich wird das beispielsweise in der Goethe-Referenz zu Beginn. Während sich in dessen Faust Gott und Teufel noch ein schier ebenbürtiges Kräftemessen liefern, schluchzt Borcherts Gott nur noch, er könne das alles ja auch nicht ändern, während sich der Tod, der sich als des Teufels ultimative Form entpuppt, rülpsend die Wampe reibt. Die Entscheidung, Gott mit dem kleinwüchsigen Schauspieler Peter Luppa zu besetzen und den Tod (Jonathan Kempf) in einem groteske Adipositas suggerierenden Kostüm auftreten zu lassen, spricht dann vielleicht doch allzu sehr Bände.

Doch im Großen und Ganzen gelingt der Drahtseilakt zwischen realistischen Elementen und absurder Überzeichnung, zwischen historischem Text und zeitgenössischer Inszenierung. Die Uniform des Obersts wirkt genauso wenig fehl am Platze wie das markante Würgen und Rülpsen des Tods. Darstellung, Bühnenbild und Musik spielen hier geschickt zusammen, ohne dass es emotionalisierend wird; der Text wird weder der Lächerlichkeit preisgegeben noch unzulässig mit Botschaften aufgeladen. So kann er in all seiner Ambivalenz blühen. Am Ende steht Beckmann mit stummem Schrei auf der Bühne, was als Anklage an die Welt völlig ausreicht.

Info

Draußen vor der Tür Wolfgang Borchert Regie: Michael Thalheimer, Berliner Ensemble

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